Notiz zum Ende der Welt

Da ist erstmal das Grau. Eigentlich kein sonderlich böses Grau, kein Weltuntergangsgrau aus dem Kino, mit überzogenen Kontrasten und der dramatischen Vignette. Es ist einfach so, dass die Sonne nicht mehr rauskommt, der Himmel wolkenverhangen ist und das schon seit Wochen. Wir wachen morgens in derselben farblosen Undeutlichkeit auf, in der wir uns ins Bett gelegt haben. Und wir gehen zur Arbeit.

Dann der Sturm. Kein sonderlich böser Sturm, kein Weltuntergangssturm aus dem Kino, mit wackeliger Handkamera und Autos, die mit dem Boden voraus auf uns zufliegen. Es ist einfach so, dass es stürmt. Wir gehen mit dem Heulen ins Bett und wachen mit dem Heulen wieder auf. Dann ziehen wir uns an und gehen zur Arbeit.

Weiterlesen…


Entlassung

Wintermorgen in dunkel und zu warm, 06:45. Ich habe eine Stunde im Zimmer des Doktors verbracht und bin mir jetzt sicher, dass er solide Nebeneinkünfte hat. Keine Spur von Aufrichtigkeit oder Mitgefühl. Er ist ein bezahlter Agent, ein Stimmungsmacher, wie die meisten Wissenschaftler da draußen.

Zurück im Zimmer bin ich gerade dabei, meine Sachen in die Tasche zu räumen als es an die Tür klopft. Da uns nur sehr wenig Zeit bleibt, bleiben uns nur Fetzen – kleine, vibrierende Filmschnipsel – die Umarmbung bei bereits geöffnetem Kittel, meine Hand in ihrem Haar (weich), Zähne und Lippen (warm), vermutlich steuern wir das Bett an, meine Zunge zart über ihrer Spalte (feucht), dann fester, während ihre Beine sonstwohin zeigen,
Weiterlesen…


Acht Tage

Im zweiten Stock gibt es ganz am Ende des Flures eine Wohnung, die der Hausmeister bewohnte bevor die Sponsoren dieser Klinik anfingen, sämtliche Spuren ihrer Beteiligung an diesem Projekt zu verwischen und der Hausmeister gefeuert wurde. Schuld daran war der Leysen-Skandal Anfang letzten Jahres, bei dem ein Patient aus der Offenen Experimentellen seine Behandlung abbrach, raus in die Welt ging und sich einbildete, sein Leben sei eine neoreale Fehlkonstruktion basierend auf einem korrumpierten Bewußtsein. Er nahm sich vor, die Dinge in seinem Schädel selber in Ordnung zu bringen. Es fing eigentlich ganz harmlos an.

Weiterlesen…


QUOTE.fm

Eine Seite wie QUOTE.fm hat das Internet schon lange nötig gehabt. An dieser Stelle auch einen herzlichen Dank an die tapferen Quotateure, die das Linke Auge offen halten.


Die deutsche Spinne

Auf dem Boden neben einem der Tische im Fernsehraum finde ich einen Notizzettel mit Aufzeichnungen über die deutsche Spinne. Da ich in dieser Klinik alleine bin (abgesehen von der prallen Schwester und diesem verfluchten Schweinepriester, der hier als Doktor der Psychologie praktizieren darf) ist ein Zufall wohl ausgeschlossen. Ich sollte den Wisch finden. Der Zettel ist etwa zehn mal zehn Zentimeter groß und mit winzigen Buchstaben beschrieben. Meinem Urteil nach eine Männerhandschrift, aber bei Druckbuchstaben kann man sich da nie sicher sein. Abgesehen von der Überschrift gibt keine Absätze, ein Wort steht neben dem anderen, bis die Zeile voll ist.

Weiterlesen…


Therapeutische Sternstunde

Die letzten Tage verliefen ruhig, vorerst keine Arztbesuche mehr. Ich verbringe lange Stunden im Bett, zwischen halb Schlaf und halb Wach. Ein Zustand, der sich nur schwer einsortieren läßt. Jeden Abend gegen 19:00 Uhr kommt die Schwester mit ihrem Rollgestell und klemmt einen Schlauch an den Schmetterling, der schon vor Tagen seinen Stachel in meine Vene gesetzt hat. Vierzig Tropfen aus dem gelben Beutel bis zur lautloses Abwicklung meines Widerstandes, bis ich schließlich niemand mehr bin, formal gescheitert, der letzte Blick des Duellanten in die senkrecht stehende Sonne. Dann beginnt der Horror.

