Lola Lochimschuh

Die Theke hatte eine Wölbung im Holz, die sich schnurgerade über ihre gesamte Länge zog, wie ein ausgetrocknetes Flußbett. Eine schlaue Idee fand ich das, stellte die Ellbogen hinein und bestellte mir ein Bier. Um kurz vor vier kam sie dann, Lola Lochimschuh. Artig ihrem Bewacher folgend setzte sie sich an einen Tisch und schlug die Beine übereinander. In zwei Stunden würde es hell werden, vielleicht etwas früher, solche Kleinigkeiten brachten mich tatsächlich zum Schwitzen, und ich beschloß, nach zwei weiteren Bieren zu gehen. Irgendwann saß ich schließlich an jenem Tisch und die Beiden saßen an der Theke, ohne dass ich mich erinnern kann, wie dieser Standortwechsel zustande gekommen war. Die meisten Gäste hatten den Heimweg angetreten, sofern sie ein Heim hatten, oder waren sonstwohin verschwunden. Eine Weile lang beobachtete ich den Hausrat, der im staubigen Dunkel unter der Decke hing, Grammophone, Kaffeemühlen, Posaunen und so’n Zeug, dann widmete ich mich unauffällig der Oberweite der Kellnerin, die sich vor ein paar Tagen Haare implantieren lassen hatte, blonde Haare. Ab und zu schlich sie wie ein Gespenst durch den blauen Zigarettennebel der kleinen Berliner Eckkneipe. Ein Gespenst mit großen Brüsten und einem Tablett voller Halblitergläser. Wenn der Mensch ausschließlich Bier trinkt, sagen wir in Portionen zu gesehenen halben Litern, schmecken ihm zirka die ersten zwölf ausgezeichnet. Danach wird der Geschmack fad und er bekommt einen weißen Belag auf der Zunge, den er für mehrere Stunden nicht mehr los wird. Dieser natürliche, wenngleich unangenehme Vorgang läßt sich allerdings durch die Zugabe von Vodka vermeiden, vorausgesetzt man hält sich an die empfohlene Dosierung.

Aber zurück zu Lola. Sie saß jetzt also mit ihrem Bewacher an der Theke und trank Wasser aus dem Hahn und ohne Eis. Obwohl es ziemlich heiß war, trug sie zwei Strickjacken. Ihre Jeans hatten einen speckigen Glanz, seit Wochen nicht mehr gewaschen, und waren dazu auch noch viel zu kurz, was unmöglich den derzeitigen Trends entsprechen konnte. Ich war mir sicher, dass ihre flachen Schuhe aus dünnem Leder Löcher in den Sohlen aufwiesen.

Der Typ neben ihr, so ein ganz ganz Unscheinbarer mit schütterem Haar und Dreitagebart, kippte seinen Jägermeister um. Das Bachbett füllte sich mit der braunen Brühe und lautlos rollte das beschlagenene Glas an die Kante, fiel zu Boden und blieb da liegen, ohne zersprungen zu sein. Mein Herz zog sich zusammen bei diesem Anblick, deren tiefere Poesie sich ausschließlich mir zu offenbaren schien. In diesem Moment des klaren Lichts bemerkte ich im Augenwinkel, wie Lolas Nase sich wie ein großkalibriges Geschütz in meine Richtung drehte. Als ich den Kopf hob und ihr in die Augen blickte, erschrak sie – ich hatte fast das Gefühl, sie geweckt zu haben – und sie begann nervös, die Kippenreste auf dem klebrigen Boden zu zählen. Lola hatte etwas von einer Gazelle in der Kurve, kurz bevor der ausgehungerte Löwe ihren Arsch zwischen die Zähne kriegt. Wir machten für ein paar Minuten so weiter. Sie sieht mich an, ich hebe den Blick, sie glotzt zu Boden. Händeringend übrigens, aber das fiel mir erst später auf. Der Platz rechts neben ihr war frei und ich wankte hin, kletterte auf den Hocker, bestellte ein weiteres Bier und wartete ab.

“Geht es dir nicht gut?”, fragte ich schließlich.

Wieder dasselbe. Gucken, zurückgucken, auf den Boden gucken. Ganz leise und aus großer Entfernung kam schließlich ein Hauch von einem Nein. Kaum wahrnehmbar, ich glaubte beinah, entfernte Stimmen zu hören.

“Willst du mir erzählen, warum es dir nicht gut geht?”

