Kleiner Prolog

Hinter den halbgeöffneten Lamellen tobt die weiße Sonne und ich liege ausgestreckt auf dem Bett in einem lauwarmen, halbdunklen Raum, der vollgestopft ist mit scharfkantigen Möbeln aus Pressspan im Eichenlook, billig in der Anschaffung und bei Bedarf einfach zu desinfizieren. Ich liege auf der Seite, das Ohr in der Hand und blinzele rüber in die Streifen grellen Lichts. Mein Schwanz hängt teilnahmslos über den Schenkel und auf dem Balkon gegenüber meckern zwei verschwitzte Kanarienvögel. Dahinter das dumpfe Rauschen des Meeres und unter dem Fenster das Gemurmel hunderter Touristen, die sich ehrfürchtig und  in kleinen Grüppchen durch die engen Gassen des historischen Küstendörfchens schieben.

Zwischen Erklärungsversuchen für eine Laune versuche ich an die straffen, öligen Körper am Strand zu denken, damit mein Schwanz den Kopf hebt und ich ein Gefühl bekomme. Damit ich die Unwetterwarnungen wegficken kann. Ich bin nicht alleine gereist. Sie steht im Bad und bereitet sich auf die Abfahrt vor. Ihre Reisetasche, dieses überreife, geplatze Insekt, liegt vor dem Bett, rundrum Klamotten, Utensilien zur Körperpflege, ein Reiseführer. Ein Ausflug nach Norden, in einen Naturpark, dreihundert Kilometer entfernt. Zwei Übernachtungen, ausgewogenes, kulturelles Programm tagsüber und abends Vorführungen in traditionellen Kostümen, VIP-Club, eine Mondscheinbootsfahrt. Alles im Preis inbegriffen. Nur harter Alkohol und Schnuppertauchen kosten extra. Ein unangebrachter Kommentar also, maßlos übertrieben, total unangebracht und ich rechtfertige mich lustlos, fechte einhändig im Liegen. Die Kanarienvögel fallen von der Stange und werden umgehend von 51 Grad Celsius pulverisiert. Der Fön geht an. Die Kanarienvögel gehen an. Der Fön geht aus. Es folgen weitere Vorwürfe aus dem Bad. Ich stelle mir vor, wie sie im Spiegel nach Pickeln oder Falten sucht während sie die Anklageschrift verliest: mangelnde Motivation, mangelndes Interesse, Egoismus. Ihre Sätze schieben sich wie die Wagons eines knirschenden Zugunglücks ineinander und ich halte mir die Ohren zu, warte auf den Türknall.

Zwei Tage vorher saß ich oben auf dem Hügel und guckte hinunter in die Bucht, betrachtete die Brutkolonie, liegende Körper, im Wasser treibende Körper, kleine Körper die hektisch von hier nach da rannten und dabei mit den Armen ruderten. Sie lag mittendrin und ich beobachtete eine Weile, wie sich die Typen an sie ranpirschten, sich in höflichen Abstand neben ihr gelbes Handtuch setzten, dann wieder aufstanden um sich neben ein anderes Handtuch zu setzen. Die Farbe der Handtücher schien bei der Auswahl keine Rolle zu spielen. Gegen Mittag ging ich zurück ins Hotel. Ich trank die Biere in der Minibar leer, griff mir den Stoffbeutel mit dem Manuskript der Schneiderin, hängte mir die Kamera um den Hals und latschte dann durch die pittoresken, weißen Gassen des Dorfes, auf der Suche nach einem abgelegenen, schattigen Plätzchen. Mediterrane Augen lächelten mich freundlich zu der Überzeugung, dass ich noch nicht ausreichend mit Souvenirs ausgestattet sei. Also kaufte ich ein winziges, handgearbeitetes Ölbild aus einem Bauchladen, bog dann um eine Ecke und wehrte mich gegen den Augenaufschlag der Softeisverkäuferin, indem ich im Gehen die Kamera hochriss und einen Kirchturm erwischte, dann weiter in die nächste Gasse abbog, voller Hoffnung, diesmal eine zu erwischen, die zur Kläranlage oder dem Krematorium führt. Tatsächlich hatte ich Glück und der Weg endete vor einer Weide, auf der ich auch nach minutenlanger Beobachtung keine Tiere ausfindig machen konnte. Ein paar hundert Meter den Hügel hinauf hatte ich zwischen den Bäumen ein verfallenes Gebäude ausgemacht. Schatten und Ungestörtheit satt. Ich kletterte also da rauf, setzte mich auf das Manuskript, streckte erstmal die Beine aus und betrachtete die kleinen Inseln, die in türkisem Wasser vor der Küste trieben. Selbstverständlich schlief ich irgendwann ein, erdrückt von kubikkilometern porzellanblau ohne eine einzige Wolke.

