“Du sitzt in Unterhose und unrasiert am Küchentisch und rauchst und das Sixpack von vorhin ist fast leer und du versuchst irgendwelchen Scheiss aus deinen Notizbüchern zu entziffern und dir ist heiss und du befürchtest, dass auch die heutige Nacht eine komplette Verschwendung sein wird, lieg ich richtig? Gib mir eine Zahl, mach schon…”
Es war still in der Küche gewesen, vor seinem Anruf. Ich halte den Hörer weiter weg wenn er redet, sehe aus dem Fenster in den Hinterhof. Alles finster. Nur in der Wohnung gegenüber brennt Licht. Ein dürrer Typ mit nacktem Oberkörper, Stöpseln im Ohr und einem Player in der Hand zuckt durch sein Wohnzimmer, zuckt nach nebenan, macht das Licht an, macht das Licht aus, zuckt zurück ins Wohnzimmer, zuckt ins Bad und so weiter.
“Gib mir ne Zahl, komm schon…”
“91. So ungefähr.”
“Okay, danke. Warum kommst du nicht her? Wir haben hier eine kleine Party am Start, nur für dich und mich und diese handerlesenen Schönheiten hier, Marion und Cornelia und Daniela und…”, Mönch drückt sich das Telefon an den Bauch, ich bilde mir ein, seinen Herzschlag zu hören. Montag oder Dienstag, gegen zwei Uhr morgens. Ich habe nicht die geringste Lust, meine Küche zu verlassen. Plötzlich ist er wieder da.
“…und Katrin und Bernadette und-”
“Bernadette?! Machs gut, Mönch.”
“Steinbart! Warte!!! Du hast ja keine Ahnung! Ich sitze hier mit einem Dutzend nackter Schönheiten und einem dreistöckigen Springbrunnen der Vodka pisst. Du weißt doch hoffentlich noch, wieviel ein Dutzend ist, oder? Die ganze Bude duftet nach desinfizierter Pussy!”
“Du spinnst.”
“Phönix aus dem Arsche. Ich zahle das Taxi.”
Ich halte den Kopf unter kaltes Wasser und rasiere mich flüchtig. Dann sitze ich in einem modernen Auto und schwebe lautlos durch die nächtliche Stadt. Ohne diese ständigen Liquiditätsschwierigkeiten wäre das Taxi mein favorisiertes Fortbewegungsmittel. Da Mönch finanziell abgesichert ist, bitte ich den Fahrer, sechsmal den Moritzplatz zu umrunden. Ein uralter Aberglaube, erkläre ich ihm, von Generation zu Generation überliefert. Er zuckt mit den Schultern und fährt in die erste Runde. Nach der Dritten fingen wir beide an zu lachen. Mit Tränen, so richtig verkehrsgefährdend.
Wir nehmen eine Abkürzung durch Seitenstraßen, weil wieder irgendwelche Hauptverkehrsadern wegen irgendwelcher Veranstaltungen abgeriegelt sind. Und in einer dieser Seitenstraßen fliegt uns das Mädchen mit den goldenen Leggins auf die Motorhaube, braunes Haar vor der Scheibe, fast durchsichtig im Licht, die Augen fest geschlossen, der Mund aufgerissen, Speichel und Blut, Reifen quietschen stotternd, Metall schleift über Asphalt, alles untermalt von einer Reihe gedämpfter Schläge. Pause, Stille, ein Knacken im Funkgerät. Der Fahrer dreht sich um, guckt erst mich an und dann über meine Schulter aus der Heckscheibe, dann springt er raus. Wir suchen das Mädchen, rennen planlos um das Auto. Die leere Straße im fleckigen Licht vereinzelter Lampen, ein warmer Wind, das alles unter dem rosa Leuchten der Stadt und keine Bluthunde, die die Fährte aufnehmen könnten. Wir laufen in unterschiedliche Richtungen und ich finde sie im Vorgarten eines Altenheimes. Sie kniet auf dem rasierten Gras, ihr pinkes Oberteil voll Blut und irgendwas stimmt nicht mit ihrer Schulter, die in einem unnatürlich spitzen Winkel nach hinten absteht. Von Knochen durchtrennte Haut und Haut, der die zarteren Schichten fehlen, für immer ausradierte Berührungen, zerfetzte Tattoos, rohes Fleisch