Weiterlesen…


Hysterische Gebärende

Im Kreißsaal. Tatsächlich (also kein Traum).

Erst ausgeknockt und dann fixiert in zweckentfremdeten kalten Stahl oder einen gynäkologischen Stuhl. In einer Sturzflut aus grellweißem Licht, das sogar noch hinter den zusammengekniffenen Lidern brennt. Augenlider, die ich kontrollieren kann aber nicht öffnen darf. Der Rest ist mit Nulltoleranz festgeschnallt, manche Muskeln lassen sich nichtmal mehr anspannen. Außerdem ist mir ziemlich schlecht und dass ich nicht weiß ob ich nackt bin macht mich noch verrückter. Meine jetzige Haltung entspricht etwa der Position “Die hysterische Gebärende”, nur mit dem Kopf ganz im Nacken. In meinem Mund steckt etwas Lebendiges, etwas mit einem Herzschlag, aber daran werde ich jetzt auf keinen Fall denken. Ich atme durch die Nase, kämpfe die Panik nieder, atme weiter und warte. Es ist so still in diesem weißen Horror, dass ich den nächsten Tropfen hören kann, der sich gleich in meiner Vene mit meinem treuen Blut vermischen wird – drei Tropfen pro Atemzug – Wahrscheinlich eine notwendige Maßnahme, um den Stress auf einem moderaten Level zu halten, um Muskelkrämpfe und Knochenbrüche zu vermeiden, und lästiges Geschrei.

Weiterlesen…


#include <stdio.h>

Könnte sein, dass ich das geträumt habe, könnte sein.

Die Schwester klopft in all ihrer Schönheit an meine Tür und ich mache ein Geräusch, woraufhin sich die Tür öffnet und erst ein Rollstuhl und dann sie selber erscheint. Wirklich, sie erscheint – in ihrem prallen, weißen Kittel.
“Setzen sie sich da rein”, sagt sie und ich stehe von meinem Bett auf und tänzel die paar Schritte rüber zu ihr und ihrem Fahrzeug, die Arme seitlich angewinkelt, Handflächen nach oben. Ich nenne das den Gang des Gladiatoren. Todsicheres Lächeln inklusive.
Weiterlesen…


LYSA

Ich bin mir jetzt sicher: Iich bin der einzige Patient hier. Meine Fallen aus eingeritztem Toilettenpapier sind unberührt. Seltsame Vorstellung. Das Publikum ist überschaubar.

Der Briefumschlag enthielt ein Foto, auf dessen Rückseite das Wort “LYSA” mit einem Marker gekritzelt wurde.  Eine Fisheye-Aufnahme: Sie zeigt einen Mann in einem speckigen Morgenmantel, der auf einer Couch die Position “Zappen bis zum Wegsacken” eingenommen hat. Der Fernseher ist nur von hinten zu sehen (ein LG Flatscreen, älteres Modell). Vor der Couch steht ein niedriger Tisch mit einer versifften Rauchglasplatte auf dem folgendes Arrangement zu sehen ist: Zirka zwanzig leere Bierflaschen, ein überfüllter Aschenbecher (kalte Kippen drumherum), vier aufgeweichte Pizzakartons, ein paar leere Chipstüten und eine geöffnete Dose “Feuriger Texaseintopf” in der ein Löffel steckt. Ein aufgeschlagenes Fernsehprogramm liegt auf einem Schmuddelheft (nur die Pussy einer Hausfrau, die unerkannt bleiben möchte, guckt raus). Auf allem klebt eine dünne Schicht weißer Zigarettenasche.

Weiterlesen…


Hofrunde

Mediterraner Wind während wir durch den kleinen Park spazieren, die Schwester und ich. Sie hat sich einen schwarzen Wollmantel übergezogen, der ihre Figur betont und über den Brüsten etwas spannt wie mir scheint. Mediterraner Wind in diesem November und wir knirschen wortlos durch den Kies, ich mache auf Patient und sie ist die Schwester. Es gibt keine Themen mit ausreichend Treibstoff für die Distanz.

Der kleine Park ist von drei Seiten von einer hohen Mauer umschlossen. Die vierte Seite bildet das Klinikgebäude. Ein akkurat gepflegtes Wiesenquadrat mit zwei Wallnussbäumen und einer jungen Kastanie. Der Gärtner hat einundzwanzig Blätter vergessen.

Weiterlesen…