Am unteren Ende des absteigenden Astes ist es kalt. Ich habe mir etwas Geld zusammengeschnorrt. Jetzt kann ich mir einen Döner kaufen. Der kalte Wind bläst in die aufgescheuerten Ärmel meines Mantels. Es ist dunkel, obwohl es noch nicht spät ist. Fleisch, Salat, Essen. Der Türke gibt mir den Döner. Er hält ihn mit ausgestrecktem Arm von sich, als habe ich eine ansteckende Krankheit. Vielleicht habe ich eine ansteckende Krankheit. Vielleicht ist er gar kein Türke. Ich nehme das warme Fladenbrot in die Hand und lasse das abgezählte Kleingeld in den verschrammten Plastikteller fallen. Eine Münze rollt über den Rand. Ich kümmere mich nicht darum.
Das ist mein Viertel, meine Stadt. Ich kenne die Gesichter. Harte Gesichter, die Geschichten erzählen könnten. Doch ihre Kiefer sind eingefroren und niemand hört ihnen zu. Ein staksiger Junky in hautengen Jeans und abgetragener Daunenjacke kommt mir entgegen. Halb taub, den Boden nach Münzen absuchend, eiert er über den Gehweg. Hinter mir höre ich das dünne Klicken von teuren Absätzen, die rasierte Waden tragen. Dann geht alles sehr schnell. Erst überholt mich die Frau, dann springt sie überraschend zur Seite. Vermutlich hat sie sich beim Anblick des Süchtigen erschreckt. Und mein Döner, meine erste warme Mahlzeit seit zwei Tagen, fliegt in einem hohen Bogen durch die Luft und landet schließlich in einer großen Pfütze, auf der ein Ölfilm schwimmt. Der Junky geht weiter. Die Frau bleibt stehen und betrachtet abwechselnd meinen Döner und mich.
- Entschuldigen Sie. Das tut mir schrecklich leid, sagt sie.
Ich bin nicht in der Lage, etwas zu antworten. Obwohl der Ofen meiner Wut bollert wie eine Horde panischer Zuchtbullen, eingepfercht in die eisige Dunkelheit eines Kühltransporters.
- Schrecklich leid, höre ich wieder.
Wir stehen uns nah gegenüber. So nah, dass ich in ihren Augen mein froschverzerrtes Spiegelbild erkennen kann: Da steht ein Mann, dem man gerade einen Kanister Benzin über den Schädel gegossen hat und nun mit einem brennenden Streichholz bedroht. Mit einem dumpfen Geräusch geht er in Flammen auf.
- Entschuldigen Sie. Es tut mir schrecklich leid. Wirklich. Ich werde Ihnen gleich ein neues Kebap kaufen.
Sie zerrt an meinem Ärmel. Vielleicht bilde ich mir das ein. Sie macht keine Anstalten, irgendwas zu unternehmen. Wir bleiben also stehen und warten.
- Kommen Sie. Oder nein! Besser, Sie warten hier. Ich werde Ihnen ein neues Kebap holen. Warten Sie hier, ja?
Sie dreht sich um und geht. Nach zwei Schritten bleibt sie stehen. Ihre großen Augen sehen mich an, dann verwirft sie den Gedanken und klappert davon. Ich sehe ihr nach. Vielleicht sieht sie gut aus. Auf der anderen Seite sehen sie fast alle gut aus, wenn man sich lange genug mit den Ratten um ihren Abfall geprügelt hat. Ich probiere den Döner aus der Pfütze. Nichts zu machen. Für einen Moment wärme ich mir an dem Fladenbrot die Finger, dann werfe ich den ganzen Klumpen zurück und warte.
Ich schätze die Entfernung zur Bank auf elf Schritte ab. Mein Rücken schmerzt. Leute gehen vorbei. Fremde Menschen in anderen Universen. Unsere Zeitschienen berührensich für einen Moment, einen Blick oder die Wolke des Gestanks, den ich schon seit einiger Zeit absondere. Elf Schritte entfernt zersetzt sich mein Döner in einer bunt schillernden Lache aus Benzin oder Petroleum. Nicht mal ein Hund kümmert sich darum. Kein Essen. Mein Essen. Essen.
Eine Frau geht in die Hocke und bindet einem Kind die Stiefel zu. Dazu zieht sie ihre roten Handschuhe aus und legt sie auf eine trockene Stelle des Asphalts. Als die beiden weggehen, dreht sich das Kind nach mir um und sieht mich an. Bis es zum zweiten Mal von seiner Mutter ermahnt wird.
