Woher kommt diese Stille? Der Himmel über der Kastanie im Hinterhof ist grau. Früher Morgen, der Mund ausgetrocknet, kein Schlaf, das Bett ist unberührt, ein paar Haare von dir auf den Laken. Der Wecker klingelt und ich schlurfe hin, in meinen Hausschuhen, um ihn abzuschalten. Komm zu dir, Steinbart. Komm zu mir. Nicht verkatert, kein Schluck. Vertrocknete Haut, vertrocknete Synapsen, brüchig, spröde. Haut, die sich ablöst. Unter dem Bademantel und dem Hemd, unter der zerschlissenen Hose. Schriftstellermode nanntest du das. Dabei verbringe ich nur Nächte, querbeet, mit Geschichten vom Fährmann und denen. Komm zu dir, Steinbart, Zigaretten suchen. Zwischen losen Zetteln und künstlich gealterten Erinnerungsfotos, in leeren Flaschen und dem Knopfakkordeon. Komm zu dir, Kaffee machen. Der Himmel ist zu grau, was, wenn etwas unvorhergesehenes eingetreten ist? Wieder in der Küche auf dem Stuhl setzt dann die Atmung ein und mein Herz beginnt, zähes Blut durch die Adern zu pumpen. Pumpen. Weiter. Pumpen. Also stehe ich auf, mache Kaffee, bekleckere den Morgenmantel, komm zu dir. Ohne Schlaf ist auch der graue Morgen klar, kein Kind von Traurigkeit. Während die Kaffeemaschine auf dem Herd steht, schaue ich aus dem Fenster. Tausend Mann stehen in Morgenmänteln vor dem Fenster und warten auf den Kaffee und schauen zurück, aus ihren Träumen zu mir hinauf. Kaffee, Dusche, der Weg zu Tisch und Stuhl der Aktiengesellschaft, für die ich Abläufe optimiere. 40 Kilometer Autobahn, dann 77 Kilometer Landstraße, tückisch, eine Allee der Kreuze und Kerzen. Der Kaffee ist fertig, einen Schritt nach dem anderen. Nur nicht wieder hinsetzen. Der Räuchergeruch meiner Träume löst sich langsam auf. Drogen und Frauen. Umgekehrt. Der Tod meines Großvaters, der schrie wie ein Kind. Man schickte mich raus, wie jeden Traum, doch auch draußen im Garten konnte ich seine Schmerzen deutlich hören. Zwischen Tomaten und Tulpen. Rauch. Der Kaffee. Im Stehen trinken. Ausziehen. Duschen. Ein Hemd wählen, Halloween, eine Krawatte, den Anschluß nicht verlieren. Jetzt ausduschen, ich nenne das so, Rauch und Patina strudeln in den zugehaarten Abfluss. Das Wasser ist braun. Gleich bin ich wieder Mensch. Es geht schon fast. Sekunde noch.
Steinbart, Juni 2010. Dialog an der Gegensprechanlage.
