Alchemie

Deine Behandlung ist ein weiteres Einsatzgebiet meiner Träume.
Zieh dich endlich aus, sagt die vertraute Stimme des vertrauten Mädchens.

In den Randgebieten von Punta Massima City. Ein voller Mond mit Hof ist vorhin aufgegangen und strahlt durch die lautlos tanzenden Vorhänge in das schweißgetränkte Zimmer. Es herrschen immer noch einunddreißig Grad Celsius. Wir sitzen nackt und nebeneinander auf dem Bett und beobachten die Geschehnisse im Fenster auf der anderen Straßenseite. Das Zimmer dort ist wie jedes Zimmer hier: die hoch hinaufreichenden Wände sind weiß und ungeschmückt, ein Bett und eine Kommode, getrennt durch eine Stehlampe mit staubigem Schirm, durch den ein schwaches braunes Licht dringt. Die junge Asiatin steht aufrecht vor der Kommode, auf die sie vorhin mit höchster Sorgfalt ein kleines, schneeweißes Kissen gelegt hat. Die Frau ist außergewöhnlich groß gewachsen und sehr schön anzusehen, das Haar Obsidian und frisch gewaschen. Ihr Kimono liegt wie ein nasser Stein an ihrem Körper. Sie steht bewegungslos da, den Blick geradeaus an die Wand geheftet.

Wir warten. Meine Stimme ist leise.

Kehren wir für einen Augenblick zurück.
Zusammen, ja…

Ich setze voraus, dass der Leser eine grundsätzliche Vorstellung davon hat, welches Ziel die Alchemie tatsächlich hatte, beziehungsweise welches Ziel die Alchemie bestimmt nicht verfolgte. Nämlich den Stein der Weisen zu finden. Jene Formel, die es ermöglichen sollte, aus einem Haufen Scheiße einen Haufen Gold zu zaubern.

Fotzenkotter. (mehr …)

Bonkers

Die Bude auf das Dreifache ihrer Größe gebläht und ich mache den Auftritt, entnehme die Klinke einer anderen Hand und presse mich in den länglichen Korridor ans Ende der Schlange der angesagten Nachzügler. Homeparty und es ist so voll, dass alle Gäste zu flacher Stoßatmung gezwungen sind. Kondensat an den Wänden, auf Gesichtern, Bierflaschen. In der Küche spielt ein bärtiges Röhrenhosen-Duo seelenlose Musik auf akkustischen Instrumenten, versucht sich an Tiefgang, irgendwas mit Psy im Namen und Krishna… weiter. Gesichter, die ich kenne und küsse, dazwischen andere. Mitte Korridor dann der Crossfade, hin zu Laut & Elektrisch. Ein Kugelblitz aus lachendem Gekreische zittert irgendwo da vorne, kann nichts sehen… wird das geil…
BIER? frage ich ein bekanntes Gesicht und der Blick weist voraus, Richtung Epizentrum. Schieben, kannichma, sorry… Im Dancefloor angekommen treffe ich Bonkers aus den Boxen, kann gar nicht anders und drehe umgehend lose, mittenrein, tanze den Húlà.
BIER? kreische ich und A heavy bassline is my kind of silence-
KEIN BIER!!!
WAS?!?!?!
Tatsächlich: Der Kühlschrank ist leer und traurig. Mit einer tragischen Geste lasse ich die Kühlertür zufallen und mein Kinn auf die Brust. Es ist wahrlich zum heulen. Cocktails rundherum, bunte Fingernägel. Aber kein Bier. Wohl Zeit für meine Nummer. Ich springe auf die Tafel, mache einen Purzelbaum über die Gesamtlänge des Tisches und stehe den Abgang sicher. Mit dem Rücken zum Publikum hebe ich langsam die Arme in die Figur Messias IV.
ICH WERDE BIER HOLEN! verkünde ich dem Volke.
Alles grölt, besonders, was Hoden hat.

Brauche zehn Minuten für den Flur. Das macht einen Meter die Minute. Dann bin ich raus. Unbekanntes Viertel. Ein Schwuler hat sich an meinen Arm geklemmt und zerrt mich in ein Einkaufszentrum auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Plötzlich sitzen wir an einer Bar, alles glänzt und teuer. Huch?
Jetzt wollen wir zwei uns erst mal richtig einen genehmigen, nicht wahr?
In langstieligen Gläser blubbern rosa Universen mit Olive. Ich lerne: Je teurer der Laden desto Sklave der Mischermann. Unser Exemplar ist der vollkommene Devot und verbeugt sich derart tief, dass er sich den Schädel an der Spüle einschlägt.
Alter, sage ich. Mensch!