Zu meiner Entschuldigung sei gesagt, dass ich mit fortschreitendem Alkoholkonsum immer bekloppter werde. Ein älterer Typ, der sich noch vor wenigen Sekunden lautstark mit einem Stummen unterhalten hatte, machte dieser zarten, sich vorsichtig öffnenden Blüte eines Gesprächs den Garaus. Er war von seinem Hocker gefallen und wie ein durchtränkter Wäschesack auf den Boden geklatscht. Lola zuckte derart zusammen, dass ich dachte, sie würde vor Schreck sterben. Und das ist keineswegs eine, sagen wir, Übertreibung. Sie zitterte am ganzen Körper. Allgemeines Gemurmel setzte ein, irgendjemand half dem Sack auf die Beine und klemmte ihn zwischen dem Spielautomaten Las Vegas und dem aufgerichteten Fass, das man zu einem Tisch umgebaut hatte, ein. Der Stumme versuchte, die Unterhaltung wieder aufzunehmen und kritzelte hastig etwas auf einen Zettel, doch sein Kumpel war bereits mit dem Schädel auf die Tischplatte geknallt und eingeschlafen. Schulterzuckend stand der Stumme auf, sammelte seine Zettel und die löchrigen Tüten mit seiner Habe ein. Dann wankte er ans Ende der Theke, um seine Rechnung zu bezahlen. Obwohl er einskommafünf Pferdelängen entfernt war, mußte ich mir die Nase zuhalten. Er stank entsetzlich. Die Frau hinter der Theke (Brüste. Implantierte Haare) erklärte mir, dass er seit vier Tagen hier gewesen war. Ununterbrochen. Die Kneipe hat nonstop geöffnet. Niemand muß gehen, niemals.

“Vier Tage?”, fragte ich. “Hat er wenigstens zwischendurch ein Nickerchen gemacht?”

Nein, geschlafen habe er nicht. Er habe sich nicht mal hingesetzt. Während ich mir noch eine angemessene Huldigung für so einen Teufelskerl ausdachte, schlich sich Lola’s dazwischen.

“Ich möchte dir etwas sagen…”

Sie sprach ganz leise, Galaxien entfernt, alte Worte. Mein linkes Knie berührte ihren rechten Schenkel. Lola zitterte wie eine Nähmaschine und ihre Augen verfolgten dabei einen amoklaufenden Eishockeypuck auf dem Boden, der von einer Ecke in die nächste schoss. Ich wandte mich ihr zu.

“Was möchtest du mir sagen?”

Eine lange Pause entstand. So lang, dass ich schon fast das Interesse an einer Antwort verloren hatte. Offensichtlich waren ihre Persönlichkeiten jetzt in eine offene und ziemlich blutige Auseinandersetzung getreten. Der Anblick war geradezu beängstigend.

“Ich kann nicht…”, flüsterte sie schließlich und hob kurz den Blick, dann wandten wir uns gemeinsam wieder dem Fußboden zu. Ein Mann streckte seinen Kopf in die Tür, betrachtet eine Weile die Unmöglichkeit dieser Kneipe und zog es vor, ins Bett zu gehen oder nur raus, weiter durch die Straßen. Als die Tür ins Schloss gefallen war, stand plötzlich der Bewacher neben mir. Seine Hand massierte meinem Nacken. Ich versuchte, sie abzuschütteln, stellte mich aber ungeschickt an und war zu müde, um handgreiflich zu werden.

“Kannst du sie nicht zufrieden lassen?”, zischte er. “Siehst doch, dass sie durcheinander ist.”

“Sind wir nicht alle etwas durcheinander?”

“Lass sie zufrieden, sage ich dir.”

“Was wenn nicht?”

Er versuchte sich an einem Zähnefletschen. Ich hatte kein Problem. Der Kerl war halb so groß wie ich und doppelt so besoffen. Ich starrte ihm so lange in die Augen, bis er eine halbe Drehung vollzog. Wortlos zog er ab und setzte sich im hinteren Teil der Kneipe an einen Tisch. Ziemlich verloren, niemand sonst war da hinten, aber in Sichtweite. So ganz wollte er dann doch nicht aufgeben. Ich blieb also mit Lola sitzen und wir spielten eine Weile angucken-weggucken.

“Ich gehe jetzt, kommst du mit?”, fragte sie.

