Olympiade auf russisch

Mönch, diese Heulsuse. Dieser Sportexperte. Es ist kaum zu glauben. Wir sind im zehnten Stock des Hochhauses und können durch die große Panoramascheibe die Touristen unten auf dem Alex beobachten. Das ist einigermaßen unterhaltsam, wenn man die korrekten Tabletten in seinen Drink gemischt hat. Mönch holt neue Biere aus dem Kühlschrank, drückt mir eins in die Hand und stellt sich neben mich ins Fenster. Obwohl es frostig ist in der Wohnung, trägt er nur eine zerschlissene Unterhose. Während er sich die Arschspalte kratzt erzählt er mir, dass die russischen Sportler in Kanada nicht ihre volle Leistung abrufen, wie man so schön sagt. Als Protest gegen eine nationale Leistungssport-Mafia. Die russischen Medien berichten darüber. Auf allen Kanälen. Hier wundert man sich kurz, wie der russische Torwart im Eishockey fünfundzwanzig Prozent der Schüsse, die auf ihn abgefeuert werden, durchgehen lassen kann. Gegen Kanada Mann, KANADA!!! Mann schüttelt dann aber höchstens den Kopf und schaltet weiter zum Eiskunstlauf, den traurigsten Clowns dieser traurigen Wintersportveranstaltung.

Mönch wurde als Kind von seinem Vater belogen, der auch seine Mutter belog, die ihn dann wiederum belog ohne es zu wissen. Heute kann Mönch keine Nachrichtensendung unkommentiert lassen und man darf ihn als Verschwörungstheoretiker aus dem ganz obersten Regal bezeichnen, ohne sich damit zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Seine Spezialgebiete sind verzerrte Geschichtsschreibung, der Krieg gegen den Terror und die Frauen, die nicht ficken wollen. All das Theorisieren hat Mönch sehr einsam gemacht. Ich bin der letzte, der ihn noch im zehnten Stock besucht.

Mönch furzt trocken, wendet sich vom Fenster ab und läßt sich aufs Sofa fallen. Das Fernsehen zeigt Eiskunstlauf und das Bild friert genau in dem Moment ein, als Zorro das Cowgirl in die Luft hebt und die dann zu allem Überfluß auch noch ihre Beine spreizt. Der Ton ist plötzlich weg. Der Kühlschrank springt an und die Mattscheibe ist jetzt vollflächig gefüllt mit dem sorgfältig gepflegten Intimbereich einer unbekannten Sportlerin. Links und rechts ragen schlanke Beine in hautfarbenen Strumpfhosen aus dem Kasten. Als ich mich Mönch zuwende sehe ich, wie er den Kopf schüttelt und leise weint. Auf dem Weg zur Tür lege ich ihm kurz meine Hand auf die Schulter. Das ist alles, was ich für ihn tun kann. Dann mache ich, dass ich da raus komme.


Steinbart, Februar 2010.


 

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