Als ich wach wurde stand ein kleiner Mann in runzliger Lederhaut und mit grauen, in alle Himmelsrichtungen abstehenden Haaren vor mir und hob zur Begrüßung die Hand. Er lächtelte freundlich und hockte sich dann mir gegenüber auf einen behauenen Stein, die Ellbogen auf den Knien, das Kinn in den Händen. Aus meinem Schlaf gerissen fühlte ich mich entsprechend elend, richtete mich aber aus Höflichkeit trotzdem auf. Wir saßen uns also gegenüber, dieser fremde Mann und ich, und guckten uns in die Augen, so ganz freundlich, als würden wir uns aus der Schule kennen. Ein dickes Insekt brummte vorbei und ich bemerkte, dass er außergewöhnlich häufig blinzelte. Abgesehen davon passierte eine ganze Weile gar nichts. Schließlich stand er auf, klopfte sich die Hose ab, sah kurz hoch zur Sonne, dann wieder zu mir.

“Aus Deutschland?”, fragte er, überraschend akzentfrei.

Mein Körper stöhnte bei jeder Bewegung. Ich nickte deshalb nur kurz und ignorierte den Wunsch aufzustehen, um mich auf Augenhöhe einzupegeln.

“Ja ich habe in ihrem Land studiert… vor dreißig Jahren…”

Ich hätte auch gerne etwas gesagt aber mein Mund war voll Staub, der auf den Boden rieselte wie feiner Quarzsand.

“Ganz schön lange her…”, fuhr er fort und machte eine seltsame Handbewegung, so etwas zwischen Begrüßung und Abwiegen, rieb sich anschließend mit derselben Hand die Nasenwurzel, drehte sich um und schlenderte den Hügel runter. Ich sah ihm nach bis er zwischen den Olivenbäumen verschwunden war. Dann bemerkte ich seine Tüte.

Beim Versuch aufzustehen schlug ich mir an einem rostigen Eisenbolzen den Schädel ein, verdammt rauhes Land, Baby, Blut im Nacken, Laune im Arsch. Ich griff nach dem Manuskript und der Tüte und ging in die andere Richtung.

Gegen Mittag werde ich von einer drohenden Kotzattacke geweckt und bemerke als erstes, dass ihre Tasche weg ist. Die Kanarienvögel hat es offensichtlich auch erwischt. Wahrscheinlich sind wir während ihres Vortrags gemeinsam eingeschlafen. Ein kleiner Zettel auf dem Nachttisch: Wünsche schöne Zeit, reden später, Kuss bla. Ich umarme die Kloschüssel mit blanken Knöcheln und beschließe, etwas essen zu gehen um den Normalzustand wieder herzustellen.

Zurück im Hotel hole ich die Tüte des Alten aus dem Versteck unter dem Hut, den sie zwar mitgeschleppt hat, aber den ganzen Urlaub lang nicht tragen wird. In der Tüte ein kleines Knäuel Zeitungspapier, eingewickelt in hundert Lagen Frischhaltefolie. Ich setze mich damit auf einen Stuhl und fange an, die Folie abzufummeln, was sich als enorm mühselig herausstellt. Schließlich pelle ich das Zeitungspapier ab und finde eine Hasenpfote, das Fell noch intakt aber übel riechend. Ich öffne das Fenster und schmeiße das Ding raus auf die Straße, dann lege ich mich aufs Bett und starre an die Decke, mache mir Gedanken zu Hasenpfoten. Mein linker Fuß brennt lichterloh in einem Sonnenstrahl. Ich drehe mich deshalb auf die Seite und mein Blick fällt auf die Zeitung, die am Boden liegt. Der gesamte Rand der Seite ist beschrieben. In winzig kleinen Druckbuchstaben. Ich suche den Anfang, lese alles und beschließe danach, mich erstmal gründlich zu betrinken.

