Die deutsche Spinne

Auf dem Boden neben einem der Tische im Fernsehraum finde ich einen Notizzettel mit Aufzeichnungen über die deutsche Spinne. Da ich in dieser Klinik alleine bin (abgesehen von der prallen Schwester und diesem verfluchten Schweinepriester, der hier als Doktor der Psychologie praktizieren darf) ist ein Zufall wohl ausgeschlossen. Ich sollte den Wisch finden. Der Zettel ist etwa zehn mal zehn Zentimeter groß und mit winzigen Buchstaben beschrieben. Meinem Urteil nach eine Männerhandschrift, aber bei Druckbuchstaben kann man sich da nie sicher sein. Abgesehen von der Überschrift gibt keine Absätze, ein Wort steht neben dem anderen, bis die Zeile voll ist.

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Therapeutische Sternstunde

Die letzten Tage verliefen ruhig, vorerst keine Arztbesuche mehr. Ich verbringe lange Stunden im Bett, zwischen halb Schlaf und halb Wach. Ein Zustand, der sich nur schwer einsortieren läßt. Jeden Abend gegen 19:00 Uhr kommt die Schwester mit ihrem Rollgestell und klemmt einen Schlauch an den Schmetterling, der schon vor Tagen seinen Stachel in meine Vene gesetzt hat. Vierzig Tropfen aus dem gelben Beutel bis zur lautloses Abwicklung meines Widerstandes, bis ich schließlich niemand mehr bin, formal gescheitert, der letzte Blick des Duellanten in die senkrecht stehende Sonne. Dann beginnt der Horror.

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Hysterische Gebärende

Im Kreißsaal. Tatsächlich (also kein Traum).

Erst ausgeknockt und dann fixiert in zweckentfremdeten kalten Stahl oder einen gynäkologischen Stuhl. In einer Sturzflut aus grellweißem Licht, das sogar noch hinter den zusammengekniffenen Lidern brennt. Augenlider, die ich kontrollieren kann aber nicht öffnen darf. Der Rest ist mit Nulltoleranz festgeschnallt, manche Muskeln lassen sich nichtmal mehr anspannen. Außerdem ist mir ziemlich schlecht und dass ich nicht weiß ob ich nackt bin macht mich noch verrückter. Meine jetzige Haltung entspricht etwa der Position “Die hysterische Gebärende”, nur mit dem Kopf ganz im Nacken. In meinem Mund steckt etwas Lebendiges, etwas mit einem Herzschlag, aber daran werde ich jetzt auf keinen Fall denken. Ich atme durch die Nase, kämpfe die Panik nieder, atme weiter und warte. Es ist so still in diesem weißen Horror, dass ich den nächsten Tropfen hören kann, der sich gleich in meiner Vene mit meinem treuen Blut vermischen wird – drei Tropfen pro Atemzug – Wahrscheinlich eine notwendige Maßnahme, um den Stress auf einem moderaten Level zu halten, um Muskelkrämpfe und Knochenbrüche zu vermeiden, und lästiges Geschrei.

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Könnte sein, dass ich das geträumt habe, könnte sein.

Die Schwester klopft in all ihrer Schönheit an meine Tür und ich mache ein Geräusch, woraufhin sich die Tür öffnet und erst ein Rollstuhl und dann sie selber erscheint. Wirklich, sie erscheint – in ihrem prallen, weißen Kittel.
“Setzen sie sich da rein”, sagt sie und ich stehe von meinem Bett auf und tänzel die paar Schritte rüber zu ihr und ihrem Fahrzeug, die Arme seitlich angewinkelt, Handflächen nach oben. Ich nenne das den Gang des Gladiatoren. Todsicheres Lächeln inklusive.
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LYSA

Ich bin mir jetzt sicher: Iich bin der einzige Patient hier. Meine Fallen aus eingeritztem Toilettenpapier sind unberührt. Seltsame Vorstellung. Das Publikum ist überschaubar.

