Ich war einmal zu Gast bei einem Freund, der trotz seiner siebenundzwanzig Jahre immer noch bei seinen Eltern wohnte. Er studierte Sozialpädagogik. Zumindest war das die Version für seine Eltern. Demgegenüber glaubte ich, er habe den Blick verloren und sei einfach zu faul, etwas anderes zu tun. Zu den Vorlesungen ging er, wenn es nichts im Fernsehen gab, kein Geld für Frauen da war oder er seinen Schwanz wundgerieben hatte.
Seine Eltern arbeiteten beide und waren nahtlos integriert in ein System aus schiefen Bausparträumen und Leasingverträgen. Sie hatte eine Stelle als Lehrerin an einem Gymnasium und er saß im Aufsichtsrat einer großen Firma die Pillen für Patienten herstellten, die dem Leben nicht mehr gewachsen waren. Wir hatten die ganze Nacht in dem kleinen Zimmer unter der Dachschräge gesoffen. Mein Freund hatte vor einigen Stunden schlapp gemacht und lag nun vollbekleidet zur Hälfte auf seinem Bett und schnarchte. Sein nackter, rechter Fuß lag in Plastikschüssel, dessen Boden mit Kotze bedeckt war. Ich hockte in einem Ohrensessel, der auf den Fernseher ausgerichtet war und beobachtete die Fische im trüben Wasser des Aquariums auf seinem Schreibtisch. Durch die blauen Gardinen brach das erste Licht des Tages. Streifenweise.
Irgendwann klopfte es vorsichtig an die Tür. Die Mutter, eine guterhaltene Endvierzigerin mir stattlicher Oberweite und Stupsnase lugte durch den Türspalt und ich befürchtete das Schlimmste. Sie erschrak beim Anblick des Zimmers, quittierte den Schrecken jedoch mit einem Lächeln. Im Qualm erspähte sie meinen schlafenden Freund, dann mich.
“Wenn sie etwas essen möchten, gehen sie ruhig in die Küche und bedienen sie sich.”
Ich räusperte mich und murmelte ein Dankeschön.
“Wir fahren jetzt zur Arbeit.”
“Ja. Danke und… äh… viel Spaß!”
Sie lächelte und es war ein bezauberndes Lächeln. Ich betrachte ihre enorme Oberweite, die sich trotz des weiten Pullovers mit Rentier Strickmuster deutlich abzeichnete. Ihr Lächeln wackelte, dann brach es zusammen. Vielleicht hing mir die Zunge auf den Boden. An meinen letzten Fick konnte ich mich jedenfalls nicht mehr erinnern. Sie schloss leise die Tür.
Ich zog mich an meinem Bier aus dem Sessel und lugte durch die Gardine auf die Straße. Die Türen des Volvo verursachten ein sattes Geräusch als sie geschlossen wurde. Ein teures Auto eben. Pops ließ den Motor an und sie fuhren in den Arbeitstag. In der Hemdtasche meines Freundes fand ich noch eine intakte Schachtel Zigaretten, steckte mir eine an und machte mich auf den Weg. Mal sehen.
Das Wohnzimmer war im Jugendstil eingerichtet. Manchmal brachte ich jedoch die ganzen Stilrichtungen durcheinander. Es konnte also auch anders sein. Die Wände waren mit Bildern tapeziert, die der Unterschrift nach von einem Familienmitglied gemalt wurden. Dementsprechend sahen sie auch aus. Ohne wirklich etwas zu suchen stöberte ich durch Schränke und Schubladen. Der Fernseher war in einen gigantischen Eichenschrank eingebaut, der etwa ein Viertel des Raumes ausmachte. Darüber gab es zwei Regale, randvoll mit Videokassetten. Vielleicht fünfzig, sechzig Videos standen dort ordentlich nebeneinander, in Plastikhüllen, die laut Hersteller wohl Holz imitieren sollten. Ich öffnete einige der Hüllen und besah mir die Filmtitel. Alle Kassetten waren sorgfältig bis an den Anfang zurückgespult. Da ich nie ins Kino ging und schon seit Jahren keinen Fernseher mehr besaß, sagten mir Filmtitel nichts. Doch die meisten Sachen klangen wie Romanzen oder Sozialkritische Geschichten. Gerade als die Videos anfingen, mich zu langweilen fand ich eine Kassette mit der Aufschrift “Tragödie am Matterhorn – Heimatfilm”. Die alte Beschriftung war offensichtlich abgerissen worden und mit einem neuen Stück kariertem Papier überklebt. Außerdem war dies der einzige Film, der nicht zurückgespult war. Fahrlässigkeit? Tragödie am Matterhorn? Ich wusste dass mit diesem Film etwas faul war und warf die Kassette ein.
