Ich kann kaum die eigene Hand vor Augen sehen. Schwache Lichtkegel zucken über rissigen Beton, über verrostete Rohrleitungen, geplatzte Verteilerkästen. Wir sind über den Zaun gestiegen, dem Bass hinterher den niemand hörte, aber wir wußten, dass er irgendwo da unten auf uns wartet, und nachdem wir uns durch die Büsche geschlagen hatten fanden wir den blutjungen Trampelpfad und schließlich den Einstieg, ein paar bröckelige Stufen hinunter in ein pechschwarzes Quadrat, die Gruppe vor uns verschwandt darin. Der Schlund hatte die schwachen Lichter ihrer Feuerzeuge und Handydisplays verschluckt und verdaut und nichts zurückgelassen außer ein paar verlorenen Rufen und der Ahnung, dass irgendwo da unten eine Menge Blut kocht, angeheizt von zwei Dutzend Plattentellern oder mehr.
Der abschüssige Tunnel durch den wir uns tasten ist gerade breit genug für einen schlanken Menschen. Alle fünfzehn Schritte ungefähr ein Stahlrohr auf Kopfhöhe, das einen zur Demut zwingt. Parkour für Klaustrophobiker. Vor mir aus dem Schwarz taucht der Schatten einer Hand auf, die ich sofort ergreife, so ein Extrem-Situation-Reflex, meine andere Hand geht nach hinten und ich hoffe, dass sich jemand mit einer ähnlichen Körpertemperatur da einklinkt, aber diese Hand rührt nur suchend in der Dunkelheit rum. Wir biegen in einen anderen Tunnel ein, der noch enger ist, die fremde Hand vor mir drückt mich, zögert, Stufen, weiter nach unten, Kilometer durch dieses irre Labyrinth, dann nach rechts durch eine Öffnung, ein leichtes Echo jetzt hier drin, vermutlich ein Raum, von irgendwo links kommt ein Keuchen, das Klatschen von Schnitzel auf Schnitzel, man kann den Fick riechen, müsste wahrscheinlich nur die Hand ausstrecken um heiße Haut zu fühlen, Heimaterde. Durch ein Treppenhaus mit löchrigen Stufen geht es weiter, ich schwitze mich da runter wie ein blindes Opfertier, taste achtzehn Stufen, dann die Linkswende, wiederhole x-mal und dann plötzlich rechts rum, und wie aus einem Traum nähert sich das sachte Pochen des Basses, der rettende Leuchtturm in akustisch und eine fette Welle der Euphorie schwappt durch unsere Kanäle, erleichtertes Gelächter, vereinzelte Freudenschreie. Schließlich kommen wir in eine flache Halle, mehr Menschen, mehr Lichtkegel, Glühwürmchen, Knicklichter, und wir halten direkt auf den Beat zu, der immer lauter wird, wie Versuchsmotten werden wir eingesogen von der lauterwerdenen Musik, der Bass jetzt klar und deutlich, sehr fühlbar, er frisst die Stimmen, presst schwitzende Körper aus, immer weiter rein, immer tiefer, es wird eng, lauter, dann laut, oh heilige Gebärmutter Techno, ich komme.
Steinbart, Oktober 2011.