Wieder Handschuhe, diesmal Leder, schwarz. Der eine hält einen Döner, der andere eine Papierserviette. Ohne Hast nehme ich beides an mich und suche ihre Augen, die mich wie unerwartete Nordlichter überfahren. Sie sind schön. Sie ist schön. Obwohl ich stinke, obwohl ich wirklich stinke setzt sie sich neben mich auf die Bank, sagt nichts und beobachtet mich, während ich mein faules Maul aufreiße und die verbliebenen Zähne in den Döner schlage. Immerhin esse ich ohne Gier. Als ich fertig bin, wische ich mir mit der Serviette den Mund ab und stecke sie mir anschließend in die Manteltasche. Ich werde sie später dazu verwenden, mir den Arsch abzuwischen. Nach dieser Mahlzeit sollte sich mein Stuhlgang wieder normalisieren. Ich bilde mir ein, die Wärme zu fühlen, die mit jedem ihrer Worte mein Gesicht erreicht.
- Wollen Sie noch einen? fragt sie.
Was?
- Ich hole Ihnen noch ein Kebap, wenn Sie wollen.
Nein. Doch es kommt kein Wort heraus. Ich weiß, dass ich einen zweiten Döner unter den gegebenen Umständen sofort wieder auskotzen würde und schüttele den Kopf.
- Vielleicht einen Kaffee?
- Tee, höre ich mich sagen.
Aber eigentlich spreche ich nicht. Es ist ein unregelmäßiges, heiseres Krächzen. Sie klappert wieder davon und ich überlege, ob ich die Flucht antreten soll. Stolz und Würde. Die erste Mülltonne schmerzt. Die beiden Genossen sind immer die ersten Opfer im Kampf ums Überleben. Angesichts der aussichtslosen Lage wird dieser Verlust mit einem bitteren Lächeln quittiert. Von rechts naht das Klicken. Sie kommt zurück und sie hat etwas beschlossen. Ihr Schritt ist jetzt energisch. Eingehüllt in die Wolke ihres Parfums ringe ich nach Atem und bemerke, wie sie sich neben mich setzt. In größerem Abstand diesmal. Sie hält mir den Styroporbecher hin. Meine Finger sind steif. Nachdem ich zweimal genippt habe, fällt mir der Becher zwischen die Schuhe. Die heiße Flüssigkeit breitet sich dampfend auf dem Gehweg aus.
- Wenn Sie wollen, können Sie heute Abend bei mir und meinem Freund bleiben. Sie könnten duschen und ich würde mich um Ihre Sachen kümmern. Aber keine krummen Dinger, versprochen?
Vor ihren Lippen bildet sich wieder eine Wolke kondensierten, gut riechenden Atems. Dann verschwindet die Wolke.
- Ich könnte Ihnen etwas Anständiges zu essen machen und Sie könnten mal richtig ausschlafen.
Eine neue Wolke. Sie kracht lautlos in die alte. Die Frau neben mir hat schwarzes Haar. Während ich an eine Badewanne denke, an Hagebuttentee und große Portionen Fleisch, frage ich mich, wo der Haken ist. Und während ich verzweifelt danach suche, laufen mir zwei Tränen über die Wange. Wirkliche Tränen, die meinen Flüssigkeitshaushalt durcheinander bringen werden. Ich will nicht nein sagen. Ich will aber auch nichts anderes sagen. Ihr Blick hängt in meinem fettigen Haar. Ich schäme mich. Für meinen Geruch und meinen blauen Schal mit den angetrockneten Resten vergangener Miniaturmahlzeiten. Ein Auto fährt langsam vorbei. Jetzt steht sie auf und geht zur Strasse. Ihre dünnen Strümpfe haben hinten eine Naht, die sich, wie von einem Lineal gezogen über ihre Waden zieht, um anschließend im glänzenden Leder ihrer Schuhe zu verschwinden. Nach einigen Schritten bleibt sie stehen. Dann steigt sie in ein Taxi. Hinten, in den Fonds. Ohne die Tür zu schließen, rutscht sie hinter den Fahrersitz. Der Fahrer, ein rundes Gesicht mit schiefem Scheitel und einer bedrohlichen Nase, dreht sich um und sagt etwas, das ich nicht verstehe. Die Frau sieht mich an, winkt mich mit einer Geste zu sich und klopft mit der rechten Hand neben sich auf die Lederimitation. Ich stehe auf und gehe die Strasse hinunter. Nach rechts. Über der Apotheke leuchtet ein gesponsertes Schild: 20:37 / 2°Celsius. Das Taxi fährt im Schritttempo neben mir her. Jetzt sitzt die Frau hinter dem Beifahrersitz. Die Tür geschlossen und das Fenster zur Hälfte geöffnet.
