Mediterranes Zielfoto

Meine Finger sind faltig geworden. Vielleicht vom Salzwasser, vielleicht vom Alter, schwer zu sagen. Ich sitze in einem flirrenden, mediterranen Zielfoto auf der Veranda und lasse es kommen – mir fällt kein Grund ein, aus dem ich Widerstand leisten sollte. Besonders viele Falten haben sich um des zweite Glied meiner Mittelfinger gebildet. Ich sehe davon ab, hebe den Kopf langsam in diesem tropfenden, tropischen Gemälde. Vor dem niedrigen Holztor schleicht eine kleine schwarze Katze vorbei. Plötzlich setzt sie sich hin, leckt sich eine Weile lang das Fell ab und guckt anschließend zu mir rüber. Die Sonne steht knapp über den Dächern, vorherige Bilder verbrannt in überflüssigen Diskussionen, wir überbieten uns in Desinteresse – die Kleine und ich. Dann stehe ich auf, gehe rüber zum Mülleimer, entferne eine leere Milchpackung, ein paar Flaschen und zerre anschließend das Skelett eines Fisches raus. Zwischen Daumen und Zeigefinger halte ich es zur Inspektion in die Höhe, ein paar Klumpen Kaffeesatz zwischen den Gräten, ansonsten einwandfrei.

Die Katze folgt präzise jeder meiner Bewegungen und ich frage mich, wieviel mehr sie sieht als ich. Während ich zu dem kleinen Tisch rüberschlurfe und mir eine alte Tageszeitung greife, springt sie lautlos über das Tor, nähert sich erst zögerlich dann mutiger und streicht mir schließlich um die Beine. Es ist angerichtet: Dorade am Mokkabett auf vergangen Neuigkeiten. Ich lasse mich wieder in die quietschende Hollywoodschaukel fallen, lege die Füße auf ihren Koffer und konzentriere mich auf die faltigen Finger und das Vermeiden überflüssiger Bewegungen. Die Katze frißt und die Sonne macht sich an den Untergang.

Nach der Mahlzeit rülpst sie und klappert auf ihren hohen Absatzen zu mir rüber. Absätze, an denen die Farbe abgesprungen ist, die durch Straßen gerannt sind, hunderte Kilometer zwischen Betten, Vorwürfen und jeder Menge schlechter Lügen. Sie läßt sich neben mich in die Schaukel fallen, die Federn quietschen kurz und gewöhnen sich – dann ist Ruhe. Ihre Strümpfe haben Löcher, ihr Gesicht hat Löcher, ihr Blick und ihre Pläne haben auch welche. Doch die Löcher kümmern sie einen Scheißdreck, weil sie mich nicht stören und die anderen können zur Hölle fahren. Früher gehörte sie offiziell diesem Typen, der den Eispilz am vierten Strandabschnitt betreibt. Doch der kümmerte sich nicht um sie. Er kümmerte sich nicht richtig, wie sie immer betont (sie verdreht dabei jedesmal die Augen). Jetzt ist sie ein Sozialfall in allen Belangen, trinkt zuviel und kommt hin und wieder vorbei, zum Reden, zum Ficken oder eben auf eine Dorade. Hast du was zu trinken da? Wollen wir nicht erst ficken? Okay. Okay.

Von oben betrachtet erinnert mich das zweite Glied eines Fingers an die Stümpfe abgesägter Bäume, über denen ich als kleiner Mann stundenlange hockte um die Ringe zu zählen – bis ich die Lust verlor und lieber etwas Lebendiges zählen wollte. Es werden immer mehr Falten… achtzehn, neunzehn, zwanzig… Wir gehen ins Bett.


Steinbart, Juli 2011.


 

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