und Augen, die mich einen Tick zu ruhig anschauen aus diesem Massaker. Bevor ich was sagen kann, geht irgendwo Licht an und ein Typ kommt raus und reimt sich sonstwas zusammen und ruft erstmal die Bullen statt eines Krankenwagens und eine Stunde später sitzen wir wieder im Taxi, der Fahrer und ich. Blaulichter zucken lautlos über die Fassaden, Menschen hängen aus ihren Fenstern oder verstecken sich hinter dünnen Gardinen. Ein älteres Ehepaar in Morgenmänteln redet auf einen Bullen ein. Ab und zu zeigen sie auf ein Fenster im ersten Stock. Der Fahrer schluckt trocken und zittert so sehr, dass er erst beim vierten Versuch den Zündschlüssel reinkriegt. Dann wird das Bild unscharf und ich mache einen Schritt auf mich zu, strecke meine Hände nach mir aus um meinen fallenden Körper festzuhalten. Kalter Schweiß klebt mich in den Sitz, löst mich auf. Die Krawatte ist zu eng. Blut schießt mir in die Augen und überzieht das Bild mit einem rötlichen Filter wie in einem Horrorfilm aus Hippiezeiten. Dann ein scharfes, mechanisches Klicken gefolgt von einem elektrischen Brummton. Mönch hat den Türöffner gedrückt und ich betrete den kühlen Hausflur. Zähneklappernd warte ich auf den Fahrstuhl, der mich ins oberste Geschoss bringen wird. Wenn nichts mehr dazwischen kommt.
Es ist still und dunkel in seiner Bude. Es riecht nach Gras, Schweiß, saurer Milch. Durchatmen in der Küche, Kühlschrank untersuchen. Plötzlich steht Mönch hinter mir. Er ist nackt. Sein Schwanz guckt teilnahmslos zu Boden.
“Bernadette ist schon abgehauen… du hättest sie sehen sollen… Naja, scheißdrauf. Ein paar von den anderen sind auch gegangen. Wieso hat das so lange gedauert?”
Das Gemüsefach ist voll mit Bieren. Ich nehme zwei raus und mache sie auf. Nach der Hälfte der Flasche setze ich ab.
“Ich hatte einen Unfall.”
“Kaum zu übersehen.”
Wir hocken auf dem Boden und warten, bis ich wieder stehen kann. Ein Mädchen kommt rein und fragt, ob’s was zu essen gibt. Mönch empfiehlt ihr freundlichst, sich zu verpissen. Wir warten noch drei oder vier Flaschen lang. Dann gehen wir zusammen rüber ins Wohnzimmer.
Der Fernseher steht auf einem Stuhl und guckt in die Ecke, das flackernde Licht irgendeiner toten, tonlosen Sendung taucht die Wand in bunte Farben. Die Wiederholung schlechter Nachrichten und schlechter Unterhaltung, reduziert auf Schnitte und Farbwechsel, sonst Dunkelheit. Im Nebel am Ostende des Sofas hängt ein Mädchen bewußtlos über der Armlehne. Ihr Rock ist hochgerutscht, die beiden Arschbacken von einem dünnen Fetzen Stoff geteilt. Zwei weitere Mädchen am anderen Ende des Sofas, bekiffte Flüchtlinge aus einem Terry Richardson Foto, schön, selbstbewußt und vorübergehend ruiniert. Mönch stellt uns nicht vor weil das letzte Saison wäre. Mönch kennt die aktuellen Spielregeln. Ich nehme mir einen der zahllosen grünen Gartenstühle aus Plastik und setze mich zu ihnen, wir stoßen an, auf Terry und unser Wohl und die Mädchen erklären mir kichernd, wie der Springbrunnen funktioniert, der auf dem Tisch vor dem Fenster steht, zeigen mir den kleinen pinken Knopf, den man drücken muss damit die batteriebetriebene Pumpe den Vodka aus der Flasche unter dem Tisch in den Brunnen schießt. Sie wissen auch, dass es im Eisfach genug Nachschub gibt. Ich grinse, kippe rein in diese Nacht und stehe auf, beuge mich zu Kirsten Dunst runter und nehme ihr Kinn in die Hand. Nur kurz, eine selbstbewußte Geste, gespiegeltes Lächeln, dann die klitzekleine Unsicherheit auf ihrere Seite.
