Kopfsteuer

Samstags traurigster Anblick im Einkaufszentrum: ich stehe in der Schlange, will Zigaretten kaufen und es gibt keine Alternative zu diesem beschissenen Einkaufszentrum und dieser beschissenen Schlange. Das hat man davon wenn man seinen Bezirk verläßt. Vor mir ein alter Mann mit schiefen Klamotten am Leib, ungeschickt angezogen, das linke Hosenbein in den Socken und ein Zipfel Hemd hängt über dem, was von seinem Arsch noch übrig ist. Billiger Anzug, die weißen Haare fettig und wirr, wenigstens stinkt er nicht. Und wir warten. Wir warten. Seine Hände zittern so stark, dass ich mich frage, wie er das Glas Wasser trinken will, das ihn für heute vor seinem sicheren Tod retten könnte. Die Haut am Nacken ist faltig und mit Leberflecken übersät. Lederhaut. Kupfernacken. Er ist dran.

Die selbstgefällige Zuchtkuh hinter dem Tresen scheint den Alten zu kennen und verzieht das Gesicht zu einem Brei, die Schlange reicht jetzt bis an die Tür.

“Einen ganzen Schein diese Woche?”, brüllt sie den Mann an und ganz tief aus ihm raus kommt die Antwort, eine verkrüppelte Stimme irgendwo aus den Gedärmen, kaum mehr als ein Röcheln. Die Zicke holt den Lottoschein, klickert ein paarmal nervös mit ihrem Kuli und verdreht die Augen.

“So!” brüllt sie, “welche Zahlen hätten wir denn gerne?”

Und dann geht es los: der Alte hustet eine Zahl, sie brüllt “Hä?” und er wiederholt die Zahl und die Dicke macht das Kreuz meistens irgendwoanders hin und es geht wieder von vorne los, einen Kasten nach dem anderen, es ist zum verrücktwerden. Der alte Mann steht mittlerweile etwas seitlich von mir, vor der blitzblanken Lottomaschine, und ich kann seine trüben Augen sehen. Uralte Augen, ein milchiger Schleier über dem einstigen Blau.

“Exunzansich”, macht er. “Hä?”, macht die Alte, “Sechsundzwanzig?” und der faltige Schädel nickt langsam und die grauen Haarsträhnen bewegen sich träge wie ausgemusterte Antennen in alle Richtungen. Und wir warten brav, niemand meckert, warten eine halbe Ewigkeit bis der Lottoschein für einen Sekundenbruchteil in der Glücksattrappe verschwindet, die ihn sofort wieder ausspuckt.

Ohne Spiel 77.

Er bekommt den Preis ins Gesicht und seine schlackernden Hände versuchen, die Innentasche seines Jacketts zu erreichen, schießen aber jedesmal daneben und das Monster hinter dem Tresen fährt mich an, ich solle dem armen Mann doch mal helfen. Während ich sein Portemonnaie aus der Tasche fische komme ich mir vor wie ein Exekutionskommando aber er lächelt mich an, Blasen bilden sich in seinen Mundwinkeln.

Er hat einen oder zwei Kriege überlebt. Er kennt die Spiele, bei denen niemand gewinnt.


Steinbart, April 2011.


 

Linkes Auge hinkt (http://linkes-auge-hinkt.de) Alle Texte, alle Bilder Copyright © Steinbart.