Der Arzt verspricht, dass bei einer umsichtig geplanten Therapie die kreativen Charakterzüge erhalten bleiben würden. Wir sehen uns eine Weile lang an, dann falte ich die zusammengetackerte Diagnose zweimal und stecke sie wieder in meine Jackentasche. In seinem Bücherregal stehen feige Kopierer neben schlechten Geschichten, Millionen von leidenschaftslosen Formulierungen. Unmöglich, so einen Menschen ernstzunehmen. Selbstgefällig hängt er in seinem Sofa, die Beine übereinander geschlagen, die Finger im Nacken verschränkt.
“Es ist doch durchaus denkbar”, legt er los, “dass die Kunst durch ihre Omnipräsenz sich selber disqualifiziert hat… ihr Wesen, verstehen sie? Vielleicht gibt es auch gar nichts mehr zu erfinden… Also wozu die Quälerei?”
Ein paar Minuten lang suche ich nach meiner Fassung, dann formuliere ich vorsichtig die Einwände, erläutere den Unterschied zwischen Literatur und Kuhscheiße, erkläre Schönheit, male Bilder in die Luft, führe Beispiele an… Pioniere, von denen er nie gehört hat. Schließlich laufe ich richtig heiß, werde laut, hetze vor dem Couchtisch auf und ab und mache zackige Gesten. Er lächelt während ich rede, wartet höflich auf seinen Einsatz, nippt zwischendrin an seinem Caj. Als ich wieder auf dem Gummiball hocke, nickt er lange, seufzt, holt tief Luft und kommt dann ganz ruhig, ganz routiniert: Mit Verhaltensmustern und Zielen… mit persönlicher Entwicklung und Lebensqualität… ja, Lebensqualität!… Plötzlich klickt es und mitten in diesem endlosen Schwall angelernter Hirnficke springe ich auf, reiße meine Sonnenbrille runter und schaue ihm tief in die Augen.
“Hören sie”, sage ich. “Das hier ist reine Zeitverschwendung. Mein Roman geht in die zweite Halbzeit und ich liege nullzudrei hinten. Ich glaube nicht… ich glaube wirklich nicht, dass sie irgendeine Ahnung haben, was das bedeutet…”
Wir trennen uns mit einem Händedruck. Er wünscht mir Glück. Ich ihm auch.
Steinbart, Juli 2011.