Der Briefumschlag enthielt ein Foto, auf dessen Rückseite das Wort “LYSA” mit einem Marker gekritzelt wurde.  Eine Fisheye-Aufnahme: Sie zeigt einen Mann in einem speckigen Morgenmantel, der auf einer Couch die Position “Zappen bis zum Wegsacken” eingenommen hat. Der Fernseher ist nur von hinten zu sehen (ein LG Flatscreen, älteres Modell). Vor der Couch steht ein niedriger Tisch mit einer versifften Rauchglasplatte auf dem folgendes Arrangement zu sehen ist: Zirka zwanzig leere Bierflaschen, ein überfüllter Aschenbecher (kalte Kippen drumherum), vier aufgeweichte Pizzakartons, ein paar leere Chipstüten und eine geöffnete Dose “Feuriger Texaseintopf” in der ein Löffel steckt. Ein aufgeschlagenes Fernsehprogramm liegt auf einem Schmuddelheft (nur die Pussy einer Hausfrau, die unerkannt bleiben möchte, guckt raus). Auf allem klebt eine dünne Schicht weißer Zigarettenasche.

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Hofrunde

Mediterraner Wind während wir durch den kleinen Park spazieren, die Schwester und ich. Sie hat sich einen schwarzen Wollmantel übergezogen, der ihre Figur betont und über den Brüsten etwas spannt wie mir scheint. Mediterraner Wind in diesem November und wir knirschen wortlos durch den Kies, ich mache auf Patient und sie ist die Schwester. Es gibt keine Themen mit ausreichend Treibstoff für die Distanz.

Der kleine Park ist von drei Seiten von einer hohen Mauer umschlossen. Die vierte Seite bildet das Klinikgebäude. Ein akkurat gepflegtes Wiesenquadrat mit zwei Wallnussbäumen und einer jungen Kastanie. Der Gärtner hat einundzwanzig Blätter vergessen.

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Experimentelle Medizin

Vier Bäder und einen Trip später. Ich bin immernoch nicht bereit, mir das Hirn wegpusten zu lassen. Immer schön kleinklein, was? kommentiert der Arzt. Nicht sicher ob ich verstehe, was er damit meint.

Andere Sache: Mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit bin ich der einzige Patient hier. Ich habe eine winzige Markierung ins Toilettenpapier geschnitzt. Gemeinschaftsklo im Fernsehrraum. Todsicherer Ort für eine Durchfallattacke? Denkste. Mittlerweile habe ich sämtliche Toiletten präpariert, zu denen ich Zugang habe.

Und das hier noch: Gestern Morgen, ich liege träge in dieser Wanne aus Stein, das milchige Wasser stinkt nach faulen Eiern und steht mir bis zum Hals, kaum auszuhalten, also mache ich die Nase und den Mund zu, Augen und Ohren auch. Plötzlich fühle ich eine Hand, die mir die Beine langstreicht. Eine Frauenhand. Ich schrecke hoch (Wasser schwappt über und klatscht auf den Boden) und bin sofort hellwach, reiße die Augen auf, kein Mensch da. Verrückt. Ich lehne mich wieder zurück, mache die Augen zu und sofort ist die Hand wieder da, erreicht meinen Schwanz, massiert mir sanft die Eier, ganz real, und ich springe auf, stelle mich hin und gucke runter auf meinen Ständer und die weiße Brühe. Und genau in diesem Moment kommt die Schwester rein, macht Oooh! und hört sich meine gestotterten Erklärungsversuche an. Immerhin, ihr Lächeln hält bis zur Nachtruhe.


Fleisches Furcht

Die Assoziationsketten sind ein Reinfall. Auf den nächsten Begriff wartend liege ich auf dem Sofa und habe Mühe, mich wachzuhalten. Halblicht im Behandlungszimmer, die Gardinen sind fast zugezogen, neben dem Schreibtisch brennt eine Stehlampe mit Fransen, es riecht nach Desinfektionsmittel und altem Leder.

“Nichts zu machen”, sagt der Arzt nach einer längeren Pause und klopft sich dabei auf die Schenkel. Dann steht er auf, verläßt das Zimmer durch eine Seitentür und kommt nach ein paar Minuten zurück, wobei er einen altmodischen Apparat vor sich herschiebt, der ihn dazu zwingt gebückt zu gehen. Der Apparat hat ein Potentiometer, ein paar Anzeigen und eine ganze Reihe mit Zahlen beschrifteter Druckknöpfe an der Vorderseite. Aus dem hinteren Teil ergießt sich ein Strom bunter Kabel in einen Drahteimer, der an dem Fahrwerk montiert ist. Der Arzt schiebt das Gerät neben das Sofa, fixiert die Bremsen und holt aus seiner Kitteltasche eine Art fleischfarbene Badekappe mit Löchern. Er hält mir das Ding hin.