Raus und weiter die Straße runter, kein Späti kein Garnichts. Schlage eine Richtung ein, dann eine andere. Fehlanzeige leuchtet über allen Versuchen. Fußgängerzone. Inzwischen taghell. Setze mich auf die Bank einer sogenannten Bierzelt-Garnitur und zeichne mit einem Bleistift irgendwelchen Zufall in die Innenseite eines gefalteten Papiers, nur so aus Langeweile, bis der Kellner kommt und mich vor der drohenden Ernüchterung rettet. Niemand kommt. Nur ein paar Passanten, die neugierige Blicke über meine Schulter werfen und wissen wollen, was ich da mache. Ich klappe das Papier zusammen, und mache eine Geste, wie um Tauben zu verscheuchen während sich ganz von selber auf der Oberseite des gefalteten Papiers krakelige Striche bilden. Ein Wunder! Jetzt sind da schon eine ganze Menge Passanten, die da hinter mir stehen und wissen wollen, was abgeht und ich sehe mich gezwungen, das Papier aufzuklappen um ihnen die volle Pracht meiner Symbole in die Fressen zu schleudern. (mehr …)

Welttournee

Dreiundzwanzig. Das heutige Bitchbalett ist vorbei und der strömende Regen sieht aus als könne er Narben in meine Kopfhaut reißen. Ich denke Scheiße heilig, setze zum Schutz die Kaputze auf und stapfe durch völlig leergefegte Straßen zurück in die Zivilisation. Wolke Atem gibt die grobe Richtung vor. Alle fünfzig Meter steht eine Laterne, die hier aussehen wie Kruzi-Fixer und ein schwaches, oranges Licht auf den pockennarbigen Spiegel werfen, über den ich mich bewege und der dabei kleine Wellen schlägt. Und während ich so langsam jegliches Gefühl in meinen Fingern und Zehen verliere, kriege ich übelste Dramatik (kein Woher, kein Wohin, usw.) und übelste Angst (kein Warum, kein Wofür, usw.) und all die anderen üblen Begleiterscheinungen des Menschseins kriege ich auch. Das ganze Übel windet sich unter Zuhilfenahme einiger schwermütiger Takte (Prokofiev) in ungeahnte Tiefen, bis ich mir schließlich in die Augen pisse und dadurch erblindet plötzlich und hart gegen eine Tür scheppere.

Auf dem Bett liegt ein grauer Hirsch, der in Kürze sterben wird. Sein Atem geht flach und unregelmäßig. Ein Sabberfaden läuft ihm aus dem Mundwinkel. Auf der Bettkante sitzt eine Frau, die dem Tier auf einer lange vergessenen Art Trost spendet. Die Frau ist ebenfalls sehr alt und trägt ein Kleid aus dünnem silbrig schimmernden Stoff. Als Pointe trägt sie eine übertrieben pornöse Sonnenbrille im Gesicht. Ich falle auf die Knie.

Wir werden alle sterben, sage ich.
Idiot, sagt sie. Das Leben ist deine Welt-Tournee. Also benimm dich gefälligst wie ein Star.

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Jahresabschlussbericht

In diesem Jahr habe ich gelernt, über mich selber zu lachen. Sonst habe ich keine Leistung zu präsentieren.
Es war ein gutes Jahr, das Beste von allen.
Mein Herz ist dein Herz.
Alles. Liebe.

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Tritt nicht ins Lesbennest

Taumele durch die Veranstaltung, lange hinter mir und all den guten Vorsätzen von wegen kurzer Nacht, morgen früh aufstehen. Fahre Filme mit überhöhter Geschwindigkeit, ecke an… suche meine Leute, den Schutz der Unseren. Keine Sau… wo sind die bloß?! Räume quellen über… Sound, Layer darunter Gequatsche. Merke wie es böse wird, wie ich dringend jemanden brauche, der mich an einen sicheren Ort führt. Kann die Verfolger nicht abschütteln… sind halb draußen, halb drin… sehe meine Ängste, sehe ihre Augen mit meinen Augen… Rekursion des Horrors… Schatten, die von Wand zu Wand huschen, die auf Schallwellen reiten… Scheiße, wo sind die bloß alle hin?