- Ich will Ihnen doch nur helfen! ruft sie.
Neue Tränen. Ich bleibe stehen. Verschwommenen Blickes registriere ich, dass das Taxi ebenfalls stehen geblieben ist. Der Fahrer wirft mir einen genervten Blick zu. Mit dem Ärmel wische ich mir das Gesicht trocken und gehe auf den Wagen zu. Die Frau stößt die Tür auf und rutscht zur Seite, um mir Platz zu machen.
- Puuh! macht der Fahrer. Dann wischt er sich seine schiefen Haare aus dem Gesicht. Anschließend wiederholt er alles: Puuh!
Mit geöffneten Fenstern fahren wir durch die eisige Nacht. Vorbei an der Christlichen Mission, raus aus meinem Viertel. Wir fahren lange. Ich versuche dabei, mich so weit es geht aus dem Fenster zu lehnen, um den Gestank im Auto zu gering wie möglich zu halten. Aktive Schadensbegrenzung als kümmerlicher Rest bürgerlichen Anstands. Der Fahrer ermahnt mich. Die Frau lächelt mich an und wirft dem Fahrer einen Blick zu, der ihn dazu bringt, sich vorrangig auf den Verkehr zu konzentrieren. Für den Rest der Fahrt sehen wir aus unseren Fenstern.
Es gibt keinen Hinweis auf einen Freund. Die Wohnung ist zu klein, der Klodeckel heruntergeklappt. Keine Spur von moschuslastigem Aftershave, Miniaturmodellen von Formel1 Autos, wohlsortierter Unordnung. Nach etwas mehr als drei Minuten stehe ich nackt im Badezimmer. Die Frau hat mir ein Duschgel mit Aprikosengeschmack und ein Shampoo für normales Haar auf den Rand der Badewanne gestellt. Ich setze mich auf das Klo. Der Klodeckel schmiegt sich an meine Schenkel und Arschbacken. Es fällt nichts aus mir raus.
- Leg deine Sachen in die Wanne, wenn du fertig bist! ruft sie durch die Tür. Aber sieh nach ob die Taschen leer sind!
In ihrer Wohnung werde ich geduzt. Trotz des Rauschens unter dem Wasserhahn höre ich, wie sie in der Küche mit Geschirr hantiert und anschließend den Fernseher anstellt. Dann ziehe ich mich aus. Zwei paar Socken, zwei Unterhosen, eine Jogginghose, eine Anzughose, ein Unterhemd, zwei T-Shirts, einen Pullover, ein Hemd, eine Krawatte, einen Wollpullover mit Rollkragen, Schal, Mantel, Schuhe. Meine Taschen sind leer. Bis auf die Papierserviette. Und die werfe ich ins Klo.
Ich bade etwa eine Stunde. Dann lasse ich das Wasser ab und bleibe eine weitere halbe Stunde unter dem Brausekopf sitzen, dessen Strahl ich abwechselnd auf meine Stirn und meinen Nacken richte. Mit einem Handtuch bekleidet verlasse ich, in eine Wolke schweren Dampfes gehüllt, das Bad.
Die Frau sitzt in dem winzigen Zimmer auf einer kleinen Couch vor dem Fernseher.
- Ich heiße übrigens Viola, sagt sie. Ich glaube, die Sachen da müssten dir passen.
Über einem Stuhl finde ich eine grüne Jogginghose und einen schwarzen Pullover. Während ich mich anziehe starrt Viola auf den Fernseher. Meine Fingernägel sind weiß. Der Moderator will die Anzahl der Ringe um den Saturn wissen. Dreiundzwanzig?
- Ich werde mich dann mal um deine Sachen kümmern. In der Küche liegen ein paar belegte Brote, sagt sie und verschwindet ins Bad.
