Als ich erwachte, in meinem eigenen Bett, stand eine Blondine, so Ende dreißig und mit einem kleinen Kind auf dem Arm, etwa da wo meine schmutzigen Turnschuhe unter der Bettdecke hervorlugten.
“Ihre Tür war auf”, sagte sie.
“Oh”, machte ich, doch es kam nicht raus. Ich versuchte umständlich, mich aufzurichten. Die Jacke steif von getrockneter Kotze und der Schädel ebenso.
“Oh”, versuchte ich nochmal, nachdem ich mich zweimal geräuspert hatte.
“Ich wollte nur mal nachsehen, ob bei ihnen alles in Ordnung ist. Normalerweise würde ich ja niemals…”
“Schon gut”, krächzte ich und räusperte mich nochmal. “Ist kein Problem.”
Nachdem das Kind einen längeren Blick auf mich geworfen hatte, fing es an zu schreien.
“Sie sehen wirklich schlimm aus”, sagte die Frau ohne sich weiter um das Geschrei zu kümmern. Offensichtlich kam sie um vor Neugier.
“Ich weiß, danke.”
Enttäuscht marschierte sie Richtung Tür. Das Kind stellte sein Geschrei ein und sah mich über ihre Schulter hinweg an. An der Schwelle blieb sie stehen.
“Dann werde ich mal wieder”, sagte sie. “Sind sie sicher dass sie nichts brauchen?”
“Absolut sicher.”
Ich sah ihr nach wie sie an der Küche vorbei in den Hausflur stolzierte. Während ihr Arsch sich wie in einer Lavalampe hin und herwiegte, hackten ihre Absätze tiefe Löcher in meine Dielen. Sie zog ihre Register und anschließend die Wohnungstür hinter sich zu. Als das Klappern im Innenhof zu hören war, stand ich auf. Im Bad entledigte ich mich sämtlicher Klamotten und warf sie unter das Waschbecken. Dann schäumte ich mich viermal ein und wusch mir viermal die Haare.
Nachdem ich sämtliche Fenster aufgerissen hatte, setzte ich mich mit einer Tasse Kaffee in die Küche an den kleinen Tisch und sah hinaus in den Nachmittag. Der Himmel wollte mir ein Umwetter verkaufen, hielt sich jedoch vorerst zurück und malte rot. Ich blieb nackt an dem Tisch vor dem offenen Fenster sitzen, bis ich vor Kälte zitterte. Dann stand ich auf, zog mir was über und kochte mir eine Portion Nudeln. Für den Rest des Tages blieb ich mit meinem ketchup-verschmierten Teller am Küchentisch sitzen, las ein bißchen Pelewin, schnitt meine Finger- und Fußnägel, rauchte und wartete auf den Abend.
Im Kühlschrank fand ich eine Flasche Wein. Mit einem Glas in der Hand und einer Zigarette in der anderen stellte ich mich wieder ans Fenster. Ich mag den frühen Abend, wenn die Gerüche des Tages verschwinden und denen der Nacht Platz machen. Wenn es leiser wird und klarer, wenn der Himmel seine Macht verliert und die Parks zu gefährlichen Territorien werden, wenn sich das gemeine Volk betäuben läßt und die Ratten die Stadt übernehmen.
Ein Pizzafahrer düste mit seinem Roller in den Hinterhof. Routiniert sprang der junge Mann ab und öffnete die Aluminium-Kiste auf seinem Gepäckträger. Der Geruch zog rauf bis in meine Küche. Parmesan, Schinken, Basilikum. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und hetzte mit einem durchgeweichten, quadratischen Pappkarton in einen Treppenaufgang auf der anderen Seite des Hofes. Auf jeder Zwischenetage gabs ein Fenster. Die Intervalle, in denen er in den Fenstern erschien wurden immer länger. Der Typ tat mir leid. Nicht nur wegen der sechs Stockwerke, sondern vor allen Dingen weil unten seine Pizzaflitzer-Alukiste von einem jungen Mädchen leergeräumt wurde, die plötzlich aus dem Nichts im Hof aufgetaucht war.
Ich konnte den Dialog nicht hören. Hier also nur eine Vermutung: Die ältere Dame, bei der der Pizzabote klingelt, ist außer sich und behauptet, dass sie keine Funghi mit Extrakäse bestellt habe. Sie behauptet außerdem, sie habe noch nie etwas bei einer Essenlieferfirma bestellt, denn das wäre ihr viel zu schade ums Geld. Sie sei schließlich Rentnerin und müsse ihre wenigen paar Mark zusammenhalten. Der Pizzaflitzer telefoniert anschließend kurz mit Pizzaflitzer-HQ und tritt dann den Rückzug an, nicht ohne sich freundlichst entschuldigen. Danach schlägt ihm die ältere Dame die Tür vor der Nase zu.
Von all dem hörte ich nur das Krachen der Wohungstür. Als der junge Pizzafahrer seine Funghi mit Extrakäse zurück in die Alubox stellen wollte, hielt er einen Moment still. Synapsen quollen aus seinen Ohren wie wilde Glühwürmchen. Er kramte einen Zettel aus seiner Hemdtasche, las und rieb sich die Stirn. Dreimal öffnete und schloss er die Kiste. Sie blieb leer.
“Scheiße.”, zischte er leise und sah vorsichtig hinauf in die Fenster des Hinterhofes. Mich sah er auch an, drehte aber seinen Kopf weiter, als sei ich unsichtbar.
“Scheiße.”, wiederholte er nochmal. Dann warf er die Funghi in die Kiste stieg er auf seine Vespa und gab Gas.
