Wir kommen da raus aus diesem Loch und auf der Straße ist plötzlich der Wind, der uns unter die Mäntel kriecht und in die durchgeschwitzten Klamotten, der die knallroten Gesichter kühlt. Im Licht der Laterne betrachten wir mit angemessener Zurückhaltung, was wir uns da angetan haben. Es ist bereits zu spät für den Rückzug. Soso. Ah ja. Beim Spätkauf ziehen wir schließlich noch ein Bier und laufen hinterher durch die Straßen. So nebeneinander herzugehen erspart einem den Anblick, obwohl wir gar nicht so schlecht aussehen. Beschissener allerdings, als in dem farbigen Licht. Beschissener, als mit der Musik.
Deine Idee. Wir klettern auf ein Baugerüst und stehen irgendwann vor einem großen B, das in grellem Gelb über der Stadt leuchtet. Ich friere mir den Arsch ab aber wir stehen weiter da oben rum und gucken uns die Skyline an, gucken runter auf die vorbeifahrenden Autos, dann wieder in die Ferne. Ich weiß sogar, was du mir zeigen willst, ich meine nicht die Aussicht, sondern deine persönliche Kopie von Poesie, aber ich komme da nicht hinterher. Du beugst dich über die Brüstung und ich betrachte dich fast nüchtern, dein Haar, wie es im Wind weht, das feine Gesicht mit den traurigen Augen. Und in diesem Moment drehst du dich zu mir um.
“Ich möchte mit dir schlafen!”, rufst du laut, gegen das Geheul, und so klingt es fast wie ein Flehen.
“Warum das denn?”
Du läßt das Geländer los, fixierst meine Augen und kommst näher, vollführst eine komplette Drehung auf den Holzplanken. Ein luftiges Ballett und du legst viel rein in diese Drehung. Natürlich soll sie wirken, und selbstverständlich ein bisschen erotisch.
“Ich mag dich”, sagst du, diesmal näher. “Außerdem habe ich das ganze Zeug gelesen, das du so schreibst. Teilweise sehr erotisch.”
Ich lasse das unkommentiert und mache mich an den Abstieg. Unten auf der Straße hast du ein Taxi rangewunken, bevor ich protestieren kann und dann sitzen wir drin und du reibst deinen Schenkel an meinem und wir gucken geradeaus, an den Kopfstützen vorbei. Im Radio läuft gurkiger Drum and Bass aus dem Nahen Osten, es ist zum verrückt werden und plötzlich habe ich die Schnauze voll, habe keine Lust auf deine Baukastenwohnung und deine Seidenschlafanzüge, deine handgebackenes Teeservice und die Kondomschale aus Bergkristall.
“Das alles ist ein großer Irrtum”, sage ich, als deine Hand meinen Schwanz erreicht.
“Was ist ein Irrtum?”
“Ich schreibe überhaupt keine Texte”, sage ich und dann zum Fahrer: “Hey, du kannst mich hier rauslassen. Das ist alles ein Irrtum.”
Der Typ wirft einen unsicheren Blick in den Rückspiegel.
“Lass mich hier raus, man!”, rufe ich hysterisch und der Fahrer latscht voll in die Bremsen. Mit einem Satz springe ich aus dem Auto.
“Was…?”, ist alles was du rausbringst bevor ich dir die Tür vor der Nase zu schlage.
Ich habe keine Ahnung wo ich bin aber ungefähr einen Kilometer die Straße runter finde ich eine Tankstelle. Nach dem zweiten Kaffee verfasse ich ein formales Entschuldigungsschreiben auf der Broschüre einer lokalen KFZ-Werkstatt. Damit ist die Nacht geschafft.
Steinbart, Januar 2011.




