Kur

Gestern also liegt die Bestätigung in meinem Briefkasten. Ein kleiner Luftpostumschlag in hellblau, zur Sicherheit überfrankiert und noch während ich mich die Treppenstufen wieder hochschleppe, reiße ich das dünne Papier auf. Drin ist kein Brief sondern eine Karte aus teurem Karton, elfenbeinfarben, mit goldenen Buchstaben. Wir freuen uns Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Ihrem Antrag auf einen sechswöchigen Kuraufenthalt in Bad Seltenheim stattgegeben wurde. Um die verzierten Buchstaben herum rankt sich eine exotische Pflanze mit winzigen Mündern und Fingern. Mit ergebensten Grüßen und einer Unterschrift.

Jetzt werde ich einen Flug buchen. Ich werde meine Unterhosen waschen, Bleistifte anspitzen und mir ein neues Notizbuch besorgen. Ich werde jemanden finden der sich um meine Pflanzen und Telefone kümmert, während ich weg bin. Und in den Nächten bis zum Abflug werde ich von frischen Bettlaken träumen, von geflüsterten Worten in einer fremden Sprache, die aus dem Hof an mein Fenster wehen, von dem milchigweißen Gleitmittel, das die Ärzte dort aus dem Sekret eines Nachtfalters gewinnen und dem man eine halluzinierende Wirkung nachsagt.


Steinbart, Oktober 2011.


 

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