Therapeutische Sternstunde

Die letzten Tage verliefen ruhig, vorerst keine Arztbesuche mehr. Ich verbringe lange Stunden im Bett, zwischen halb Schlaf und halb Wach. Ein Zustand, der sich nur schwer einsortieren läßt. Jeden Abend gegen 19:00 Uhr kommt die Schwester mit ihrem Rollgestell und klemmt einen Schlauch an den Schmetterling, der schon vor Tagen seinen Stachel in meine Vene gesetzt hat. Vierzig Tropfen aus dem gelben Beutel bis zur lautloses Abwicklung meines Widerstandes, bis ich schließlich niemand mehr bin, formal gescheitert, der letzte Blick des Duellanten in die senkrecht stehende Sonne. Dann beginnt der Horror.

Die Wahrheit ist minderjährig, liest Harry Potter und wartet noch auf ihre erste Periode. Von meinem Bett aus kann ich hören, wie sie das Mädchen aus ihrem Zimmer holen. Die Kleine schreit und strampelt während man sie an den Haaren durch den Flur zum Behandlungsszimmer schleift, dann fällt die gefütterte Tür ins Schloss und es ist wieder still. Die Untersuchungen erfolgen zum Schutz der Allgemeinheit, erklärt mir die Schwester. Es besteht eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sagt sie. Laufbänder mit zusätzlichen Informationen werden eingeblendet. Sämtliche Medienpriester hatte ihre Schwänze in ihr drin. Der Verteidigungsminister: Abends wird sie immer so, äh… labberig. Manchmal ist auch Blut dran… Das ist dann wirklich widerwärtig. Geradezu untragbar so ein Zustand. Abschließend ein zuversichtliches Lächeln für die Journalisten und abermilliarden aufgesperrter Netzhäute. Ein geübtes Winken auf dem Weg in den Rücksitz. Ein Schnitt und der nächste zeigt Demut. Dieser hier Stärke. Niemandem platzt der Kragen. Niemand ist außer Kontrolle. Die Krise Nummer 8. Einspielung einer animierten Infografik, die die dramatische Entwicklung mit roten Balken unterstreicht. Das nächste Gesicht sagt: Wir werden diese Herausforderung annehmen, für ein vereintes Irgendwas. Bleiben sie bitte auf ihren Plätzen und verhalten sie sich ruhig. Die Tür geht auf und einer zieht seinen Hosenstall zu, der nächste macht ihn auf und bekommt die fettige Tube Vaseline in die Hand gedrückt. Ja nicht damit geizen… Und immer schön die Löcher abwechseln. Wollen ja schließlich auch noch andere ihren Spaß haben. Weitere Experten mit gefälschten Papieren, dann schalten wir rüber in die Börse, die Lottozahlen, nummerierte Krisen, 7, 12, 36, etc. etc.

Wenn der Tropf durch ist, kommt der Schlaf, unruhig und verschwitzt. Jeden Morgen hoffe ich, dass jetzt damit Schluss ist. Heute scheint der Termin für meine Erlösung gekommen. Statt des wackeligen Rollgestells mit dem Plastlikbeutel dran bringt die Schwester ein Tablett mit frischem Obst. Sie stellt das Ding auf meinem Nachttisch ab und setzt sich auf die Bettkannte.
“Möchten sie sie gerne kennenlernen?”
“Wen?”
“Na die Kleine von nebenan?”
Und damit geht mir die Beherrschung verloren, Tränen rollen über mein Gesicht während alles in mir heißläuft und krampft. Nein, ich möchte sie nicht kennenlernen. Ich will die Köpfe der Richter, die Köpfe der Minister und der niederen Beamten, die den ganzen Scheißapparat überhaupt erst möglich machen. Die Köpfe der Juroren, der Bankvorstände und der Wirtschaftsbosse. Die Köpfe der Topmanager und die derer, die ihnen in den Arsch kriechen. Die Köpfe der Kirchenchefs, der Generäle, der Pharmaprinzen und Aufsichtsräte, der-
Die Schwester macht Schhh und legt ihre eine Hand auf meine Lippen, die andere auf meine Stirn.
“Versuchen sie noch ein bisschen zu schlafen. Ich komme später noch einmal zu ihnen. Und wenn es ihnen morgen besser geht, machen wir einen kleinen Spaziergang im Hof. Was meinen sie?”
Plötzlich bin ich völlig aufgeräumt und sortiert, wie nach einer Ohrfeige. Als sie aufstehen will halte ich sie am Ärmel fest, zerre sie zu mir und flüstere: “Es gibt überhaupt kein Mädchen Wahrheit. Die Idee war gut und ich bin drauf reingefallen. Aber sehen sie sich vor, ich fange gerade an, ihr beschissenes Spiel zu blicken.”


Steinbart, Dezember 2011. Dialog an der Gegensprechanlage.


 

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