Tja und was soll ich sagen? Mit dem Matterhorn hatte das jedenfalls nur sehr entfernt zu tun. Dort lag ein fettleibiger Chinese nackt auf den Fliesen einer kleinen Küche. Dann kam eine zierliche Frau rein. Sie trug Stockings und ihre Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten. Ihr BH schien leer. Sie betrachtete den dicken Bauch am Boden und dann das Gesicht des Mannes. Dann öffnete der Dicke seinen Mund. Das Mädchen zog sich den Slip aus, hockte sich auf das fette Gesicht und kackte dem Kerl eine lange, dünne Wurst ins Gesicht. Der Dicke kaute und schluckte wie im Wahn, was er nicht runterkriegte, verschmierte er mit den Händen um den Mund. Das Mädchen stand auf, ging um den Dicken herum und trat ihn mit ihren spitzen Schuhen zwischen die Beine. Der dicke schrie, hielt sich mit einer Hand die Eier und mit der anderen schmierte er fleißig weiter. Ich hielt mir vor Lachen den Bauch. Ich dachte an die Lehrerin und das Aufsichtsratsmitglied. Tränen rannen mir über die Wangen und ich konnte mich nicht mehr halten.
Ich muss wohl einen Mordskrawall da unten gemacht haben, denn mein Freund kam schlaftrunken die Treppe runtergeschlichen. Er raufte sich die Haare, stellte sich neben einen der schicken Sessel und starrte auf die Mattscheibe. Seine Gesichtszüge entgleisten, der Kiefer fiel runter und er tastete nach der Sessellehne. Ohne die Augen vom Fernseher abzuwenden, setzte er sich.
“Was – ist – das?”, fragte er langsam.
“Tragödie am Matterhorn!”, grunzte ich und brach wieder in schallendes Gelächter aus. Ich beruhigte mich erst wieder als er den Film abschaltete und sorgfältig verstaute. Er schloss den Schrank und setzte sich wieder in den Sessel. Eine Weile herrschte Stille, die ab und zu von meinen Versuchen unterbrochen wurde, einen erneuten Lachanfall zu unterdrücken. Mein Freund sah aus als hätten sie ihm das Urteil gesprochen. Langsam öffnete er den Mund.
“E-kel-haft”, stotterte er.
Dann beschlossen wir, noch ein Bier aufzumachen und irgendwann ging ich nach Hause. Wir verloren uns für eine Weile aus den Augen. An einem Samstag vor Weihnachten traf ich ihn in einer meiner Stammkneipen. Wir betranken uns restlos und gegen zehn Uhr torkelten wir in sein Zimmer unter der Dachschräge. Er fiel aufs Bett und ich machte es mir in dem Sessel bequem und schlief ebenfalls ein.
Mom und Pops bestanden darauf, dass ich am Frühstück teilnahm und da mein Kühlschrank sowieso leer war, hockte ich mich zu ihnen an den Tisch. Mom sah ein bisschen mitgenommen aus, brachte aber trotzdem noch dieses Lächeln zustande.
Sie saß am Toaster und beschmierte die knusprigen Dinger mit Butter und Käse und reichte sie an meinen Freund und mich weiter. Wir schlürften unseren Kaffee, kauten lustlos unsere Knusperbrote und sprachen kein Wort. Mom fischte gerade wieder zwei Toasts aus dem Gerät, griff sich das Nutellaglas und schaufelte eine sehr große Portion auf das Messer. Und während sie Pops tief, sehr tief in die Augen sah, schmierte sie das braune Zeug auf. Pops bekam rote Bäckchen. Mom lächelte verschmitzt und ich prustete meinen Kaffee mit Toastresten in einem großen Bogen über den Tisch. Mein Freund sprang auf und rannte raus. Dann knallte die Badezimmertür. Mit unterdrücktem Lachen verabschiedete ich mich freundlich und habe dieses Haus seither nicht mehr betreten.
Weihnachten ist vorbei und das ganze Elend hat ein Ende. Oder einen Anfang. Kommt drauf an wie man es sieht. Doch der Großteil der Bevölkerung scheißt immer noch senkrecht und das ist schließlich, worauf es ankommt, oder?
(2003)
Steinbart, Januar 2010.