Am nächsten Morgen trage ich einen Korb durch den Supermarkt, vier Flaschen Wasser, zwei Flaschen Vodka, die Regale fahren an mir vorbei, tausend Etiketten schreien mich an, am Kühlregal wird mir schwindelig, ich wanke weiter, zwei Brote, eine Isomatte aus dem Sonderangebot. An der Kasse halte ich mein Portmonaie auf wie ein Rentner. Dann schleppe ich das ganze Zeug in zwei Tüten die Straße runter zum Weinhändler, daneben wie versprochen das Happy-Auto-Mobil Schild. Viertel vor acht. Siebenundzwanzig Grad. Ich halte das Geld, Pass und Führerschein durch das vergitterte Fenster und bekomme dazu Wagenpapiere und die Autoschlüssel zurück. Das Auto, ein rostiger Yugo, steht im Schatten eines riesigen, blitzblank polierten Jeeps neuester Generation. Als ich die Karre anlasse, gehen für ein paar Sekunden die Scheibenwischer und alle Blinker an. Danach aber wieder aus. Abfahrt.

An der ersten Tankstelle kaufe ich einen Becher türkischen Kaffee, eine Karte und drei Schachteln Zigaretten, deren Namen ich nicht aussprechen kann. Auf dem Parkplatz reiße ich alle Türen des Wagens auf, klemme mich hinter das Lenkrad und suche eine volle Stunde lang die Karte ab. Kleiner Prolog (Mali Prolog) ist ein winziges Dorf in den Bergen, das es gerade so eben auf die Karte geschafft hat. Kilometerweites Niemandsland rundum, schraffiert eingezeichnet, mit vereinzelten Bäumen drin. Im Hotel habe ich die Wegbeschreibung ab Mali Prolog auf einen Zettel übertragen, der jetzt aufgeweicht in der Tasche meines durchgeschwitzten Hemdes steckt. Ich hole ihn raus, falte ihn zurecht und platziere ihn vor dem Tacho. Beim Anlassen des Motors dasselbe Spektakel mit Blinkern und Scheibenwischern.

Mali Prolog. Die Sonne steht jetzt fast senkrecht, die Luft glüht im Stehen, Daueralarm im Zikadenland, ansonsten absolute Stille, die Zeit klemmt irgendwo hinter Ein Uhr fest. Das Dorf besteht aus vier Häusern, keines davon ist bewohnt. Die weißen Mauern sind mit kleineren und größeren Einschusslöchern gesprenkelt, und so überflüssig das jetzt ist, meine Wahrnehmung wird plötzlich präziser, die Nackenhaare stellen sich auf und im Kopf schwirren blanke Kabel herum zwischen denen knisternd Funken überspringen. Wie die Tentakel eines elektrifizierten Oktopus. Der Krieg ist schon seit Jahren vorbei, aber das fühlt sich hier überhaupt nicht so an. Ich steige durch ein Fenster, klettere über Schutt und zerborstenes Holz, wandere durch den Nachhall eines vergangenen Alltags und stelle mir vor, wie es hier ausgesehen hat bevor die Soldaten kamen und die Bewohner mit ihren zwei Koffern in die Sammelunterkunft für Evakuierte der nächstgelegenen Stadt verfrachteten. Ein bescheidenes Haus, groß genug für ein Ehepaar in Rente oder eine kleine Familie. Im fensterlosen Badezimmer finde ich Bleistiftzeichnungen der Soldaten, die die Wappen ihres Regiments, mit nackten Frauenkörpern oder Wolfsgesichtern verziert, an die Tapeten gekratzt haben. Eine Kletterpflanze hat sich das Schlafzimmer zurückgeholt, eine zerschossene Kloschüssel im Wohnzimmer. Überall zerfetzte Möbel, zerbrochenes Geschirr, abgerissene Stromkabel, die aus den Wänden hängen wie die schlaffen Adern eines verstorbenen Organismus. Im Obergeschoss scheint hier und da die Sonne durch die Löcher im Dach. Weitere nackte Frauen an den Wänden, mit nervöser Hand gemalt, Telefonnummern, krakelige Kugelschreiberzeichnungen sexueller Handlungen, P. ist ein Arschloch, selber Arschloch, du lutscht doch Schwänze und so weiter. Keine Spur von abgetrennten, verrotteten Körperteilen, keine einzige vergessene Patronenhülse. Für einen Moment bleibe ich vor dem großen leeren Fensterrahmen stehen, der Blick umrandet von scharfen Splittern, die in der Sonne blitzen. Von hier aus kann man tief in die hügelige Landschaft sehen. Eine felsige Weite in Grautönen und entsättigtem Grün, hier und da ein senkrechter Zypressentupfer. Eine intensive Schönheit, verschwommen in der Hitze  und gebeugt unter der Last ihrer strategischen Bedeutung.

