Insektorat

Wenn sie rausfinden, dass ich dich suche, bin ich am Arsch.

Eine zum Platzen überfüllte Stadt, wahrscheinlich Südamerika, mit Staub in den Straßen, Verkehrslärm und Chirurgen, die in schmutzigen Hinterhöfen praktizieren, in rostigen Badewannen und gegen Bargeld, Dollar oder Yen – zur Not auch Zahngold. Hinterhöfe, die sich im gebrochenen Licht ausdehnen und wieder zusammenziehen, als wären sie Bestandteil eines größeren Organismus oder einer aktuellen Verschwörung und es wird immer schwieriger, dich zu finden. Die Häuserwände schieben sich lautlos zusammen, atmen moderigen Geruch durch morsche Türen, hinter denen Zeit keine Rolle mehr spielt. Du wolltest den Eskimo suchen. Wir hatten uns geeinigt, dass man ihm nicht trauen kann. Nicht so, wie wir uns trauen können.

Neuerdings hinterlasst ihr ziemlich selbstbewußt eure Spuren. Eine Notiz in der Bar Magda, auf dem Rand einer Tageszeitung, Titelblatt. Kleine Eiszapfen im Park. Unser Abstand schrumpft und wächst wieder. Verschreibungspflichtige Schnitzeljagd um ein bisschen Aufklärung und Wahrheit. Mein Körper ist mittlerweile spindeldürr und ausgetrocknet, die Haut spannt sich über die Rippen wie Pergamentpapier und im richtigen Winkel scheint  die vom Staub gedämpfte Sonne durch meinen Korpus. Organe aus Glas, ein biologischer Traum. Langschatten an jeder Ecke, verticken irgendwas, geben gutgemeinte Ratschläge die niemand braucht und mit Courage bezahlt – sie beobachten jede Bewegung, alles ist verdächtig. Die Hinweise werden jetzt seltener, ich bin am Rand der Erschöpfung. Und es ist erst Dezember.

Während ich mir meine Chancen ausrechne, unbeschadet die Treppenstufen zu meinem Zimmer hinaufzuklettern, registriere ich fremden Atem in meinem Nacken und mache erschrocken einen Satz nach vorn, pralle gegen eine Mauer aus dünnem Papier, gehe glatt hindurch und dahinter befindet sich nichts außer hellblauer Tiefe. Während des Falls gebe ich keinen einzigen Laut von mir.

Ich hatte diesen Traum.

Vor vierzig Sekunden habe ich Südamerika verlassen und eine Punktladung in dieses Zimmer hingelegt. Dein Atem eine Armlänge von mir entfernt. Vorsichtig krieche ich näher, öffne deinen Mund. Es befinden sich keine Insekten darin.


Steinbart, Dezember 2010.


 

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