Ich fuhr zusammen. Der Typ war schon wieder da. Ich hatte ihn nicht bemerkt. Dieser Kretin mußte einen ziemlichen Umweg in Kauf genommen haben, um sich derart anzuschleichen. Er hatte was in Lolas Ohr geflüstert, ohne sie vorher zu berühren. Und mit Anlauf. Natürlich erlebte sie in diesem Augenblick die zweite Herzattacke des laufenden Abends. Ihre Finger waren so fest ineinander verkeilt, dass ich glaubte, ein Knirschen zu hören. Die Knöchel waren kreideweiß. Lola blickte den Kerl für einen Sekundenbruchteil an und schüttelte dann energisch den Kopf. Mehrere fettige Strähnen fielen ihr dabei ins Gesicht und vor die Augen. Wieder hatte ich seine Hand im Nacken. Er beugte sich an mein Ohr und zischte eine Adresse, irgendwo in Spandau.

“Da gibst du sie ab, verstanden?! Alleine findet sie da nicht hin, mußt ein Taxi nehmen, in den Öffis kriegt sie Angstzustände. PANIK, kapierste das?”

Achduscheiße.

“Du kannst mich mal…”, rief ich, doch da erschien plötzlich ein baumlanger Mensch mit Saxophon im Türrahmen und wir alle drehten unsere Köpfe in seine Richtung. Er sah aus wie ein Gemälde, so im Licht des anbrechenden Tages mit seinem Saxophon vor dem Bauch. Als ihm unsere Blicke langweilig wurden, polterte er an die Theke, bestellte lautstark ein Bier und nach dem ersten Schluck legte er los, schiefe Melodien zu tröten. Es war schauderhaft. Oi oi, dachte ich. Und: Der Weg zur Wahrheit ist manchmal ein bitterer. Nicht besonders gut, aber wer konnte schon wissen, was sonst noch kommen würde. Und mitten in diesem harmonischen Inferno bemerkte ich, dass Lola lächelte. Nachdem sich mein Erstaunen etwas gelegt hatte, rückte ich erleichtert zwei Meter weiter, ans Ende der Theke. In dem Nebel war das etwa so effektiv wie eine Tarnkappe. Lolas Augen klebten an dem glänzenden Instrument mit den kurvigen Röhrchen und Ventilen, an den Fingern mit den schwarzen, eingerissenen Nägeln, an den zum Platzen aufgeblähten Wangenbeuteln und der Sonnenbrille, die über der schiefen Nase schaukelte. Vielleicht spielte er sich in Ekstase. Vielleicht war er auch nur bemüht, eine gute Show abzuliefern.

Ich winkte die Kellnerin ran und bestellte mir noch ein Bier und just als ich dachte, der Typ würde nie aufhören, wurde es plötzlich still. Die letzte Note löste sich im Rauch auf und niemand wagte, etwas zu sagen. Er schob er seine Sonnenbrille in die blonden Locken und gaffte uns der Reihe nach an. Dann fand er Lola. Schau schau, eine Frau! Seine Mimik war so armselig plakativ, ich hätte ihm am liebsten etwas Kleingeld zugesteckt. Die Fresse einer klappernden Schreibmaschine. Hervorquellende Augen, aktivierte Speicheldrüsen, Bläschen in den Mundwinkeln. Eine Frau. Und gar nicht mal so häßlich, wenn man mal von der Nase absieht. Sekundenbruchteile später setzte sich der Typ in Bewegung, das Saxophon legte er beiläufig auf den Tisch. Es war um ihn geschehen. Um Lola übrigens auch. Ohne sie für eine Sekunde aus den Augen zu lassen, stolzierte er auf sie zu. Und Lola hielt seinem Blick stand. Die ganze Zeit. Ihr Gesicht erinnerte mich plötzlich an eine Madonna, von einem fünfhundertwatt Baustrahler zu heiligem Leuchten verurteilt. Nach drei oder vier Sätzen, so genau weiß ich das nicht, denn er sprach dicht an ihrem Ohr, steckte der Musiker seine vergilbte Zunge tief in ihren Hals. Die Hände hatte er, bereit zum Angriff auf ihre Titten, am Saum ihrer Strickjacke in Stellung gebracht. Mir wurde schwindelig von dem Anblick. Ihr Bewacher, hinten am Tisch und einsam im Nebel, starrte in sein leeres Jägermeisterglas. Ich ließ einen Bierdeckel in seine Richtung segeln und drehte mich schnell wieder zur Theke. Im halbtoten Spiegel über der Theke konnte ich ihn hinter meinem Rücken sehen. Er hob den Kopf und beobachtete Lola dabei, wie sie, keine vier Meter von ihm entfernt, bei lebendigem Leibe aufgefressen wurde. Er ließ resigniert den Kopf hängen und da wußte ich, dass es Zeit war zu gehen.

Es mußte ein Samstag gewesen sein, denn das Bier kostete nur einen Euro der halbe Liter. Einen Euro! Das muß man sich mal vorstellen!

(2004)


Steinbart, März 2010.


 

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