Nachdem ich die Tüten aus dem Auto geholt und die Karre abgeschlossen habe, setze ich mich auf einen Stuhl hinter dem Haus in den Schatten und stecke mir eine Zigarette an. Von hier aus kann ich den Berg hinaufsehen. Ich trinke die Hälfte der ersten Wasserflasche aus und fülle sie mit Vodka auf. Danach trinke ich weiter.

VATER IST VIERBEINIGE HUND AUS HÖLLE. Die Stunden im Hotel, Tagesreisen entfernt, kommen mir vor wie die Wirklichkeit eines Fremden. Die ganze Nacht die ich damit verbracht habe, den Text auf dem Rand der Zeitung zu lesen, wieder und wieder, und mich zu fragen, wie zufällig ich an die Tüte gekommen bin. Ich reibe mir den Staub aus den Augen, mache die Flasche leer und mich auf den Weg nach oben, in jeder Hand eine Tüte.

Nichts als Steine. Also werde ich aus Steinen kleine Türmchen bauen, ein Hilfseil, an dem ich mich zurückhangeln kann. Im Notfall. Begegnungen mit Eidechse, Schlange, Eidechse. Nach einer Stunde habe ich sechs Wegweiser gebaut, Krämpfe in der Lunge und die erste Wunde. IHR MUTTER IST EULE. Auch etwas intentionell Weiches, wie zum Beispiel eine Isomatte, kann, bei entsprechend lang andauernder Reibung, die Haut bis aufs Blut runterschleifen. Ich überlege tatsächlich, ob ich ein Stück von meinem Hemd abreißen und mir um die Hand wickeln soll. Aber die Schnürsenkel sind sowieso zu lang, also trenne ich von jedem ein Stück ab, binde sie zusammen und zähme damit das obere Ende der Isomatte, das aus der Tüte guckt. SIE WOHNT IN HAUS AUS HOLZ DAS SEHR ALT. SIE WOHNT MIT VATER UND MUTTER ABER SIE KEIN GOTT UND KEIN NUTTE. Der Plan, auf den ich mich geeinigt habe, ist: Alle fünfhundert Schritte ein Steinturm. Ich bin an meinem persönlichen Chomolungma angekommen, kämpfe den einsamen Kampf in der Todeszone – ohne vorherige Segnung oder eine Reserve frischgewaschener Gebetsfahnen. Allein gegen die Sonnenpeitsche. Gegen die Kopfschmerzen. Das Telefon klingelt. Ich lasse es klingeln und hocke mich hin, um den nächsten Steinhügel aufzuschichten. Habe ich mich verzählt? Ich fange eine neue Flasche an, mixe und wische mir den Schweiß von der Stirn. Ich habe kein Telefon dabei. Verzählt! Diesmal bin ich mir sicher. Noch ein Fakt: ich bin nicht zufällig hier. Die winzigen Buchstaben passen mir wie ein Maßanzug. Der Verfasser wußte, dass er mich auf den Web bringen würde. Jetzt bin ich hier, ohne irgendwelche Zweifel, irre den Berg hinauf, verzähle mich unterwegs, stolpere, fluche. Zwei, drei, vier. Unter zehn die reinste Verzweifelung, ab hundert läßt das Gefühl ein bisschen nach. Ich versuche zu singen, Master Song von Cohen, kann den Text auswendig, noch von früher, aber mein Mund ist zu trocken. Kurze Pause, ein Blick zurück. Der kleine Prolog passt jetzt in einen Streichholzkopf.