Kurz vor Mitternacht. Ich war durch mit der Flasche und wünschte mir, dass etwas passieren würde. Es passierte nichts. Dann, um kurz nach eins, gingen mir die Zigaretten aus. In meinem Hinterhof wird seit Anbeginn der Zeit zwischen null und ein Uhr kopuliert. Ein ungeschriebenes Gesetz, das auch den Einsamen, den Rentnern, den Arbeitslosen und Sozialarbeiterinnen, den Poeten und Mönchen unter uns Mietern eine faire Chance einräumen soll, an so etwas wie Liebesleben teilzunehmen. Nachdem ich mir eine neue Schachtel Zigaretten aus der Kneipe an der Ecke geholt hatte, hörte ich einem Nachzüglerpärchen zu, bis mein Ständer wieder zusammengefallen war. Dann zog ich meinen zweiten Anzug an, wischte mir den Dreck von den Schuhen und ging auf die Straße. Zeit für den Bahnhof.
In der Kneipe an der Ecke trank ich eine Flasche Bier. Ich ließ mir noch eine weitere geben und kurz bevor ich den Laden verließ, kritzelte ich folgendes in mein kleines Notizbuch:
unter meinem augenlid, das liebe leben.
Ich klappte das Ding zu, verstaute es in meiner Innentasche und nickte dem Wirt zum Abschied. Die Männer an der Theke tuschelten, als ich hinausging. Während ich durch die Straßen schlenderte, hatte ich folgende Gedanken: Als erstes dachte ich an ein Leben im Überfluss. Ich dachte an ein Batallion sympathischer Prostituierter auf einer Yacht, die die schönsten Häfen dieser Welt ansteuert. An dunkelrote Sonnenuntergänge, gute Bücher (die Yacht ist mit einer umfangreichen Bibliothek ausgestattet, in der kein einziges schlechtes Buch geduldet wird) und an einen niemals endenden Vorrat an Vodka, Wein und Zigaretten. Dann dachte ich an die Blondine mit dem Kind und an Omon Ra, an ein Gedicht, das ich einmal schreiben wollte und doch nie schrieb und an die Ballade von der Mäusefrau.
Ich mag Bahnhöfe. Den Bahnsteig abzuschreiten, der ganzen Länge nach, dass heißt, vom Treppenaufgang bis zu dem Piktogramm mit der durchgestrichenen Person drauf, macht selbstverständlich mehr Spaß wenn man selber auf einen Zug wartet. Aber auch wenn die Taschen leer sind ist es ein angenehmes Gefühl. Ich hatte nie ein Problem damit mir vorzustellen, dass ich gleich nach Rußland fahren würde. Nicht mit einem pfeilschnellen Express, sondern mit einer klapperigen Regionalbahn. Unbequeme Sitze in Sechserabteilen, eine winzige Toilette am Ende des Wagons und einem kleinen Wägelchen statt eines Zugrestaurants. Rauchen bitte auf dem Gang.
Ganz am Anfang des Bahnsteigs saß eine junge Frau auf einer Bank. Als ich vorbeiging sah sie mich kurz an. Neben ihr stand ein großer, ziemlich abgenutzter Koffer. Bei meiner nächsten Runde würde ich sie ansprechen, nahm ich mir vor. Folgenden Dialog legte ich mir zurecht:
Ich: “Wohin fährst du?”
Sie: “Pardon?”
Ich: “Wohin fährst du?”
Sie (in gebrochenem Deutsch): Ich fahre nach Moskva. Zu meine Familie.
Ich: “Zigarette?”
Sie: “Gerne.”
Wir rauchen zusammen und schweigen.
Ich: “Ich würde dir gerne eine Geschichte erzählen.”
Sie: “Gehen wir ein Ticket kaufen.”
Unten, am Schalter, kauft sie ein Ticket und legt es in meine offene Hand, die sie in ihren Händen hält.
Sie: “Hier, ich bezahle deine Geschichte.”
Ich stecke das Ticket ein und wir gehen wieder hinauf. Es ist natürlich, dass ich die Geschichte erst im Zug beginnen werde. Es besteht kein Grund zur Eile. Deshalb warten wir, dicht nebeneinander sitzend, auf den Zug. Ab und zu stecke ich zwei Zigaretten an und reiche ihr eine. Sie raucht schweigend und ohne mich dabei anzusehen.
Hundertvierunddreißig Durchschnittsschritte auf der weißen Linie. Vom Anfang des Bahnsteigs bis zum Schild. Ich war auf dem Rückweg. Eine Runde noch, dann würde ich sie ansprechen. Sie sah mir jedesmal hinterher, wenn ich vorbei ging. Ich konnte ihren Blick in der Spiegelung des Süßigkeitenautomatens erkennen. Ich fragte mich ob sie wußte, wer ich war.
Auf dem Weg zurück wurden meine Schritte kürzer. An der Mülltonne hinter dem Wagenstandsanzeiger blieb ich stehen. Hier konnte sie mich nicht sehen. Ich machte die Flasche auf und trank sie aus. Danach steckte ich mir einen Kaugummi in den Mund, stellte die Bierflasche auf den Abfallbehälter (es war eine Pfandflasche und ich erspare den Jungs gerne die schmutzigen Hände) und ging langsam weiter. Während ich scheinbar den Boden vor mir untersuchte, registrierte ich ihren Blick, der auf mir lastete wie ein Urteil.
Noch bevor ich das erste Wort über die Lippen brachte war ich gescheitert. Der Blick, den sie mir schenkte als ich stehenblieb und mich ihr zuwandte, entschied die Runde. Sie hatte mich aus der Verhandlung gelacht bevor ich mein Plädoyer vorbringen konnte.
“Entschuldigen Sie”, sagte ich.
Als ich wieder zu mir kam war ich schon in den Straßen unterwegs.
(2004)
Steinbart, Mai 2010.