“Du schreibst so Zeug, oder? Mönch erzählt immer, du schreibst so Zeug.”
Ich lege alles in mein Lächeln, drehe mich um und besorge uns erstmal einen großzügigen Vodka. Themenwechsel. Mönch fummelt währenddessen an einem Beamer rum, den er sonstwoher hat, entwirrt Kabel, dreht und drückt an Knöpfen. Sein behaarter, nackter Arsch brennt in bunten Reflexionen des nächtlichen Fernsehprogramms. Die Mädchen kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen bei dem Anblick, zeigen mit bunten Fingernägeln auf seine haarige Arschspalte. Plötzlich springt die Dunst auf und klatscht ihm mit Anlauf die Hand auf die Arschbacke. Mönch schreit und lacht und dreht sich um, kriegt sie zu fassen und reißt ihr das T-Shirt über den Kopf, versucht mit seinem Mund, ihre Nippel zu erwischen aber sie ist zu schnell für ihn. Mit gespielter Scham bedeckt sie ihre nackten Titten und rennt auf das Sofa, um sich bei ihrer Freundin vor diesem Triebtäter zu verstecken und uns wird klar, dass wir es geschafft haben, dass wir hier und jetzt sind und dass sich alles andere in den bunten Farben des reuigen Fernsehers auflöst. Das T-Shirt bleibt auf dem Boden liegen.
Plötzlich wird es hell. Mönch hat sich mit einem Laptop in einen Sessel fallen lassen, das Ding schaukelt auf seinem Bauch während er mit seinen dicken Fingern auf dem Touchpad rumkurvt. Mittlerweile habe ich es mir zwischen den beiden Mädchen bequem gemacht, die Arme auf der Rücklehne des Sofas, jetzt voll da, jede Zelle ein elektronischer Urknall, Mutter Cool, rise and shine, Phönix aus dem Arsche. Ein Wunder, das mir nicht die Haare zu Berge stehen. Das bewußtlose Mädchen ist jetzt auch wieder bei uns, still noch, aber immerhin. Sie lächelt kurz rüber und ich beschließe, ihr ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen.
Zurück auf der Couch driften wir whats up my ass? Mönchs saure Milch also, bulgarian teen gets fucked, vorsichtig vorsichtig, denke ich noch aber Mönch steuert uns geradewegs auf das Riff, nicole is a dp champ, und ein unsicherer Seitenblick, Flächenbombardements, Terrorwarnungen, a blonde gran with glasses rides her hot young boy, ups, und Mönch, gemorpht in eine vereinsamte Prostata im Ohrensessel verliert völlig die Übersicht über unsere Situation hier, 21 yo newcomer anal, schwitzt und stöhnt genervt und findet nicht, wonach er sucht, eh zu spät, denke ich noch, amateur blonde wife face fuck blowjob with monster facial! kann aber nicht mehr atmen und hasse ihn für seine Destruktivität, die uns allen viel zu früh einen Ständer verpaßt und irgendwer drückt mir ein Glas in die Hand. Danke, sage ich in irgendeine Richtung.
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Während des Porno wie nach dem Porno. Wir kriegen die Kurve nicht, verheddern uns in den persönlichen Vorstellungen einer Nacht, die es jetzt nicht mehr gibt. Mönch schaltet den Spuk ab. Wir hocken still da, in den Ruinen besserer Momente, plötzlich nüchtern, fröstelnd. Das vorher bewußtlose Mädchen zieht sich eine dünne Windjacke über die Schultern. Ein Feuerzeug klickt, ausatmen, abwarten.
Ich stehe auf und gehe ins Bad, lasse Mönch zurück der stöhnt und flucht und versucht, irgendwas zu reparieren. Draußen fängt es an zu dämmern. Im Klo angekommen, ziehe ich die Hose runter, hocke mich auf die kalte Schüssel und lese ein paar Gedichte aus François Villon’s Gesamtwerk, bis die Tür plötzlich aufgeht und das Mädchen in den goldenen Leggins vor mir steht und ich Schnappatmung kriege und mein Brustkasten auf die Größe einer Zigarrenschachtel schrumpft. Sie setzt sich auf den Badewannenrand, schlägt die Beine übereinander und kramt in ihrer Handtasche nach Zigaretten. Und dann war da die Asche.
Steinbart, November 2010.




