Nutte Vorgestern

Die Türklingel weckt mich gegen halb drei morgens. Dass es zum letzten Mal unerwartet an meiner Tür geklingelt hat ist bereits einige Jahre her. Damals kam nichts Gutes dabei rum. Nachdem die Klingel verhallt ist, wird es stiller in der Wohnung als es ohnehin schon ist. Es schneit seit Tagen und das Ohr gewöhnt sich schnell and die runtergeregelte Geräuschkulisse. Ich drücke die Zigarette aus und auf den Summer, öffne die Wohnungstür einen Spalt und gehe zurück in die Küche. Im Hausflur hacken dünne Absätze kleine Dellen in das Holz.

Ihr seid der Eskimo, der ich nicht bin.

Ihr Körper riecht frisch unter dem dicken Mantel. Wir begrüßen uns förmlich, knapp und ich hänge ihre Sachen an einen Haken im Flur. Nachdem ich einen Stuhl aus dem Zimmer in die Küche geschleppt habe, setzen wir uns an den Tisch. Das Notebook atmet lautlos.

“Vodka?”, frage ich und während sie nickt, zittert das dünne Sommerkleid mit den blauen Punkten. Kühlschrank, Gläser, zum Wohl. Sie trinkt das Glas leer bevor sie es abstellt. Ich mache wieder voll und stelle dann den Vodka zurück ins Eisfach.

“Darf ich meine Schuhe ausziehen?”

Um ihre Füße hat sich eine kleine Pfütze gebildet, ein paar Brocken Schneematsch kleben zwischen den Riemchen der zarten Treter. Kein einziges Paar saubere Socken im Haus, dass ich ihr anbieten könnte. Die Schuhe knallen auf den Boden und ich weiß immer noch nicht, was sie eigentlich will. Wir trinken die zweite Runde, mit Stöckern im Arsch. Ich lächle ab und zu unsicher in ihre Richtung, werfe einen verstohlenen Blick auf ihre Schenkel, lasse mich erwischen. Ihre Maske hängt schief und ich suche in den schmalen Schlitzen der falschen Haut vergeblich nach ihren Augen.

“Das Amt zur Desinfektion des nationalen Kulturguts schickt mich”, legt sie los , faltet die Beine übereinander und schiebt mir eine Visitenkarte über den Tisch, die sie offensichtlich die ganze Zeit über in der Hand gehalten hat, “Ich nehme an Sie wissen, warum ich hier bin?”

Die Karte ist schlicht und billig produziert. Automatenkarte. Kein Logo, nur Text:

Dr. Ch. Liebfrau, Amt z. Desinf. d. nat. Kulturguts, Abt. IV, Abschnitt Wärmekraft Neukölln, Berlin, dazu eine lange Telefonnummer.

“Es geht um ihre Webpräsenz, Herr Steinbart”

Ich lege die Karte zurück auf den Tisch und beginne mit leichten Atemübungen zur Entspannung. Die Maske starrt mich an und ich frage mich, ob sie ein Gesicht darunter trägt, oder welche Farbe ihr Haar hat. Trotzdem bilden sich Schweißtropfen in meinen Handflächen. Meine Angst küsst ihre Nippel hart. Sie schlägt die Beine übereinander, ganz langsam und ohne mich aus den Augen zu lassen. An ihrem Hals kann ich den Pulsschlag sehen. Der süße Duft von fliehendem Schweiß jagt das Blut durch die Adern, schüttet literweise bunte Hormone in weitaufgerissene Münder. Die Haut an der Rückseite meines Schädels zieht sich zusammen und ich muss öfter blinzeln als gewöhnlich.

“Kein Grund zur Beunruhigung”, sagt sie und es hört sich so an, als würde sie lächeln.

Als es hell wird schnarcht das Amt zur Desinfektion des nationalen Kulturguts mit durchgescheuerten Knien auf meinem Sofa. Ich stehe in der Küche, rauche langsam und beobachte das matte Licht des Wintertages in den Hinterhof kriechen. Der Eskimo ist die Nutte von letzter Woche, die ich nicht bin. Ich drücke die Kippe aus und sammle ihre Klamotten ein. Beschissener Anfang für einen so ruhmreichen Tag.


Steinbart, Dezember 2010.


 

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