Zwischen dem Wärmekraftwerk und den namenlosen Fabriken führt eine schmale Straße hindurch. Zäune auf beiden Seiten, ab und zu ein mit Warnschildern geschmücktes, automatisches Tor. Ab und zu eine Laterne. Ich setze mich auf die Bordsteinkante und warte. Der Neuköllner Fuchs trippelt unschlüssig ein paar Schritte nach links, dann nach rechts. Er läßt mich dabei keine Sekunde aus den Augen.
Wir kennen uns bereits flüchtig. Meistens treibt er sich an der S-Bahn rum, zwischen den Bäumen hinter den Gleisen. So weit unten habe ich ihn noch nie gesehen. Doch die Straßen sind still heute Nacht, da kann man schonmal was riskieren. Schließlich setzt er sich auf seinen pelzigen Arsch und wir gucken uns an. Er mit seinen knapp zwanzig Kilo Instinkt und ich betrunken, kaum hundert Meter dazwischen. Namen werden nicht verteilt, keine Narben vorgezeigt, die Sonne verschluckt sich am Schornstein.
Was wir nicht besprechen: Steuererhöhungen, die Mahnung in meinem Briefkasten, Atomkraftproteste, vier Raubmorde in zwei Tagen, Opium, deine kleinen Nippel, sein Horoskop, mein Horoskop.
Nach der Unterredung stehen wir auf, klettern durch das Loch im Zaun und schlendern gemeinsam über das Gelände der Firma für Grabsteine und Marmor. Längst vergangene Zeiten, eingefroren in sauber geschnittene Steinscheiben. Plötzlich bricht die Sonne hinter dem Schornstein hervor, gebärt kreischend ein brandneues Universum und mitten in diesem Inferno Muchacho Vulpes und ich, zwischen Tod und Reichtum, ein letzter Blick, bevor wir uns trennen.
Steinbart, April 2011.




