Screening

Die Spritze war groß, sehr groß sogar. Es ist nicht so, dass ich Angst vor Spritzen hätte – es geht ja hier auch nicht um meine Angst, oder? Diese Spritze… also diese Spritze war mit einer zähen, gläsernen Flüssigkeit gefüllt und der Mann, der sie hochhielt, der einen Tropfen rauspresste und beobachtete, wie der Tropfen an der Nadel hinabglitt, dieser Mann war nackt und hatte seinen rasierten Hodensack mit Jod desinfiziert.

Und weiter?

Das ist alles. Kann ich jetzt gehen? Sie haben mich gefragt, was ich gesehen habe und das habe ich ihnen gesagt. Sie haben gesagt, dass wenn ich ihnen sage, was ich gesehen habe, dass ich dann gehen kann.

Was haben sie gesehen?

Es werden Stunden. Langsame und ehrliche Stunden, voller Tränen und mit klaren neuntausend Watt mitten in die Fresse rein. Wir schenken uns das aber und spulen vor bis zum Finale. Es bleibt gerade noch genügend Zeit, sie noch einmal darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei um einen Prototypen handelt. Oder ein Modell, wenn ihnen das lieber ist, eine Miniwirklichkeit. Sehen sie, diese Versuche sind notwendig. Sie sind dazu da, um Risiken besser einschätzen zu können. Falsch eingeschätzte Risiken in weißen Kleidern, amoklaufende Mikroorganismen, böse kleine Viecher… du und du… und du auch! Haha! Kommen sie, machen sie mit! Stellen sie sich eine Welt vor, in der es nur noch einen Hersteller gibt. Werbung ja, aber die Aufgabe von Werbung ist ohnehin nicht, sie zu überreden ein bestimmtes Produkt zu kaufen, sondern sie zu überreden irgendetwas zu kaufen. Leuchtet ein, oder? Wenn alle mit dem shoppen aufhören würden, ginge peng das Licht aus. Feierabend. Ende der frohen Marktwirtschaft. Also stellen sie sich diese Welt vor, in der es nur noch den einen einzigen Hersteller gibt, Mister Monopol höchstpersönlich und kein Judas weit und breit, und sie beobachten diesen Mann dabei, wie er sich portionsweise Saline in den Hodensack injiziert. Sehen sie?

Was haben sie gesehen?

Speichel mit jedem Wort, Adern wie Gartenschläuche und Schweißperlen, viele kleine glitzernde Schweißperlen. Kann ich jetzt bitte gehen? Ich muss meine Kinder aus der Schule abholen… meine Kinder warten vor der Schule auf mich… Ich bitte sie! Bitte! Ich habe einen kleinen Sohn und eine Tochter… die wissen doch gar nicht was los ist, wenn ich die da nicht abhole von der Schule… kann ich jetzt bitte gehen? Ich habe ihnen doch gesagt, was ich gesehen habe… ich habe ihnen doch alles schon gesagt! Gott, ich flehe sie an, lassen sie mich jetzt bitte gehen!!! BITTE!!!

Na, Klumpen im Bauch? Beschleunigter Puls? Ein leichtes Zittern in den Eingeweiden? Machen sie sich darüber keine Sorgen. Wir sind zuversichtlich, dass sie nach zwei bis drei weiteren Episoden bereits beschwerdefrei sein werden. Und danach werden sie uns lieben.


Steinbart, Juli 2011.


 

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