Spiegelbild

Ich nehme schon seit Tagen keine feste Nahrung mehr zu mir, habe dauernd Dünnschiss und schaffe eine Flasche pro Abend. Niemand berührt meine gelbe Haut. Ich masturbiere zweimal täglich und stelle mir dabei Frauen vor, die ich entführt habe. Ich lasse mich gehen. Die Uhr tickt gegen mich, meine Gedanken essen mich auf und Schuld füllt meine Lungen und meine Hände sind meine Hände. Ich ziehe mir einen billigen Anzug an und gehe auf die Straße ohne zu wissen wohin. Dann, wenn die fahle Sonne über den Horizont aus Tetrisquadern lugt, verlasse ich eine Kneipe in der ich nie Gast war. Die Tür wird hinter mir abgeschlossen. Doppelt und sogenannte Freunde habe ich keine gewonnen.

Dann schleiche ich langsam durch die Stadt, begegne müden Gesichtern auf dem Weg in die Fabriken und Kaufhäuser und Büros. Auf dem Weg in die Kulissen. Sie sehen erschöpft aus und hoffnungslos, wie Gefangene in tropischen Verwahrungsanstalten, die Tag für Tag mit Hämmern, Zangen und heißen Eisen dazu bewegt werden, ihre Geständnisse abzulegen.

Da lieg ich nun in meinem steinernen Quadrat mit Pisspot und faulem Obst. Und draußen rauscht das Meer. Und draußen geht der Wind. Schließlich schmeiße ich mein Glas quer durch den Raum und bin wütend auf die Unschuldigen und darauf, dass das Karusell zu niemandes Freude läuft und außerdem viel zu schnell um abzuspringen. Ich stelle mich vor den Spiegel. Ich finde keine Antwort und falle rückwärts durch die Straßen bis die Kinderaugen mich ansehen. Groß und voller Fragen auf die ich keine Antworten habe.

(2004)


Steinbart, März 2010.


 

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