Zwischen Abzug und Knall

Unterwegs in Sachen Abendprogramm, eine Lokalität aus dem unteren Preissegment. Wir sind zu fünft oder zu sechst und sitzen in Retro-Sesseln, trinken modernes Bier und die Leute reden und reden und reden, ein trüber, lebloser Fluss auf dem ich ziellos dahintreibe, die Landschaft drumrum taugt auch nicht viel und ich langweile mich ernsthaft. Rauch hängt in der Luft, elektrische Musik hängt in der Luft, ich inspiziere Gesten, zerlege Sätze, entkleide und schweige, drehe nebenbei meine Kippe zwischen Daumen und Zeigefinger, nicke. Das Sofa neben uns wird frei und während wir Getränke und Ausrüstung für den Umzug einsammeln tauche ich plötzlich taumelnd am Bildrand auf und das erste was mir an mir auffällt ist, dass ich stinke. Ich stinke so sehr, dass unsere Gesichter grün werden und zwar schneller als ich auf das Sofa krachen kann, vornüber, eine alte Tüte vor die Brust gedrückt. Dann liege ich da und schnarche, ungewaschen, vollgepisste Hose und besoffen wie ein Schwein und wir stehen daneben und meckern mit zugehaltenen Nasen, verdrehen die Augen fragen uns, wie man mich überhaupt da reinlassen konnte, ist doch sonst ein ganz cooler Laden, und weil ich wirklich unerträglich stinke, beschließen wir zu gehen.

Unterwegs an einer Schnellstraße, an einer Perlenschnur. Glanzlose Perlen mit einem Fußpils in der Hand oder einer Fußmate je nach chemischer Verfassung der jeweiligen Person. Kaum Autos unterwegs in diesem Teil der Stadt, es wird bald hell. Wir sind vermutlich mehr geworden, die Schnur ist lang und ich hänge hinterher, halte mich an die pinken Leggins vor mir um nicht komplett den Anschluss zu verlieren und plötzlich höre ich dieses aus tiefster Seele gegröhlte EYYYYYYY!!! hinter mir und mein Schweiß sammelt sich für den Ausbruch. Als ich mich umdrehe sehe ich meine Silhouette gegen die Lichter eines ranrauschenden Wagens, sehe mich mit der Tüte in der Luft rumfuchteln und die Haare, die mir in allen Richtungen vom Kopf abstehen. Ich bleibe stehen, blicke noch einmal dem pinken Arsch hinterher, Wiedersehen Zucker… EYYYYYYY!!! Ja Mann, bist du blind, ich warte doch.

Die Stimme gehört wirklich mir. Guck doch nicht so blöd, Arschloch, du weißt doch, warum ich so stinke, ich habe seit Monaten kein gefliestes Badezimmer mehr gesehen, man ich habe fast vergessen wie so ein Wasserhahn klingt wenn man ihn anstellt, deshalb stinke ich so, ich bin un-ge-waschen, na und, dafür habe ich das Baby hier in der Tüte, siehste, habe hinter braunen, zugezogenen Vorhängen gelebt und getippt, während du Material rangeschafft hast, während du Party gemacht hast. Während du deinen frischgeduschten Schwanz in eine frischgeduschte Pussy geschoben hast habe ich getippt und weitergetippt, ohne Strom und ohne Wasserhahn, auf Nudeln und Ketchup. Der Unterschied zwischen dir und mir- Und in diesem Moment sehe ich den Müllwagen, der den Seitenstreifen überfährt… der Unterschied- und dann knallt es furchtbar und ich sehe das Baby in Zeitlupe durch die Luft fliegen und auf den Asphalt klatschen, ein paar Blätter rutschen raus, sehe Rücklichter, die sich mit Vollgas entfernen und einen verrenkten, leblosen Körper auf der Straße zurücklassen. Ein schrilles Pfeiffen in meinem Schädel, dann wird es still. Spätestens jetzt wäre die Zeit für den Wecker gekommen.

Mit dem Bewußtsein erwacht der Wille und ich bin wieder auf den Beinen, klopfe den Staub von meiner Hose und sammel die paar Zettel auf die aus der Tüte gerutscht sind, bin runter von der Straße, prüfe das körperliche Befinden. Dann sortiere ich die Seiten, checke, doppel- und dreifachchecke ob nichts fehlt, keine einziges Blatt. Ich muss los, höre ich mich sagen, ich muss los.


Steinbart, August 2011.


 

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