Vierhunderteinunzwanzig. Zweihunderteinundvierzig? Die mythologische Bedeutung einer halbverwesten Hasenpfote? Begegnungen mit: Eidechse, Schlange, einer Gruppe winziger Druckbuchstaben. MÄDCHEN IST SCHÖN BEAUTIFUL. UND VIELEN HARTEN BRUSTWARZEN. MÄDCHEN KANN SINGEN UND SCHWEIGEN. Noch zwei oder drei Etappen, dann müsste ich den Bergkamm erreicht haben und auf ihm nach links weiter. Die Sonne kommt jetzt von zwei Uhr, also weiter. Der Text verspricht spirituelle Reinigung, das Wort Erleuchtung kommt mehrfach darin vor. Ebenso wie die Worte Saft, Drogen, Unschuld, Gott. SIE LIEST DICH!!! Danach folgt eine exakte Beschreibung des Ablaufes bis sich die Tür öffnet und mich in die Hütte Höhle Hölle treten läßt. Der Text sagt nichts darüber, wie lange ein Amateuralpinist für den Weg brauchen könnte. Auch ein möglicher Tod durch Dehydration, Erschöpfung oder Selbstmord im Fieberwahn wird nicht erwähnt. Auf dem Bergkamm läuft es dann etwas besser, trotz vereinzelter Schwindelanfälle. An einigen Stellen muss ich mich hinknien und auf allen vieren weiterkriechen. Rechts und links geht es mehrere hundert Meter abwärts, fast senkrecht. Es gibt nichts mehr zu auszuschwitzen und trotzdem schwitze ich, reibe mir Salz aus den Augen. Als ich die letzte Wasserflasche aufschraube, die Mischung anrühre und einen Schluck nehme, kann ich bereits in das kleine Tal runterschauen. Eine ovale Schüssel mit einem See drin. Auf der anderen Seite des Sees die kleine Hütte, dahinter ein roter Kasten, einige Meter vor der Hütte der Sonnenschirm. Mehr ist aus der Entfernung nicht zu erkennen.

Der Kasten entpuppt sich beim Näherkommen als ein ziemlich großes Gerüst aus Holz, dem dünner, roter Stoff übergeworfen wurde. Der Stoff reicht bis an den Boden und wölbt sich im leichten, abendlichen Wind. Drin steht ein Bett mit frischen Laken, ein kleiner Tisch daneben, Fernseher, Kühlschrank. Alles liebevoll um das Bett herum arrangiert. Runtergelatschte orientalische Teppiche liegen kreuz und quer auf dem Boden. Auf dem Tisch: Kerzen, Kondome, Gleitmittel, verschiedene Bücher deren Titel ich nicht lesen kann, Vibratoren aller Gattungen und Größen. Die Mattscheibe des Fernsehers hat einen Sprung. Neben der Tür, die in die Hütte führt, hängt eine verblichene Che Guevara Flagge an der Wand. Opiumhöhle oder Feldlazaret und ich bin randvoll mit Dankbarkeit. Die Zikaden kratzen ihre Lieder, der leichte Wind unter einer halbstarken Sonne, das Gefühl, es geschafft zu haben und vor der vermeintlichen Erläuchtung zu stehen. Das alles treibt mir jetzt die Tränen in die Augen. Langsam gehe ich um die Hütte rum und lasse mich in den wackeligen Klappstuhl unter dem Sonnenschirm fallen, öffne die Kühlbox, die daneben steht und trinke ein stilles Mineralwasser auf ex. Dann ziehe ich mich, dem Protokoll entsprechend, nackt aus, esse ein bisschen von dem mitgebrachten Brot, stecke mir eine Zigarette an und warte. Mit zusammengekniffenen Augen taste ich die Hütte auf kleinste Bewegungen ab.

