Am Sonntag war es, kurz nachdem die ersten Sonnenstrahlen auf mein schlafendes Gesicht fielen. In meinem Traum war ich eine Fliege und betrachtete meine Wohnung aus ungewohnten Perspektiven. Ich stand also auf, rieb mir die Augen und setzte mich anschließend auf den Stuhl in der Küche. Ganz oben, in einer dunklen Ecke, entdeckte ich ein gewaltiges Spinnennetz in der Form eines Trichters und bevor ich etwas sagen konnte, war eine Fliege darin gefangen. Die Spinne, ein besonders dickes und haariges Exemplar, quetschte sie durch das enge Loch und kam zum Vorschein.
“Ungeschickt von dir, hier zu parken”, sagte die Spinne und kam näher, um sich ihr Opfer aus der Nähe zu betrachten.
“Es war ja ein Versehen. Laß mich laufen, bitte! Ich habe nichts schlechtes getan und verdiene es nicht, hier so – ganz ohne eine Chance – zu verrecken.”
Die Spinne setzte sich auf ihren Hintern und ihr vollgefressener Bauch stand von ihrem Körper ab, als gehörte er nicht dazu. Ihre Beine rührten müßig durch die Luft.
“Nie etwas schlechtes getan? Soso”, begann die Spinne, “Eine Chance willst…”
Doch da brach die Spinne abrupt ab, denn sie hatte einen schlimmen Hustenanfall, der sehr lange dauerte und überhaupt nicht gut klang. Die Fliege wollte sich im Angesicht der Möglichkeit befreien, doch das Netz war zu klebrig und so sehr sie sich auch abrackerte, sie kam nicht frei.
“Ich bin krank”, röchelte die Spinne. “Die Ärzte geben mir noch ein paar Tage, dann ist es vorbei. Die Völlerei sei eine Todsünde, sagte der Doktor. Naja, wie dem auch sei.”
“Das tut mir leid”, sagte die Fliege und war ernstlich betrübt über die schlechten Nachrichten.
“Laß’ mal gut sein”, polterte die Spinne plötzlich. “Ich hab’s gut gehabt, ein feistes Leben: Fressen! Ficken! Faulenzen! Nur ab und zu die Bude in Schuss halten.”
Die Fliege saß still da, denn sie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte. Ganz ruhig fuhr die Spinne fort: “Feist – aber kurz.” Und dann senkte sie den Kopf, denn es war ihr schwer ums Herz geworden.
“Und ich fürchte mich so vor dem Tod”, sagte sie nach einer Weile und dabei unterdrückte sie ihre Tränen.
“Aber wenn du nicht gesündigt hast, dann kommst du doch in den Himmel!”, versuchte es die Fliege. “Da wachsen…”, sie machte eine kurze Pause, denn die Worte wollten ihr nicht über die Lippen, “da wachsen Fliegen an den Bäumen und es gibt keine Besen!”
“Ist das wirklich so?”
“Ja! Aber ja doch! Das hier kann doch nicht alles gewesen sein?!”
Darüber dachte die Spinne eine Weile lang nach und sagte dann: “Recht hast du. Aber wenn ich-”
“Aber wenn du gesündigt hast”, unterbrach die Fliege, “dann kommst du nicht in den Himmel. Dann kommst du in die Hölle! Willst du wissen wie es da-”
“Aaah!”, machte die Spinne und hielt sich den dicken Bauch. “Aaah!”. Dann bekam sie einen Hustenanfall, der noch schlimmer war als der erste. Als sie sich davon erholt hatte, fragte sie ganz leise: “Und wie ist es da? Wie ist es in der Hölle?”
“In der Hölle gibt es viele kleine Kinder, die sich darauf freuen, dir deine Beine auszureißen. Sie veranstalten richtige Wettkämpfe…”
“Aaah!”, machte die Spinne wieder.
Und da hatte ich dann die Schnauze voll. Ich rannte ins Zimmer und suchte nach dem Staubsauger. Ich fand ihn in einer Schublade meines Schreibtisches, griff nach dem Rüssel und saugte Spinne, Fliege und das ganze Netz auf. Danach holte ich den Beutel raus und hielt ihn an mein Ohr. Sie husteten, diesmal beide.
“Hilfe!”, schrie die Spinne, “Ich kriege keine Luft!”
“Hilfe!”, schrie die Fliege, “Ich kann nicht atmen!”
Nach einer Weile wurde es still im Beutel. Um nachzusehen, ob die beiden nun wirklich tot waren, wollte ich das Ding öffnen. Dabei stellte ich mich jedoch ungeschickt an, zerriß der Beutel und der Staub ergoß sich über mein Gesicht, in die Augen, Nase, Mund. Atomkrieg! Sandsturm! Ich röchelte, schlug mit Armen und Beinen um mich, ging zu Boden.
“Hilfe!”, schrie ich. “HILFE!”
(2003)
Steinbart, Februar 2010.




