Von Pflichten und Rechten

Nüchtern, ausgeschlafen und rasiert verlasse ich das Haus. Der Tag ist jung und sonnig, vielversprechend. Ich nehme den Weg am Kanal entlang, der durch den kleinen Park zur U-Bahn Station führt, genieße die Reflektionen im trüben Brackwasser, bin vollgestopft mit Tatendrang, was bei mir nicht allzu häufig vorkommt. In meinem Kopf finden Massensportveranstaltungen in den Stadien einer Novelle statt, an der ich gerade arbeite und die mich regelrecht fertig macht; jede Nacht aufs Neue das Risiko gegen die Lesbarkeit abwägen, nur um sich anschließend für das maximale Risiko zu entscheiden, dabei noch Charakteren auf die Finger klopfen, die es nicht lassen können, neugierige Blicke unter die Röcke ihrer Kolleginnen zu werfen.

Am Eingang des Parks steht ein dicker Motorad-Polizist mit wuchtigem Schnäuzer, der in seiner Montur schwitzt und schon von weitem unangenehm riecht. Neben ihm eine sozialpädagogische Fachkraft mittleren Alters, kurzgeschorene Haare und eine runde Brille auf der gepuderten Nase, die mit schriller Stimme einer Gruppe Kleinkindern die Regeln für den Parkmarathon erklärt: Drei volle Runden werden gelaufen, auf dem asphaltierten Weg um das grüne Quadrat herum. Wer über den Rasen abkürzt wird disqualifiziert. An jeder Ecke steht eine weitere Fachkraft und passt auf, dass sich die Kleinen nicht verirren. Ich gehe über die mit Kreide gemalte Zielgerade, höre nach ein paar Metern hinter mir die Trillerpfeife und dann überholt mich die quietschende Horde, die ein paar Meter weiter plötzlich verstummt und stehenbleibt und unsicher kichernd in ein Blumenbeet guckt. Beim Näherkommen sehe ich den Typen da liegen, gut sichtbar zwischen dem ganzen Grünzeug. Das Gesicht fleckig blau, eingepißte Hose, hochgekrempeltes Hemd, die Nadel schief im Fleisch. Ikarus Exitus. Ich erkläre den Kindern mit einem schiefen Grinsen, dass der Mann ganz furchtbar müde ist und dass sie ihn besser schlafen lassen sollten. Die Kleinen rennen weiter, ein paar Jungs machen Schnarchgeräusche dabei, die Mädchen lachen. Ich latsche zurück zur Start-Zielgeraden, der Bulle hat jetzt eine junge Fahrradfahrerin in der Mangel.

“Haben sie eventuell das Schild am Eingang des Parks bemerkt?”, fragt er sie und grinst dabei feist in den Ausschnitt der jungen Frau.

“He!”, fahre ich dazwischen, “Da drüben liegt ein toter Junky im Gebüsch.”

Der Bulle wendet sich mir zu, seine Augen funkeln.

Sie, junger Mann, halten sich jetzt mal einen Augenblick zurück, ja?!”, fährt er mich an. Und dann erklärt er dem Ausschnitt, dass das Fahrradfahren in diesem Park verboten ist. Anschließend folgt eine umfangreiche Erläuterung der Gesetzgebung zum Thema Fahrradfahren in öffentlichen Parks. Die sozialpädagogische Fachkraft guckt mich blöde an. Schließlich läßt er das Mädel laufen, und wir gehen hin zu dem Gebüsch, bleiben ein paar Schritte vor dem Körper stehen. Anfang dreißig, Osteuropa.

“Diese verdammten Säufer…”, schnauft der Bulle in seinen Schnäuzer und schiebt einen langen Seufzer hinterher.

“Was-?”, frage ich, aber da hat er sich schon abgewandt und spricht etwas in sein Funkgerät. Während die kleinen Scheisser in die zweite Runde spurten und wir auf eine Antwort warten, hat er bereits den nächsten Radfahrer im Visier. Einen mit Dreadlocks.


Steinbart, März 2011.


 

Linkes Auge hinkt (http://linkes-auge-hinkt.de) Alle Texte, alle Bilder Copyright © Steinbart.