Sonnenuntergang. Drin regt sich nichts. Kein Geräusch, kein Licht. Ich darf jetzt meine Isomatte ausrollen. Ich darf schlafen. Vierundzwanzig Stunden werde ich hier warten. Wenn sich die Tür bis dahin nicht geöffnet hat, bleibt sie zu und ich muss wieder gehen. Ohne spirituelle Erleuchtung, ohne die Wirkung längst vergessener, halluzinogener Drogen oder den Geschmack ihrer jugendlichen Säfte kennengelernt zu haben. Ich gehe dann zurück nach Mali Prolog, zurück in ein Hotel, zurück in eine lärmende Stadt, zweitausend Kilometer entfernt, zurück zu hoffnungslos überfüllten U-Bahnschächten, die mir gerade so fremd sind wie Schienenersatzverkehr in Interzone. Zurück zu den unerfüllten Wünschen und Träumen längst verstorbener Supermarktkunden, zurück zur allgegenwärtigen Dauerbeschallung, zu Revolutionen, die nie stattgefunden haben und nie stattfinden werden, weil die Anstifter an Bulimie leiden. Zurück zu Kaufverhalten, Rethorik, Fitness, zu biologisch abbaubaren Sportwagen, Umweltkatastrophen, Schlaflosigkeit, Terror. Zurück zu Epedemien, die am Reißbrett entworfen werden, zu Sonderangeboten und sozialer Lynchjustiz im Namen der Unterhaltung, zurück zu amputierten Sehnerven und aufgeschlitzten Trommelfellen. Der Chirurg ihres Vertrauens hängt mit einem freundlichen Lächeln den grünen Kittel an den Haken. Ein schwerer Arbeitstag liegt hinter ihm. Anschließend schlägt er seine Geliebte tot und verkauft ihr junges Fleisch für eine Beförderung.

Eine Stunde geschlafen, vielleicht etwas mehr. Der Mond hat sich nicht weit aus dem Augenwinkel bewegt. Die Knochen tun mir weh, ich zittere in meiner Haut, die so verbrannt und ausgetrocknet ist, dass ich Angst habe, mich zu bewegen. Mein Körper wiegt eine Tonne, es sind nicht mal genug Reserven vorhanden um den Kopf zu heben. Das Haus rückt in den Hintergrund, verschmilzt mit dem Berg der in unschärfe versinkt. Tilt shift. Tilt. Ich sacke wieder weg, nicht sicher ob ich einschlafe oder bewußtlos werde.

Dann ist die Tür auf.

