K12.202

Im Halbdunkel ein umgekippter Ascher auf dem mit Brandlöchern gemaserten Teppich, haufenweise Klamotten, leere Flaschen, Pillenpackungen. Auf dem niedrigen Tisch links im Bild die Reste einer angelieferten Mahlzeit in Pappschachteln mit chinesischen Zeichen. Zwei Schubladen sind aus dem Schrank gerissen und der Inhalt liegt auf dem Boden verstreut, kleine Tintenfäßchen, Tuben, Federn, Pinsel. Das Avi stinkt nach kaltem Rauch und Sex und Terpentinöl. Im Zentrum der Aufnahme eine speckige, von Kerzen eingerahmte Matratze, auf der ein junges Paar liegt. Jeder Zentimeter ihrer nackten Körper ist mit Textzeilen und kleinen Grafiken bedeckt. Sie liegen wortlos nebeneinander, auf der Seite, die Gesichter einander zugewandt und nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt. Ihre Hände fest ineinander verkeilt, die Augen halb geschlossen, der Atem kaum wahrnehmbar. Hoffende Mumien aus einer scheiternden Zukunft. Mit träger Verzögerung heben sie die Köpfe als plötzlich die hektischen Lichtkegel des Sondereinsatzkommandos durch das Dunkel flackern. Der Film endet, als ein schwarzer Lederhandschuh nach der Kamera greift. Ein kurzes Ruckeln, ein Klicken, dann bricht die Übertragung ab.

Pumpstation. Hier pumpen wir Mägen leer, saugen Gifte ab. Bei der anschließenden Vernehmungen der beiden Angeklagten versuchen diese unabhängig voneinander, die Schuld für den Gang an die Öffentlichkeit auf sich zu nehmen um den Partner zu entlasten. Ihre Erklärungsversuche bleiben sehr undeutlich und enden meistens in wirren metaphysischen Theorien. Sie werden als irrelevant betrachtet und sollten in der Auswertung des Falles nicht weiter berücksichtigt werden. Es folgt die Zusammenfassung der personenbezogenen Daten. Im Anschluss daran zeigen wir ihnen noch Detailaufnahmen der Texte und Zeichnungen, die sich zur Tatzeit auf den Körpern der Angeklagten befanden.

Der Wechsel der Bilder ist untermalt von dem Geräusch vergangener Diaprojektoren, die den Schlitten weitertransportieren. Ein Gimmick aus der internen Bastelstube. Nach dem letzten Foto ist der Bericht zu Ende und es wird wieder dunkler im Raum. Die vier Mitglieder des Gremiums K12.202, das sich mit diesem Fall befassen wird, liegen in Kreuzformation auf dem Boden. Sie liegen entspannt auf dem Rücken, die Hände ruhen auf dem Geschlechtsteil, die Augen sind jetzt geschlossen. Über ihnen glimmen die Monitore nach, abkühlende Moleküle, kurz vor Standby. Die Körper der vier jungen Männer sind in die vier Himmelsrichtungen ausgestreckt, die Köpfe ruhen in den Halsbeugen des jeweils rechten Mitglieds. So will es die Tradition. Alle Mitarbeiter in den Gremien tragen Kosmonautenhelme aus Filz. Zum Gedenken an die Pioniere und aus hygienischen Gründen.

Die Aufgabenstellung der Gremien in der Gruppe K12 ist klar definiert: Verirrte Subjekte wieder auf Linie bringen. Unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Faktoren, versteht sich. Immerhin sind die Kosten für solche Korrekturen nicht unerheblich. Technisch gesehen bedeutet das, die Zuführung externer,  künstlich geschaffener Informationen mit den natürlichen Informationen, also jenen, die das Subjekt selbstständig und unabhängig von unserem Material produziert, derart zu Vermischen, dass das Subjekt zu keiner Differenzierung mehr in der Lage ist.

