Der Raum ist randvoll mit gelbem Licht. Nicht mein Raum und nicht mein Licht. Die Frau im weißen Kleid ist halb von der gummierten Matratze gerutscht, ihr Kopf liegt jetzt leblos auf dem Boden, ein Arm daneben. Etwas weiter weg flirrt der Monitor eines Notebooks, vermutlich ein Porno. Ganz sicher, ja, obwohl sämtliche Personen im Bild (MFF) bekleidet sind und sich in einem mit Attrappen ausgestatteten Büro befinden. Schräg hinter dem Notebook ein nackter alter Mann in einem Sessel, die Beine weit gespreizt. Fleckige, leblose Hände ruhen erschöpft in der Lendengegend, er hat die Augen geschlossen. Das könnte ich selber sein, bin mir da aber nicht ganz sicher. Bis rüber zu dem Sessel sind es mindestens vier Meter, vier Schritte oder Armlängen. Wie kann man sich da sicher sein? Ausatmen.
Pupillen machen sich mißmutig auf den langen Weg aus der Augenhöle zurück hinter die geschlossenen Lider, als es an der Tür klingelt. Ein furchtbares Klingeln, ein GEZ- oder Spendensammlerklingeln, irgendjemandes Zeugen, Forderungen, Bitten. Gierig, fast klagend. Ein nacktes Bein rutscht vom Bett und kracht auf den Holzboden, wirbelt feinen Staub auf und ein gemurmeltes Scheiße folgt aus der Richtung. Ich bin nicht da. Im Grunde genommen läßt sich damit meine Lebenseinstellung zusammenfassen. Aber die ist das Letzte. An das ich jetzt denken möchte.
Die Signale kommen von den elektrischen Masten herunter, in zackigen Pfeilen (die frühen Comics sind voll mit zackigen Pfeilen). Unsere Körper absorbieren die Signale, nehmen dann Telefongespräche entgegen, treffen Entscheidungen. Das Alles wird durchgehend protokolliert. Die Signale kommen von den Masten herunter. Es klingelt wieder und jetzt springe ich auf, bereit zu allem, mit Schaum in den Mundwinkeln. Ich reiße die Tür auf und dem Menschen dahinter seine beschissene Zukunft wie einen Teppich unter den Füßen weg, ich zerstöre dein Abendprogramm, das schwöre ich dir. So ein Arschloch! SO EIN GOTTVERDAMMTES ARSCHLOCH!!! Zwei Schritte noch, dann mach ich dich fertig.
Es ist Mönch. Mir wird schwindelig. Als das vorbei geht erkläre ich ihm zum hundertstenmal, dass er anrufen soll, bevor er vorbeikommt.
“Ich habe angerufen”, sagt er.
“Und? Bin ich rangegangen?”
Mönch hebt kurz die Schultern und stapft unbeeindruckt an mir vorbei in die Küche. Er betrachtet kurz die Seiten auf dem Tisch und hängt sich dann vor den Kühlschrank. Es sind viele Seiten heute, die Ausbeute ist vermutlich sogar ganz brauchbar. Aber genau werde ich das erst in ein paar Tagen wissen.
Steinbart, März 2011.