Roter Raum, Downtempo, war hier noch nie… Nur Mädels… manche blinken hektisch, niemand lacht oder grinst auch nur. Mädels, ich… Ein Satz entblößter Nippel torpediert meinen Sehnerv. Kriege die Augen wieder hoch und frage superfreundlich hast du vielleicht eine Ahnung wie ich… Gift und Galle schießen von rechts an mich ran, dringen ein über alle Kanäle, muss sogar eine Hand von meinem Hemd losmachen, kurzgefeilte Fingernägel, rot. Heilige Scheiße wird doch mal fragen dürfen, oder…? Speichel fliegt durch die Luft… VERPISS DICH HIER DU NOTGEILE SAU… BÖSE SAU… UNTERDRÜCKER SAU VERGEWALTIGER SAU… HASS HASS HASS… VERPISS DICH SCHWANZ UND WEISS SCHWANZ UND WEISS ICH BRECH DIR DEINEN SCHÄDEL UND SCHNEID DIR DEINEN SCHWANZ AB DU NOTGEILE SAU SAU SAU

Jemand reißt an meinem Ärmel, ein bekanntes Gesicht zerrt mich aus dem sprudelnden, gluckernden Lokus dieser beschissenen Situation. Ich piss mir in die Augen vor Freude.
SCHEISSE DIE WOLLTE MICH UMBRINGEN!!! schreie ich.
Komm raus hier…
Feuerfeste Türen. Kühles Treppenhaus. Wir halten nicht an zum runterpulsen. Wir dürfen hier nicht sein.
Die Dicke wollte mich töten hörst, du?! Verdammte Scheiße. ICH HAB DOCH NUR WAS GEFRAGT!!!
Du bist ein Idiot! Ich hab dir gesagt geh da nicht rein.
Ich hatte mich verloren… und Satan gefunden. Sein wahres Gesicht!!! Er ist Mengenlehrer!!! JAAA Weil er teilt und teilt und teilt und mit jedem Schnitt durch die Mitte kriegste doppelten Hass. Der wird uns am Ende noch alle teilen und gegeneinander aufhetzen…
Komm weiter!
Ankunft auf dem quietschenden Sofa. Saturn und seine Ringe, Heizsonne von rechts. Ein Zimmer voll Gut. Jemand schmettert eine Arie und reißt beim Abgang den Schirm von der Stehlampe.
Die Besten Leute der Stadt.

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Branchensprung

Was willste? In die Musik?! Na drehste jetzt komplett lose oder wie soll ich das verstehen? Also im ernst Alter, das kannste nich‘ machen… Ich meine den Eindruck… das Bild, das sich die Leute von dir gemalt haben… einfach so abfackeln! Kannste nich‘ machen. Das Alles in Schutt und Asche legen… biste verrückt?! Wer soll dich dann überhaupt noch ernst nehmen? Was? Erfinde dich neu…? Sagense im Internet? Mensch, musst doch nicht alles glauben was die da schreiben… Kauf dir ’n Haustier oder was zum trinken, aber halt bloß deine Eier zusammen. Nichts ist verheerender als ein Eindruck, der plötzlich täuscht. Also. Du bist hier der Schreiber und das bleibst du auch, alles klar?! Und überhaupt, wo kämen wir hin wenn jedes Arschloch seinen beschissenen Launen nachgeben würde?

Biste sowieso zu alt für, sagen sie. Der Zug ist lange weg.
Und in genau diesem Moment platzt mir der Kragen.
Aber ich will Laut und ich will Austausch! Ich habe die Schnauze so dermaßen gestrichen voll von diesem Schreibtisch hier und dieser lautlosen Starre, in der ich mein halbes Leben verbringe. Ich will meinen Körper in rythmischem Schweiß baden! Ich will springen und spastik und schreien!!!
Ist ja gut Alter, ist ja gut… komm ma wieder runter-
Ja kapierst du mich denn nicht? Ich will nicht runter kommen! ICH WILL DIE TOTALE HYSTERIE!!!

Zieht euch warm an, Kinders. Ich habe schrägste Pläne.

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