“Setzen sie das auf.”

“Ist das ein EEG?”

“Es ist die rosa Pille für ihren neuen Morgen, ihre elektrische Religion, ihr Scheiterhaufen. Macht es wirklich einen Unterschied was ich ihnen jetzt sage? Wir haben an diesem Gerät jedenfalls noch keinen Patienten verloren. Haben sie Angst vor Strom?”

Ich werfe ihm die Gummikappe zu und er fängt sie auf, steckt sie kopfschüttelnd zurück in seine Tasche.

“Schlimmer als ich gedacht habe.”

Dann geht er zu seinem Schreibtisch und läßt sich in den Ledersessel fallen. Schließlich klappt er meine Akte zu, legt seine Brille drauf und massiert sich die Nasenwurzel. Ich warte bis der damit fertig ist und mir in die Augen schaut. Dann frage ich ihn, ob er mir helfen kann.

“Nicht ohne diesen Kurzschluss.”


Ankunft

Mitten im Plattenghetto befindet sich einer dieser Stadtparks. Der vordere Teil des Parks ist der Öffentlichkeit zugänglich (Mütter und tapfere Senioren tagsüber, Drogenhändler, Obdachlose und minderjährige Liebespärchen nachts), weiter hinten der durch vier Meter Mauer abgetrennte Bereich der Kurklinik. Betreten unmöglich. Das Tor ist eine Wand aus stumpfem Panzerstahl, daneben eine Klingel inklusive Rundumkamera, Zentrum für Transplantationen aller Art, haha, ich drücke drauf.

Langsame Stunden in einem Warteraum dessen komplette Ausstattung aus einer Holzbank und einem kalten Heizkörper besteht. Ich setze mich erst, lege mich später, laufe kreuz und quer durch den Raum, drehe am Ventil der Heizung, setze mich wieder hin. Schließlich das Erstgespräch bei der zuständigen Schwester, der Warteraum sei so etwas wie ein erster Test gewesen. Und dann ein Lächeln, ganz hübsch. Morgen würde der Arzt mich sehen, sagt sie, und für heute könne ich mich auf mein Zimmer zurückziehen. Das Abendessen würde mir gebracht.

“Sie essen doch Tiere, richtig?”

Die Flure sind schwach beleuchtet, lang und leer. Grüner Lineoleumbelag sorgt dafür, dass sich hier niemand lautlos bewegen kann. Es ist November und ich war mehrfach gewarnt worden: Die Tore zu Vergangenheit und Zukunft stehen weit offen, im November.


7000000000

Geträumt, dass ich sie alle gesehen habe, erst jedem einzelnen ins Auge geschaut und dann das große Bild betrachtet habe, diese sogenannte Menschheit, sieben Milliarden Mäuler an einer halb vertrockneten Titte und kaum jemand mit einem guten Grund für seinen eigenen Fortbestand. Sinnlos arbeitende Herzmuskeln, die nunmal aufgezogen wurden und deshalb wie mechanisches Spielzeug ihren vorbestimmten Weg runterwackeln.
“Vorschläge, jemand?”
Staaten fluten, Kannibalismus legalisieren, selektive Seuchen, etc.
“Für die Seuchen haben wir bereits eine Arbeitsgruppe aufgestellt. Alles ganz ausgezeichnete Leute auf diesem Gebiet.”
Sorgfältig propagierte Hinrichtungen der wenigen Bauern die kapiert haben, dass sie aus demselben Holz geschnitzt sind wie das Schachbrett auf dem sie stehen, die letzten Helden aus Fleisch und Bein. Du sollst nicht töten. Ein paar verstörte Blicke im Raum, draußen und dreißig Stockwerke tiefer heult eine Ambulanz vorbei.
“Also gut, um die Bauern-Story sollen sich die Jungs aus der PR kümmern.”

Wenn ich nur Trommelwirbel schreiben könnte.