Ungefähr dreißig Sekunden bevor die Bahn einfährt weht der muffige Windhauch durch die Station. Dieser süßliche, Berliner U-Bahn-Mief. Es ist gegen vier Uhr morgens. Ich wurde von einer Party entfernt, weil ich eine Amateur-Porno-Darstellerin enttarnt hatte. Hey, dein Gesicht kenne ich… Ihre beiden Begleiter mit Migrationshintergrund wohnen in Marzahn. Ich leistete kaum Widerstand.
Die Bahnen rauschen rein, kotzen kleine Portionen Partyvolk auf den Bahnsteig und rauschen wieder ab. Während die Leute lachend zur nächsten Party oder mit gesenktem Haupt ins Bett gehen, bleibe ich hier auf der Bank sitzen, leicht angeschlagen von der späten Stunde und dem besagtem Geruch. Genaugenommen ist es gar keine Bank. Ich sitze auf einem unbequemen Schalensitz aus dickem Drahtgeflecht, ganz rechts in einer Dreierkombo von Schalensitzen aus Drahtgeflecht, schlage das eine Bein über das andere, dann wieder zurück, stecke mir eine Zigarette an, trinke einen Schluck Bier und warte. Die durchgängigen Banken, auf denen man sich man sich ausstrecken konnte, wurden bereits vor langer Zeit abgeschafft. Vermutlich eine Präventivmaßnahme gegen übermüdete Obdachlose.
Ein vollbepacktes Liebespaar kommt die Rolltreppe runtergefahren. Aalglatte Markenware, an jedem Kleidungsstück klebt ein Label. Sie steht eine Stufe über ihm obwohl sie nur Fachkraft in der Duftabteilung des KaDeWe ist, während er die Filiale des Monats eines Telekommunikationsunternehmens leitet. Unten angekommen schaffen sie es tatsächlich, gleichzeit ihre Koffer zu schieben, die riesigen Taschen zu tragen und sich dabei auch noch die ganze Zeit über zärtlich anzulächeln. Schließlich lassen sie sich mit einem lustigen “Puuuh” auf die Plätzen neben mir fallen. Sie gucken beide in die Richtung aus der die Bahn kommen wird, gucken in den schwarzen Tunnel wie in einen Fernseher. Ab und zu ein paar geflüsterte Worte, verhaltenes Gekicher. Die Ringe sind nagelneu. Es geht in die Flitterwochen.
Die zweite Flasche ist leer und ich stelle sie auf den Boden. Die nächste Bahn fährt ein, verschluckt das junge Ehepaar und fährt wieder ab. Irgendwoanders im Bahnhof kriegt ein Typ einen Lachkrampf, den er raus an die frische Luft bringt. Dann wir es wieder ruhig und ich beschließe, mich zu Fuß auf den Weg nach Hause zu machen. Beim Aufstehen bemerke ich die schwarze Reisetasche, die unter dem Sitze neben mir steht.
Rudi S. (Senior-Junkie, 54 Jahre, Lichtenberg) würde sich die Tasche unter den Arm klemmen und so unauffällig wie er eben kann aus der Station verschwinden. Im nächsten dunklen Hauseingang würde er die Tasche auf Wertsachen untersuchen, diese einstecken und die Tasche anschließend in den nächsten Müllcontainer stopfen.
Frank (Sozialarbeiter, 29 Jahre, Neukölln) hätte bereits sein Handy in der Hand, mit dem er die zuständige Behörde unterrichten würde, dass er im Besitz einer Fundsache sei und wie er jetzt vorgehen solle.
Jesus würde die Tasche in eine batteriebetriebene Mikrowelle verwandeln, randvoll mit portionierten Kohlrouladen, und den ganzen Krempel oben auf der Karl-Marx-Straße abstellen. Obendrauf ein Schild:
Jeder nur eine Portion!
Die Möglichkeiten, die sich aus der Taschen-Situation ergeben, sind zahlreich. Also verschiebe ich die Entscheidung. Ich werde einfach noch eine Weile sitzen bleiben und warten, ob das Paar den Verlust bemerkt und mit der nächsten Bahn wieder zurückkommt. Oder mit der übernächsten. Danach sehen wir weiter.
Eine Stunde später sitze ich immernoch auf der Bank und die riesige Tasche steht auch noch da. Aber ich bin mir mittlerweile sicher, dass ich nicht das geringste Interesse an der Tasche oder ihrer Rettung habe. Außerdem muss ich pissen. Also mache ich mich auf den Weg und schaffe etwa 15 Schritte, bevor ich völlig lautlos von einer Horde uniformierter Männer zu Boden gerissen werde, ich kann nicht mal Hallo? sagen bevor mein Gesicht auf den Beton knallt. Die Arme werden mir hinter den Rücken verbogen, ich hören Handschellen einrasten, das Blut schießt mir in Kopf und ich kriege keine Luft weil mir irgendwer von den Typen sein Knie in den Rücken gerammt hat. Lauter schwarze Stiefel um mich rum, ansonsten sehe ich nur die Rolltreppe und ab und zu wird mir schwarz vor Augen und ich kapiere überhaupt nicht, was das werden soll. Plötzlich kommt dieses gepanzerte Wesen die Treppen runter, ein schnaufender, bombenfester Koloss auf Beinen wie Brückenpfeilern. Man reißt mich vom Boden hoch und schleift mich über die Stufen zum Ausgang, ich versuche irgendwas zu schreien aber ich kann nichtmal richtig atmen, mit meinen Rippen stimmt was nicht, und naja, dann gehen meine Lichter aus.
Es geht bereits auf Mittag zu als sie mich wieder gehen lassen. Wie sich herausstellte, befanden sich in der Tasche 120 Levis 501 Jeans in sechs verschiedenen Größen. Wie sich herausstellte, schmuggelten die beiden vermeintlich Frischvermählten Kleidung nach Kuba. Sie wurden am Flughafen vorläufig verhaftet und haben sich bereiterklärt, ein umfassendes Geständnis abzulegen. Es stellte sich ebenfalls heraus, dass ich mit dem ganzen Quatsch überhaupt gar nichts zu tun hatte. Nun ja, wir kämpfen gegen den Terror und jedes zurückgelassene Gepäckstück ist erstmal eine Bombe und zwar so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist.
Ich habe keine Ahnung, in welchem Stadtteil ich mich befinde und habe seit mehreren Stunden nicht mehr geatmet. Ein paar Meter die Straße runter hängt ein Schild neben dem Hauseingang. Unaussprechlicher Name, allgemeiner Arzt. Ich gehe rein.
Steinbart, November 2010.