Ich gehe also in die Küche. Die Strasse unten ist dunkel. Ein anderes Viertel. Am Kühlschrank klebt ein Urlaubsfoto. Viola und ein junger Mann, gesund, braungebrannt, lächelnd. Im Hintergrund ein überfüllter Strand und das Meer. Viola lässt Wasser in die Wanne. Dann höre ich die Waschmaschine. Ich greife nach ein paar Stullen, mit weißem Käse und Tomaten in Scheiben. Der Kandidat entscheidet sich, einen Freund anzurufen, der ihm bei dieser Frage zur Seite stehen darf. Nachdem das Telefon etwa achtmal geklingelt hat, geht der Freund ran. Ich hocke mich in das Sofa vor die Mattscheibe. Werbung. Nahrung. Chio-Chips. Raffaelo und die Punica-Oase. Nach einer Weile stelle ich den Ton ab. Viola kommt aus dem Badezimmer und schaut nach dem Rechten. Ich sehe sie an, direkt in ihre Augen. Sie lächelt, sagt aber nichts.
- Ich habe deinen Mantel in der Wanne gewaschen. Hoffen wir, dass er bis morgen trocken wird.
Sie setzt sich an das vermutlich nördliche Ende der Couch.
- Du redest nicht viel, sagt sie und betrachtet meine Fingernägel. Ich balle die Fäuste.
- Soll ich dir die Fingernägel schneiden? fragt sie.
Ohne auf eine Antwort zu warten steht sie auf. Im Bad durchwühlt sie klappernd eine Blechkiste. Später sitzen wir nebeneinander und sie hält meine Hand in ihrem Schoss. Die breiten Hornhautschnipsel tummeln sich in einem Frotteehandtuch. Viola feilt, knipst und schneidet, während ich ihr Haar einatme. Klein in mir selbst, kleiner in ihrer Wohnung und geradezu mikroskopisch in dieser Welt unterdrücke ich Tränen und konzentriere mich auf das, was sich auf der stummen Mattscheibe abspielt. Während ich ihren regelmäßigen Atemzügen lausche, frage ich mich, ob der Kandidat Kinder hat. Dieselbe Luft, verdorben von unseren Atemzügen wird plötzlich zerrissen durch das scharfe Piepen des Telefons. Viola steht auf, faltet sorgfältig das Handtuch zusammen und legt es über die Lehne der Couch. Das Telefon ist schnurlos. Während sie spricht, läuft sie durch das Zimmer. Sie sagt hallo, nein, ja, ich kann erst am Montag dahin, vorher schaffe ich es nicht, nein, ich werde es nicht vergessen, wollen sie mir hinterher mit der Post zuschicken, danke, nein, warum, alles in Ordnung, wieso, ja, gut, mach’s gut, tschüss. Wieder lächelt sie. Dann setzen wir unsere Maniküre fort. Nach den Händen sind die Füße dran. Anschließend öffnet sie das Fenster und schüttelt meine Zehnägel in die Strasse.
- Möchtest du noch etwas essen?
Kopfschütteln. Ich möchte etwas sagen, nur ein Wort. Auf dem Fernseher steht ein kleiner Wecker. Es ist kurz vor elf. Elf als Ziel. Viola steht auf, geht in die Küche und kocht Tee. Mit zwei dampfenden Bechern kommt sie zurück und stellt sie auf den gläsernen Tisch. Im Norden hockt sie sich im Schneidersitz auf die Couch und greift nach einer Tasse.
- Möchtest du, dass ich dir etwas über mich erzähle?
Ich nicke. Sie wirft den Kopf zurück, bändigt eine Haarsträhne mit einer gezielten Handbewegung und seufzt, dass mir fast das Herz stehen bleibt.
- Ich weiß nicht… ich meine, diese Wohnung, diese Klamotten… das alles vermittelt bestimmt einen ganz falschen Eindruck von mir. Ich möchte nicht, dass du so über mich denkst. Ich bin nicht meine Wohnungseinrichtung.
Zwei vor elf. Ich schweige. Den Tee habe ich auch noch nicht angerührt. Der Nachbar dreht die Musik laut. Sehr laut. Dann wieder leise. Vielleicht ein Testlauf oder ein Streit.
