Kopf im Eisfach

Ich hänge auf allen Vieren vor dem Kühlschrank. Das Ding ist ausgemergelt, die Lampe kaputt und ich bin pleite. Nicht nur finanziell, sondern auch seelisch, sozusagen. Ein weiches Knie am Boden, trüber Flatterblick aus zugeschwollenen Augen und eine Faust, die nicht mal mehr der Gravitation trotzen kann. Finde keinen halben Euro im Saum meiner Lederjacke, keinen Tropfen Mut in meinem Kreislauf. Meine Schreibe ist zu einem saftlosen Recycling mittelprächtiger Ansätze verkommen. Das eifrige Vartamännchen hat sich leergefickt.

Feierabend für den Ballonverkäufer.

Nach fast drei Wochen ziehe ich den Kopf wieder aus dem Eisfach und stecke neu ab: Ich höre mit dem Saufen auf, mit dem Rauchen, mit allem was klebt. Stemme Hanteln stattdessen und ich werde mir ein buntes Schiff bauen, das mich raus auf den Ozean trägt. Vier Kilometer Finsternis unter dem Kiel schrecken mich weniger ab als diese wattierte Mogelpackung hier. Ein buntes Schiff am Hang mächtiger Wellenberge, weiße Segel vor dunklen Wolken, dreifach destillierte Sätze, geschrieben unter Deck, in tropfnassem Ölzeug, breitbeinig hinter den Kartentisch geklemmt. Und da draußen ist nichts außer jeder Menge Wasser und Himmel. Astreine Atemluft. Ich kann’s kaum erwarten.


Aeroflott

Haut und Heimaterde. Großzügiges Speisenangebot. Tourismusbedarf. Vier Stunden bis zum Aufprall.


Getrippe auf dem Sofa

Die schmerzfreie Zeit. Narkotisierte Ambitionen, stabile Seitenlage. Leise Molltöne aus kleinen Lautsprechern. Musik, die von mir abperlt als wäre ich eine Wachsfigur. Löffelweise bleierne Entspannung (zu den Mahlzeiten). Im Schatten des Kleiderschrankes das alte, quietschende Beatmungsgerät, gesponsored von Floor Otis. Alle Lampen leuchten grün.

Erinnerungen an eine Pulverstraße im Herbst, an aufgeräumte Begierde in leichten Kinderschuhen, den modrigen Geruch von Walnußbäumen. An Betonwelten mit Katzentüren durch die wir rannten, ohne den Kopf einziehen zu müssen. Darf ich sie anfassen?
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Kilo Sinnlichkeit

Ein Planet zirkelt im Halbschlaf seine Bahn ab. Mehr Angebot als Nachfrage. Werte, wohin man schaut. Verwahrlosung des berühmten ICH. Kilo Sinnlichkeit in der Fleischertheke, akrobatischer Sex unter Leuchtstoffröhren. Alles mitgeschrieben und als Anonym weiterverkauft. Zwei nordamerikanische Nippel im Tanga auf der Kreuzung. Von rechts ein lomoeskes Geweihfoto, von links ein russischer Schwertransporter, BÄM! (noch so ein Wort). Sensation! Fleisch! Abspritzen! Naja.

Um cirka fünf am Morgen spiele ich mit dem Gedanken, mich auf Vampirromane oder Fantasy zu verlegen.  Tausendseitige Seitenprojekte, die die Miete einfahren und mich relevant genug für Wikipedia machen. Zappa hats getan, Bukowski auch. [1] neue Nachricht. Um cirka fünf am Morgen stelle ich fest, dass ich zwar nicht die meisten Leser habe, aber dafür die schönsten. Und wenn ich mir angucke, wer in der Bahn die dicken Bücher liest dann bleibe ich doch lieber bei meinem Zeug.


Die Miserablen

Ein weiterer Traum der hintenraus zu einer Katastrophe wird, beginnt mit einem geraden Rücken. Ich werde hier jetzt nicht die erotischen Einzelheiten auflisten, nur so viel: Die Gastschluckerin hatte in ihrer Kindheit zu viele Schläge auf den Kopf bekommen und trug diesen jetzt in den Händen, zum Schutz vor den Attacken derjenigen, die ihr etwas über das Leben beizubringen gedachten. Sie war überzeugt davon, mit dieser Taktik die beschwanzte Hälfte der Welt ausgetrickst zu haben, blieb jedoch ein abgestürtzter Vogel mit zitterndem Brustkorb und einem planierten Selbstbewußtsein.