Frage Reach? Zweiundfünfzigtausendirgendwas. Was? Mehr nicht? Das kann doch nicht sein, dass die für die paar Zuschauer so einen Aufwand… Ich sags ja, die sollten das Limit da mal raufsetzen, wir werden ja auch immer mehr, haha… 500.000, mindestens bevor irgendjemand einen Finger krumm macht… Meine Rede… Okay, lasst uns mal zusehen, dass wir hier durchkommen, Jungs, wir haben noch was vor uns heute. Okay. Ja. Frage Mit wem anfangen? Mit ihr. Alle einverstanden? Ja. Ja. Ja. Frage Integration? 2,0%. Sehr gut, haha. Frage Integration? 2,0%. Das ist kein Witz. Fast ausschließlich Email, keine Profile, kein Telefon, sozial isolierte, kerngesunde Barzahlerin ohne Vorstrafen. Schön gesagt. Oh, danke. Ich fass es nicht- Wer hat immer behauptet, das unter fünf tot ist? Hehe… Frage Freizeit? Nichts. Vorschlag: Zwangsnormalisieren und über die Therapie auf TV setzen, danach in den Pornos unterbringen. Könnte sich rechnen… der Body ist okay und braucht kaum Korrekturen, ins Gesicht müssten wir ein bisschen investieren… Halbes Jahr in der Geschlossenen, geheilt in die Freiheit und dann einen Goldmund auf sie angesetzt, zwei bis drei Jahre könnten wir mit ihr rausholen wenn sie bei der Stange bleibt. Veto! ZweinullProzent Mann! Die ist ein extremistischer Querschläger, die läuft weder durch die Therapie noch läßt die sie auf TV setzen… vergesst das ganz schnell wieder… Mmh, ist was dran. Frage Vorschläge? — Okay. Was ist mit ihm? Frage Integration? 19, 2%. Nicht zu fassen… Wie haben die es zu zwei mit knapp 21% auf 50.000 Zuschauer gebracht? Gut Frage, sollten wir später nochmal nachhaken… Frage Details? Email hauptsächlich, drei Profile, Musik, Video und Sozial, eine kleine Webseite, ein paar Foreneinträge, veraltetes Verschwörungszeug, kaum Telefonate, keine aktuellen Nachrichten oder Status-Updates, Ernährung normal, Gesundheitlich tiptop, keine Vorstrafen. Diese verfluchten Freaks… Sinnlos… Aber wirklich. Frage Sozialkontakte? Negativ. Frage Freizeit? Veröffentlicht Kurzgeschichten im Netz, Reach ist unbedeutend… Frage Vorschläge? Seine Webseite? Ist zumindest ein solider Anker. Bin nicht sicher… Frage Vorschläge? Frage Vorschläge? Reißt euch mal ein bisschen zusammen, okay? — Vorschlag: Wir schleudern das Video mit Konfetti von unten durch die Medien, schneiden den Rest ab und machen eine Rettungsstory mit Happend draus… dann schieben wir beiden mit dem Einverständnis der Öffentlichkeit in eine Geschlossene, sieht geht Ex und er kriegt einen unsichtbaren Ghostwriter mit auf die Zelle, seine Bekenntnisse kommen als Roman raus, danach noch der Film und entweder steigt er drauf ein und spielt mit oder er kommt auch weg. Auf jeden Fall hätten wir für Buch und Film das Publikum eingebaut, mit oder ohne ihn. — Jungejunge, scharfe Denke… Danke. Ja. Finde ich auch. Okay, so machen wir’s… Hauptsache nicht wieder so ein Flop wie bei dem Nippelfresser. Haben wir einen freien Schreiber der das machen kann?

Nach Ausverkauf und Flucht, eine halbe Welt entfernt: In meinem Zimmer blieb es über Jahre hinweg still. Erst als ich die Angst besiegt hatte und das dünne Polaroid betrat, konnte ich sie lachen hören.


Steinbart, August 2011.


 

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