- Ich arbeite in einer Kindertagesstätte. Es macht mir Spaß mit Kindern zu arbeiten. Die Welt da draußen ist so schlecht. Manchmal fragt man sich, ob es überhaupt Sinn macht, Kinder in diese Welt zu setzen, oder? Aber wenn ich diesen Kindern ein gesundes Bewusstsein vermitteln kann, hoffe ich, dass sich vielleicht in den nächsten Generationen was tut. Ich meine, nimm’ zum Beispiel Jesus. Ein Schnorrer. Ohne Job, mittellos. Nur zwölf Kumpel und dazu auch noch jung gestorben. Trotzdem hat er die Welt beeinflusst wie niemand zuvor oder danach, findest du nicht? Ich bin keine Christin. Es ist ja auch nur ein Beispiel. Aber das zeigt doch, dass es nie zu spät ist etwas zu tun!
Mit dem letzten Satz fliegt eine ansehnliche Portion Speichel durch den Raum. Ich versuche, meine Übelkeit zu unterdrücken. Der Sekundenzeiger bewegt sich auf die Zwölf zu. Vierzig Sekunden. Ich danke an Worte wie Danke, Schön, Danke, Ficken, Augen, Durst, Norden, Klodeckel, Haar, Jesus, Angst.
- Ich kann selber leider keine Kinder haben, sagt sie.
Fünfzehn. Zehn. Danke. Danke sehr. Danke dir. Danke schön. Fünf, vier, drei.
- Es ist elf Uhr, sage ich. Ich muss etwas sagen.
- Weil es elf Uhr ist?
Ich nicke und suche. Sie sieht mir in die Augen. Eine Weile lang geschieht nichts. Der Augenblick elf ist vorbei. Wir sitzen auf dem Sofa, sehen uns an und warten.
- Wie heißt du? fragt sie. Ein Ton, wie ein Betäubungsmittel für Kühe.
- Leon.
Erst jetzt fällt mir auf, dass es kein Bett in diesem Zimmer gibt. Auch keine weiteren Zimmer. Ich beginne, mir Sorgen zu machen.
- Leon, wiederholt sie. Ich würde mir gerne deine Geschichte anhören. Das heißt, wenn du sie erzählen willst.
- Es gibt nichts zu erzählen, gebe ich freundlich zurück.
Ein warmes, wohliges Gefühl macht sich in meinen Eingeweiden breit wie ein Fieber. Ich atme ihre Gerüche ein und stelle mir vor, wie ich zwischen ihren Brüsten einschlafe, wie die Brustwarzen auf meine Augenlider drücken. Verstohlen werfe ich einen Blick auf ihren Pullover. Sie ertappt mich, lächelt aber.
- Willst du dich rasieren? fragt sie. Außerdem kann ich dir die Haare schneiden, wenn du Lust hast. Ich hab das schon öfter gemacht.
Gemeinsam gehen wir ins Bad, wo sie mir einen Einwegrasierer und eine Flasche Rasierschaum in die Hand drückt. In einer Holzkiste findet sie eine Schere und einen Kamm, mit dem sie dann das Bad verlässt. Nachdem ich mir die Stoppeln aus dem Gesicht geschabt habe, finde ich sie in der Küche. Sie ist mit einem großen Handtuch ausgestattet und hat einen Stuhl vor sich stehen. Erwartungsvoll schaut sie mich an. Es dauert eine Ewigkeit, bis sie mich mehrfach mit einem Spiegel umrundet und sich mein knappes Lob schmecken lässt. Ich erkenne mich nicht wieder.
- Danke, sage ich.
- Gern geschehen.
Sie schüttelt das Handtuch aus, fegt die Haare zusammen, räumt, säubert und erklärt mir anschließend, dass sie morgen frei habe. Ihre Lippen verziehen sich zu einem Grinsen, doch ihre Augen lächeln nicht mit. Trotzdem haben wir eine aufregende Nacht vor uns. Ich werde meinen Penis in ihrer Vagina verstecken. Schwanz. Fotze. Sie gähnt. Ich auch. Wir stehen in der Küche.
- Wollen wir schlafen gehen? fragt sie.
Ich nicke und helfe ihr, die Couch umzubauen. Die entstehende Liegefläche ist zu schmal, als dass man sie als koscher bezeichnen könnte. Im Bad stehen wir nebeneinander und putzen uns die Zähne. Die Zahnbürste war frisch verpackt. Vielleicht hat sie auf die Gelegenheit gewartet. Ich putze doppelt so lange und hoffe, genug getan zu haben. Dann lege ich mich unter die Daunendecke und warte. Viola duscht neben meinem Mantel. Irgendwann geht die Klospülung, dann Stille, schließlich kommt sie raus.