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Fred Gier – Live

Wie versprochen war alles live. Das hier ist der Mitschnitt.


Verzerrung

Mit einer Hose voll Angst hinter dem Publikum, über dem Publikum, fleischgewordene, stotternde Albträume auf der Suche nach neuen Wegen gegen den allgegenwärtigen, elektrischen Durchfall. Medizinische Bauernopfer gegen einen Feind, der seine Bakterien bereits lange vor der ersten Diagnose im Körper der Patienten installiert hat. Jetzt habe ich die Schnauze voll.

Fröhliche Runde weiter hinten. Es fällt mir nicht schwer, mich für ein Tier zu entscheiden als das ich gerne wiedergeboren werden möchte. Selbst bei dem vorherrschenden technischen Entwicklungszyklon wird das  Bartmännchen noch eine ganze Weile lang da unten seine Ruhe haben. Haha, Prost und dann weiterschlendern, in Gesichter starren, die sich vor meinen müden Augen verzerren, dabei angestrengt Stimmen dechiffrieren, die von einem kirre gewordenen Tontechniker an den Rand der Erträglichkeit gedreht wurden. Glitschige Pussies auf einem Tablett serviert – aber in Nächten wie diesen habe ich keinen Schwanz. Die ganze Fleischnummer ist auch nur ein großartiges Ablenkungsmanöver.

Macht die Tür hinter euch zu. Ich bin erschöpft.


Kino Pausenlos

Wir sind alleine und ich eröffne die Sitzung mit der Zungenspitze. Achtel Kraft. Das Fleisch ist warm und vibriert bei der kleinsten Berührung. Ob das hier ein Traum ist, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Hinter dem Fenster der Gesang von exotischen Vögeln, die sich im anbrechenden Tageslicht verstecken. Wie gesagt, könnte ein Traum sein. Zwischenschnitt auf das durchgeschwitze Kissen, auf dem sich ihr Haar mit jedem Atemzug neu arrangiert. Wie ein Ozean.
“Ist dir eigentlich klar, dass du in diesem Moment vollkommen bist?”
“Schhht. Mach weiter…”
Auf dem Tisch im Zimmer nebenan sitzt ein gestrandeter Pirat aus Plastik. Zerzaustes Haar, zerrissenes Hemd und eine Pistole im Gürtel. Er hält seit Ewigkeiten einen grünen Edelstein gegen die dreißig Watt Sonne der Schreibtischlampe. Ich kann mich nicht erinnern, wie er überhaupt zu mir gekommen ist. Er sitzt einfach da, hält seinen Stein hoch und betrachtet ihn skeptisch. Auch jetzt, während das Mädchen in ihren Handrücken beißt.


Portable Pornos

Ich hatte dich nicht, wie PR dich hatte, der über alle Kanäle in deinen glatten Körper eindrang, während ich meine Träume von dir in den Schlaf gesungen habe. Ihr und eure privaten Pornos, portable Pornos für den schnellen Einsatz auf dem öffentlichen Klo. Hoffentlich klingelt das Drecksding nicht wieder mittendrin. Jetzt bringen Sonnenwinde mich um meine Ruhe, Blitzkrieg im Kopf und ich bin nichtmal mehr in der Lage, mir dein Gesicht vorzustellen. Vorhin war es mit der Erschöpfung schon so weit, dass ich an mir runter sah und meine Beine betrachtete als wären sie die Prothesen eines Fremden. Außerdem habe ich seit Tagen nicht mehr gekackt.

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Stadtbrillanten

Auf einer Brücke aus Stahl warte ich auf den nächsten Zug. Drei oder vier Stunden nach Mitternacht und es scheint, als habe sich die gesamte Stadt gegen mich verschworen, Wunden lecken im Nieselregen, nach einer bekloppten Schlacht im Januar 2012, dem Jahr der Apokalypse, Ruhm oder Untergang, Scheiße, und kalt geworden ist es auch.

Glamourösen Abgang hingelegt auf der Party vorhin, erschlagen von Ambitionen, die auf dem Sofa ihre Bodies aneinanderquetschen oder mit dem Rücken an den Wänden lehnen, an Cocktails nippen oder vorsichtig ihre Flasche Bier Bier (letzte Saison) über den Abend verteilen, ey Alter, na klar, endgeil… Scheiße,  ich kann die nichtmal auseinanderhalten. Und obwohl die Boxen am Anschlag laufen und alle irgendwas zur Musik machen weht ein ziemlich frostiges Windchen durch die Bude – das ist der Tod, denke ich mir – ey Alter, kennen wir, endgeil…

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