Silberkoma

Ein tagelanges, silbrig schimmerndes Koma hingelegt an das ich mich nur mithilfe des Notizbuches erinnern kann. Auf der letzten Seite stürze ich, grell geschminkt und mit einer Federboa um den Hals, auf die klebrige Tanzfläche, reiße dabei zwei junge Mädchen mit, die mir hinterher stinksauer ihre blauen Flecken zeigen. Ein paar Seiten davor geht es um Prothesen für alle möglichen Körperteile. Manches ist durchgestrichen, vieles werde ich nicht mehr entziffern können und bereits jetzt, im Morgengrauen auf der Neuköllner Einkaufsmeile, holt mich die Wut darüber ein. Von Menschen umgeben, die ich schon auf Sichtentfernung hasse, schleiche ich mit dröhnendem Kopf und verschwitzten Klamotten den Boulevard runter, mache einen Bogen um Beziehungtragödien und Kinder mit Schreikrämpfen, streife pralle Einkaufstüten und ich frage mich, wie spät es überhaupt sein kann, dass hier schon so viele Idioten unterwegs sind.

Ich komme unerkannt durch den Hausflur und als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fühle ich mich besser. Das Telefon klingelt und ich stelle es ab, kicke meine Schuhe in die Ecke und nehme aus Angst vor dem Spiegelbild die Badewanne, um  mir etwas Wasser ins Gesicht zu klatschen. Eine Weile hänge ich über dem Rand, die Brause in der Hand und lasse mir das kalte Wasser in den Hemdkragen laufen. Halbherzig versuche ich dabei, die Fetzen der letzten Nächte festzuhalten, doch die sind altersschwach und zerbröseln bei Berührung.

Auf dem Rückweg bleibe ich mit nassem Kopf in der Badezimmertür stehen, immernoch das Dröhnen in den Ohren, und gucke in die Küche. Stapelweise Abwasch von niederem literarischem Wert, irgendein penetranter Geruch, keine Ahnung. Die Sonne hat ein Loch erwischt und sägt kreischend den Küchentisch in zwei Hälften und in diesem Licht sehen die Dinge plötzlich anders aus. Ich suche nach der Kamera, vergesse jedoch schnell wieder, wonach ich suche und mittlerweile ist mir sowieso arschkalt. Irina und Morgenrot und ihre blauen Flecken an den Ellbogen. Das hier wird sowieso nichts. Ich gehe schlafen.


Steinbart, Februar 2011.


 

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