Sie trägt ein langes, weißes Hemd, das ihr fast bis zu den Knien reicht, mit großen, schwarzen Knöpfen dran. Ihre Brustwarzen zeichnen sich deutlich unter dem glänzenden Stoff ab. Ihre Brüste sind groß und scheinen fest.
- Wie alt bist du? frage ich.
- Dreiundzwanzig. Und du?
- Dreißig.
Sie legt sich neben mich. Unsere Körper berühren sich nicht. Mit der Hand erreicht sie den Lichtschalter des Deckenfluters. Im Dunkeln liegen wir also auf unseren Rücken. Wenn ein Auto vorbeifährt, schieben sich weiße Lichtbalken über die Zimmerdecke. Immer von Rechts nach Links. Vielleicht eine Einbahnstrasse. Nachdem wir uns an die Dunkelheit gewöhnt haben, dreht sie sich auf die Seite und sieht mich an.
- Ich möchte aber nicht mit dir schlafen. Das verstehst du doch, oder? Ich meine, wir kennen uns doch kaum. Ich finde schon, dass wir damit noch ein wenig warten könnten. Willst du mich wiedersehen?
Ich sage nichts.
- Obdachlos zu sein passt irgendwie überhaupt nicht zu dir. Du bist nicht dumm. Ich wette, es gibt gute Gründe dafür. Ich habe das Gefühl, dich zu kennen. Verrückt, oder? Du bist keiner von denen. Das sehe ich dir an.
Mein Magen meldet sich mit einem stechenden Schmerz. Ich lasse mir nichts anmerken.
- Ich weiß, beginnt sie, dass du ein guter Mensch bist.
Offensichtlich hat jemand einen Parkplatz direkt unter dem Fenster gefunden. Der Lichtbalken wird erst breiter, dann verschwindet er. Das du ein guter Mensch bist. Ja. Und weiter? UND WEITER?! Die Wut macht mich sprachlos. Ich falle rückwärts durch die teuren Alleen. Platanen vielleicht, doch es ist mir egal. Mein Atem beschleunigt sich in gleichem Maße wie mein Puls. Sie sieht mich an und ich denke an Gerechtigkeit. Es muss doch auch für uns eine Gerechtigkeit geben. Nach dem Sündenfall. Eine Tropenkrankheit mit schnellem Fieber: Warum schicke ich dieses dumme Mädchen nicht einfach zum Teufel? Warum esse ich sie nicht auf? Grenzenloser Schmerz. Weitere Gedanken an Kälte, an Rücksichtslosigkeit, Hunger, Müdigkeit durch Schmerz, Schmerz durch Müdigkeit. Sie schließtihre Augen.
- Ich würde dich gerne essen, flüstere ich in ihr Ohr.
- Gerne. Aber nicht heute, antwortet sie und lächelt in die Dunkelheit.
- Ich meine das im Ernst. Ich würde gerne dein Fleisch essen.
Mit einemmal ist sie hellwach.
- Hör auf mit dem Scheiß! Du machst mir ja richtig Angst.
Ich lächele. Ich habe keine Angst. Es ist, als würde nun alles seinen vorgeschriebenen Weg gehen, ganz von selbst. Ich brauche also nicht zu denken. Nur noch loslassen, der Nacht die Regie überlassen. Sie weicht zurück. Ich lehne mich zur Seite und reiße die Telefonschnur aus der Wand. Sie will aus dem Bett. Ich stürze mich auf ihren Körper, setze mich auf ihren Brustkorb und klemme ihre Arme unter meinen Knien ein. Der Schmerz, den sie dadurch auslöst, dass sie ihre Knie in meinen Rücken schlägt, ist geradezu lächerlich verglichen mit dem, was ich mit ihr vorhabe. Das scheint sie auch zu verstehen und hört damit auf. Ich stopfe ihr zwei von ihren Wollsocken in den Mund und binde ihre Hände mit der Telefonschnur an die Füße der Couch. Dabei zetert sie wieder, tritt mit ihren Knien ins Leere und windet sich wie ein epileptischer Wurm.
