Schwarz draußen um kurz vor Mitternacht, der Regen hat gerade aufgehört. Die Volkslautsprecher schweigen und sehen aus wie die aufgerissenen Mäuler toter Muscheln an ihren Laternenpfählen. Nach dem Wolkenbruch herrscht jetzt Ebbe am Hermannplatz, nur ein kleines Grüppchen versprengter Schiffbrüchiger, für die der Regen ein echtes Abenteuer war. Ihre Arche hängt nutzlos im Schlick fest und der Bogen, den ich darum schlagen will, fällt zu klein aus.
Wir stehen also zu zweit, zu dritt an der Straßenecke und ich muss los, zum Bus, muss schlafen. Ich stehe jeden morgen um fünf Uhr auf und fünf Stunden Schlaf sind mein Minimum, darunter ist man vor Halluzinationen nicht mehr sicher. Neben dem Job, der mir glatte zehn Stunden vom Tag wegfrißt, gibt es da ja die Texte, von fünf bis neun am Morgen, die polierten Silberlöffel oder stumpfen Geschwüre oder fröhlichen Amputationen, je nachdem, in jedem Fall ein paar Stunden Sumo am Küchentisch mit einem Gegner, der mindestens das Doppelte auf die Waage bringt… Naja, jetzt stehen wir zu viert, zu fünft da rum, manche rauchend und mit einem Bier in der Hand, und lachen darüber, dass ich ins Bett will. Berlin, man, Berlin! Das Pärchen aus Hamburg, Paris oder Flitterwochen, was weiß ich, wie im Zoo, ein Affenstall. Ich muss jetzt wirklich gehen, sage ich und da geht das Gewiehere von vorne los. Das Mädchen mit den Zöpfen sollte nicht lachen, nicht mit dem Gebiss. Party!!! röhrt jemand. Armselig. Einer der Typen hat einen Hut auf, für den er zu jung ist. Er kommt ganz nah an mich ran, faßt mich am Arm und dreht seiner Meute den Rücken zu. Geheimtips möchte er von mir, die echt coolen Locations. Weiß ich nicht, sage ich, ich muss schlafen. Er zieht mich weiter weg und nach knappen zwei Minuten hat er mir sein Leben erzählt. Schule, Studium, Job, Heirat + ein Kind, Reihenhaus in Bochum, VW Passat, Baujahr 2007, blau-metallic, sechs Vorwärts-Gänge, Klima. Die Dreistigkeit mit der er mich totquatscht überrascht mich derart, dass ich in eine Art Schockstarre verfalle. Oder ich stelle mich tot, bin mir da selber nicht so sicher. Der M41 rollt vorbei, unerreichbar wie der Rettungsring hinter einer Scheibe aus Panzerglas. Also bleibe ich die zehn Minuten bis zum nächsten Bus stehen und höre weiter einem Typen zu, der mir eher seinen Wagen als seine Frau vorstellen würde.
Schriftsteller wäre er gern geworden, sagt er, aber er habe kein Talent. Schade, sage ich, und…
Ich muss jetzt wirklich los.
Steinbart, April 2011.




