Der Alte mit den fettigen Haaren von der anderen Straßenseite, der zwei bis dreimal die Stunde seine Ellbogen in ein Kissen auf dem Holzbrett bohrt, das Kinn in die Hände stützt und rüberschaut, über die Straße, in meinen Balkon, in meine Wohnung, in mein Leben. Wenn das Wetter gut ist, öffnet er die Doppelfenster, zieht die gelben Gardinen ein Stück zur Seite und hält seine Nase in den Mief, der vom Kanal rüberweht. Sein Gesicht ist eine endlose Enttäuschung aus Ton, wirklich ein Grabstein von einem Gesicht, in das lustlos eine Vergangenheit gemeißelt wurde, hingepfuschte Episoden in bröseligem Sandstein, vergilbt wie sein Haar, seine Vorhänge und die Rauhfaserwand hinter ihm, an der die Kuckucksuhr hängt.
Mittlerweile wohne ich seit ein paar Jahren hier und ich sehe den Alten jeden Tag. Ich weiß wann er aufsteht, wann er ins Bett geht und wann er diese Kuckucksuhr aufzieht. Mittwochs kommt sein Sohn vorbei. Sie schütteln sich die Hände, sitzen in muffigen Sesseln, die nur auf diese halbe Stunde warten, sitzen da ohne Kaffee, ohne Kuchen, ohne eine Spur von Zuneigung oder Liebe. Der Sohn bleibt nicht lange und wenn er dann wieder in seine rostige Karre steigt und die Tür zuschlägt, kann ich die Erleichterung in beiden Gesichtern sehen.
Letzten Dezember bin ich rüber zu ihm. Es war gegen Mittag und ich noch leicht betrunken. Ich hatte einen ziemlich großen Weihnachtsmann aus Schokolade dabei und klingelte und klopfte und brüllte, dass ich der Typ von Gegenüber sei und einen Weihnachtsmann für ihn dabei habe. Naja, er hat nicht aufgemacht und damit war alles geklärt. Jedenfalls wurde unser Verhältnis noch eisiger, wenn das möglich war. Falls sich jetzt zufällig unsere Blicke treffen, wirft er den Kopf in den Nacken und schaut nach dem Wetter.
Ansonsten passiert nicht viel in dem kleinen, unterkühlten Universum, das wir beide teilen. Er wartet nach wie vor auf seinen Tod und bis es soweit ist, stiert er in mein Leben, in meine eplileptischen Breaktänze nach dem Frühstück, in die Frauen, die gelegentlich nackt durch die Bude rennen und mir die Haut vom Leib reißen, in meinem krummen Rücken wenn am Tisch sitze und mich bemühe, einen brauchbaren Text darüber zu schreiben, dass dein Fenster seit zwei Tagen offen steht obwohl es arschkalt draußen ist, darüber, dass die Gardine rausweht und für ein paar Böen an der rauhen Fassade kleben bleibt und darüber, dass der Regen den Teppich mittlerweile aufgeweicht haben muss. Darüber, dass ich mir Sorgen um dich mache.
Steinbart, Mai 2011.