Plötzlich wird mir klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Für einen Moment zumindest erwäge ich, sie loszulassen, ihr eine plausible Ausrede zu servieren und die Fesseln zu lösen. Doch das würde uns auch nicht weiterbringen. Die Brücken sind verbrannt, Nabelschnüre durchtrennt. Speichel läuft mir über das Kinn. Ich stehe auf, gehe in die Küche und trinke ein Glas Milch.
Zurück im Zimmer bemerke ich als Erstes ihre Hände. Rot wie Pavianärsche und auch so groß. Ich lege das große Gemüsemesser neben das Bett und lockere ihre Fesseln. Sie hat jetzt aufgehört zu zappeln und ihr Blick verfolgt mich mit Interesse, jedoch ohne Panik. Mit angewinkelten Knien setze ich mich wieder auf ihren Bauch und beuge mich vor, so dass sich unsere Nasen beinah berühren.
- Ich werde dir jetzt die Socken aus dem Mund nehmen. Wenn du schreist oder sonst irgendwelchen Scheiß versuchst, bringe ich dich um. Noch Fragen?
Sie sieht mir fest in die Augen und nickt. Die Socken sind feucht. Sie atmet einige male tief ein und aus. Dabei hebt sich ihr Brustkorb unter mir und ich bekomme einen Ständer.
- Was willst du? zischt sie.
Ich fahre mit den Fingern über ihre Lippen, überrascht, dass sie mich gewähren lässt. Mit dem Messer schlitze ich das Hemd auf, von unten nach oben und dann die Ärmel. Anschließend ziehe ich es unter ihrem Körper hervor. Die feinen Muskeln in ihrem Gesicht entspannen sich, während sie beobachtet, wie ich das Messer auf dem Fernseher ablege. Das Gefühl des Trudelns, die Ausweglosigkeit Hand in Hand mit grenzenloser Macht treibt mich in einen Rausch.
Die Wirklichkeit löst sich auf in halbtransparente Erinnerungen an üble Zeiten. Die übelsten. Doch jetzt findet ein anderes Leben statt, frei schwebend, losgerissen von Vergangenheit und Zukunft. Ein Leben ohne Hunger und Benzinpfützen. Ohne Angst. Ein Leben der Lotteriegewinne, ohne Apfelbaumreptilien und Packungsbeilagen voller Risiken und Nebenwirkungen.
- Was verdammt noch mal willst du? höre ich sie wieder sagen.
Die Härchen auf meinen Armen richten sich auf. Ein leichter Schwächeanfall lässt mich nach Atem ringen und treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Filme aus meiner Kindheit. Das zittrige Gefühl, erwischt worden zu sein. Dann Wut. Oh ja. Grenzenlose, schäumende Wut!
- Verdammte Scheiße! kreische ich. Was hast du dir bloß dabei gedacht?
- Ich…
- Für einen BESSEREN SCHLAF? Ein bisschen Liebe gegen zwei BUTTERBROTE?
- Ich wollte dir doch nur helfen… Was soll das…
- Weißt du, was du bist? Weißt du eigentlich, was du bist? Du bist eine kleine, dumme und völlig hilflose Schlampe, die sich selber nicht mehr über den Weg traut. Schiffbrüchig im eigenen Luxus, vereinsamt, ungeliebt und … Gott, du WIDERST MICH AN!
- Wirst du mich umbringen?
- Mit hoher Wahrscheinlichkeit.
- Du wirst nicht so einfach davonkommen. Stell dir bloß nicht vor, dass…
- Von uns beiden bin ich es, der nichts mehr zu verlieren hat, Baby.
Mit einer schnellen Bewegung springe ich auf.
- Aaah! mache ich. Aaah!
Sie verfolgt jeden meiner Schritte, während ich im Zimmer auf und ab gehe. Und plötzlich weiß ich nicht mehr, was ich mit ihr anstellen soll. Wie ein Kanarienvogel vor der offenen Käfigtür. Unfähig, mit den Flügeln zu schlagen.
Ich stelle den Fernseher an. Dann das Radio und lasse beides auf voller Lautstärke laufen, während ich sie vergewaltige. Eigentlich ist es keine richtige Vergewaltigung. Sie leistet keinen Widerstand. Das sorgt nicht im Geringsten für eine bessere Stimmung und deshalb schlage ich ihr ab und zu mit der flachen Hand ins Gesicht. Danach sieht sie mich jedesmal, an als wolle sie fragen, na, war das alles? Als es mir kommt, spritze ich ihr den Saft in die Haare, auf die Nase und die Nachzügler landen auf ihrem Hals. Dann gehe ich wieder im Zimmer auf und ab und frage mich selber, ob das jetzt alles war.