Einzelne dünne Nebelschwaden wabern aus der Hütte, gespenstisch im Mondlicht. Mein Atem hallt von den Bergen zurück, die Schmerzen sind verschwunden, meine Haut ist jetzt jung und makellos. Ich stehe bereits und bin gerade erst aufgewacht. Ich gehe bereits und habe gerade noch gestanden. Von meinem Körper scheint ein schwaches, phosphoreszierendes Licht auszugehen. In der Hütte beginnt ein schmaler, dunkler Tunnel. Die Galerie riecht nach Rosmarin, eine Fotografie links, dann eine rechts. Es sind Bilder von mir und Mönch, mir und meiner Mutter, wieder mit Mönch, eine kleinen Serie von mir mit verschiedenen Geliebten, intim, nackt, verschlungen in komplizierten Stellungen und Räumen. Die letzten Bilder von mir dann vor der Hütte, verbrannt und zusammengekauert auf einer Isomatte. Ich mit Steinen. Ich in Hautfetzen. Ich trete aus dem Auge des Guerillaführers, stehe so fest wie nie auf den Beinen, atme tief und ruhig. Die Wirklichkeit außerhalb der roten Vorhänge versinkt in Finsternis, mit ihr die Erinnerungen. Die Löschung dieser Information ist ein schmerzfreier Prozess, der einige Minuten dauert. Das Mädchen sitzt auf der Bettkante, bedeckt ihre Brüste mit der einen Hand, zwei oder drei weitere Hände liegen flach auf dem Laken, die zarten Finger leicht gebeugt. Von ihrem Körper geht dasselbe matte Leuchten aus. Sie wartet geduldig bis ich soweit bin. Aus ihrem Mund wabert dieser weiße Nebel, atemlos, er treibt einfach zwischen ihren leicht geöffneten Lippen hervor. Als ich die Augen wieder öffne, bin ich jetzt und außer jetzt bin ich nichts mehr. Der Boden ist bedeckt mit fleckigen Manuskriptseiten, auch auf dem Bett liegen Blätter rum, abgegriffene, mit Bleistift korrigierte Texte, ganze Absätze gestrichen. Ihre warmen Hände berühren mich, ich registriere einen leichten Schlag gegen die Beine, dann schwebe ich schräg in der Luft. Sie dirigiert meinen Körper mit sanften Bewegungen und legt sich dann auf den Rücken, Arme und Beine gespreizt bis in die Spitzen. Unsere Körper sind weiß und langsam, jede Bewegung dauert eine Ära. Ich schwebe jetzt langsam in dieselbe Position die sie eingenommen hat, nur mit dem Gesicht nach unten, komme an. Schwebe bewegungslos ein paar Zentimeter über ihrem Körper, atme den Nebel ein, atme ihn aus. Eine Säule weißen Rauches bildet sich zwischen unseren Mündern, eine feste Achse, um die ich in langsamer Bewegung rotiere. Während dieser Phase sind unsere Augen geschlossen und der Puls nicht mehr wahrnehmbar. Irgendwann bilden wir eine Gerade, von oben betrachtet: Ihr Körper, ein Kopf, mein Körper. Doch das schwerelose Uhrwerk dreht sich weiter und nachdem die Umdrehung vollendet ist und unsere Körper wieder übereinander schweben, beginnt eine neue Phase. Hautflächen strecken sich nach einander aus und verbinden sich dauerhaft, das Tempo steigt, Zellen finden sich und verschmelzen, meine Lunge macht Platz für ihre Brüste, die Platz machen für meine Lunge. Wir dringen in uns ein, in rasanter Lautlosigkeit, absorbieren einander, willkürliche Zellteilung in Zeitraffer, allgegenwärtiges Wachstum, gehetzte Metamorphose. Ich bin die Erschöpfung, der Mutterkuchen einer neuartigen Kreatur. Jetzt beginnt die kalte Kernschmelze und ich bin so erregt wie nie, ich ficke, ich werde gefickt, alles dasselbe, jede Zelle stößt, verdaut Stöße, pulsiert nach innen und außen, getrennte Nervenzellen wachsen in Sekundenbruchteilen wieder zusammen, gebären nagelneue Empfindungen die intensiver sind als alles bisher dagewesene. Plötzlich das Finale: Sämtliches Gewebe schrumpft in Lichtgeschwindigkeit auf ein Bruchteil seiner ursprünglichen Masse zusammen. Verdichtete Arme, Beine, Geschlechtsteile, die nicht mal mehr bei millionenfacher Vergrößerung zu erkennen wären um dann mit einem lautlosen, grellen Blitz in ein Vakuum aus Staub zu explodieren.

Wir wünschen ihnen einen angehmen Flug.

Sämtliche Rezeptoren sind gekappt, die Mattscheibe schwarz. Zeit weht durch den kalten Schlachthof halbherziger Bemühungen. Nur ganz langsam kehrt von irgendwo weit hinten das Bewußtsein zurück, tastet sich vor wie ein verschüchtertes Hochdruckgebiet. Die Schwärze wird ein Kreis, bewegungslose Sonnenstürme am Rand und eine matte Reflexion im Zentrum. Von oben und unten dringen scharfe Wimpern ins Bild, Lider.

Sie streckt mir einen Stapel Blätter entgegen auf denen ich meine krakelige Handschrift erkenne.

“Ich habe das für dich sortiert”, flüstert sie.


Steinbart, August 2010.


 

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