Am Fenster bleibe ich stehen. Hier kann sie mich nicht sehen. Da liegt das Luder. Die Beine gespreizt und nass? Ja, sie ist nass.
Nach einer Weile fange ich an, mit der Hand sanft über ihren Bauch zu streichen. Wie unschlüssiger Wind über eine hügelige Landschaft.
- Ein bisschen riechst du immer noch aus dem Mund, sagt sie.
Sofort atme ich flach und durch die Nase. Mein Magen meldet sich mit einem stechenden Schmerz. Ich lasse mir nichts anmerken.
- Ich weiß, beginnt sie nach einer Weile, dass du ein guter Mensch bist.
Dann öffnet sie ihre Augen, legt ihr Hände um meinen Hals und zieht mich zu sich herunter. Unsere Münder finden sich und ich drücke meine Lippen auf ihre. Langsam knöpfe ich ihr Hemd auf und bemerke, wie sich dabei ihr Atem beschleunigt. Ihre Hand umschließt meinen Schwanz wie den Griff eines Schwertes.
- Ich will mit dir schlafen, flüstert sie.
Ohne weitere Umwege entledigen wir uns unserer Kleidung. Ihr Busen ist fest. Mit einer fahrigen Handbewegung wische ich alle Zweifel weg. Den Mund voll mit ihrem Haar dringe ich langsam ein. Dann bleibe ich liegen. Zu lange ist es her. Im Licht eines vorbeifahrenden Autos kann ich ihre Lippen erkennen, die leicht geöffnet sind. Dieser Ausdruck in ihrem Gesicht hat etwas von Schmerz, von Leid. Und zwar nicht nur ihrem persönlichen. Dabei sagt sie kein Ton. Nur ihr Atem geht unkontrolliert seinen eigenen, schnellen Weg. Es kommt mir schnell. Vielleicht hat es angefangen zu schneien.
Nachdem sie eingeschlafen ist, kritzele ich ein kleines Gedicht auf einen Zettel, den ich an den Spiegel des Badezimmers klebe. Auf den Heizkörpern hängen meine Klamotten. Zu feucht. Mir bleibt die Küche. Essen. Danach lege ich mich wieder neben sie. Ihr Knie auf meinem Bauch versuche ich, die Augen zu schließen. Doch nicht einmal das geht.
- Wach auf, flüstere ich. Lass mich hier nicht allein.
Sie murmelt etwas Unverständliches und es kostet sie einige Mühe, die Augen zu öffnen. Die Pupillen scheinen wegzurutschen. Endlich ist sie da. Mein Magen meldet sich mit einem stechenden Schmerz. Ich lasse mir nichts anmerken.
- Ich weiß, beginnt sie nach einer Weile, dass du ein guter Mensch bist.
Anschließend schließt sie ihre Augen und legt ihre schlafschwere Hand auf meine Brust. Ich greife nach der Hand und stecke mir den kleinen Finger in den Mund. Ihre Fingernägel sind mit einem klaren Lack angestrichen, der einen bitteren Geschmack hat. Mit meinen Zähnen knabbere ich am ersten Fingerglied und in meinem Magen gebiert die Haisau ihre verdorbene Brut: Ich beiße zu. Ein gellender Schrei zerreißt unsere Stille. Fassungslos starrt sie auf das fehlende Fingerglied. Blut auf dem Laken, auf meinen Lippen. Langsam scheint sie zu kapieren, was gerade passiert ist. Sie kämpft damit, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Als sie sich des vollen Ausmaßes der Katastrophe bewusst wird, kippt sie in einen endlosen Schrei. Ihr Körper bebt. Ich werfe sie auf den Rücken und drücke ihr ein Kissen ins Gesicht. Es klingelt an der Tür. Ich drücke fester zu. Es klingelt noch mal, diesmal länger. Als das Klingeln verstummt, schlafft sie ab. Der Kopf fällt zur Seite wie eine faule Ananas. Ich stehe auf und gehe langsam die Strasse hinunter.
- Ich werde Ihnen ein neues Kebap kaufen! ruft sie mir hinterher. Warten sie doch!
Es beginnt zu schneien. Meine Knie tun weh.
(2001)
Steinbart, Januar 2010.




