Hysterische Gebärende

Im Kreißsaal. Tatsächlich (also kein Traum).

Erst ausgeknockt und dann fixiert in zweckentfremdeten kalten Stahl oder einen gynäkologischen Stuhl. In einer Sturzflut aus grellweißem Licht, das sogar noch hinter den zusammengekniffenen Lidern brennt. Augenlider, die ich kontrollieren kann aber nicht öffnen darf. Der Rest ist mit Nulltoleranz festgeschnallt, manche Muskeln lassen sich nichtmal mehr anspannen. Außerdem ist mir ziemlich schlecht und dass ich nicht weiß ob ich nackt bin macht mich noch verrückter. Meine jetzige Haltung entspricht etwa der Position “Die hysterische Gebärende”, nur mit dem Kopf ganz im Nacken. In meinem Mund steckt etwas Lebendiges, etwas mit einem Herzschlag, aber daran werde ich jetzt auf keinen Fall denken. Ich atme durch die Nase, kämpfe die Panik nieder, atme weiter und warte. Es ist so still in diesem weißen Horror, dass ich den nächsten Tropfen hören kann, der sich gleich in meiner Vene mit meinem treuen Blut vermischen wird – drei Tropfen pro Atemzug – Wahrscheinlich eine notwendige Maßnahme, um den Stress auf einem moderaten Level zu halten, um Muskelkrämpfe und Knochenbrüche zu vermeiden, und lästiges Geschrei.

Später am Abend. Auf meinem Zimmer. Die Schwester steht am Fußende des Bettes und schlürft Schokoladenmilch durch einen Strohhalm, der braune Pappkarton faltet sich dabei zusammen und das alles sieht sehr, sehr sexy aus.

Ich habe in einem erstaunlich schmerzfreien Prozess einen Ozean aus buntem Gas zur Welt gebracht – und mich selber darin aufgelöst. Die letzte Erinnerung an euch und davor war ein Schild mit der Aufschrift Abferkelbucht IV, das ich aus einer eigentümlich devoten Perspektive betrachtete, danach begann meine Verwandlung in diese holistische Struktur -  Ein Ozean der Gesamtheiten, der alles ist und alle persönlichen Vorstellungen vereint, die komplette Sammlung vermeintlicher Realitäten, sämtliche physikalische Strukturen, alles zerrieben zu Atomen, Teilchen und anschließend in einem komplizierten Prozess vergeistigt, ins Bunte hinein, Hippie Yeah – Für euch läßt sich mein Zustand auf diesem Trip am besten mit einer Wolke innerhalb einer Wolke beschreiben, ein strukturloses Weiß, kein Unterschied für das Auge, aufgelöst und wabernd, ohne verantwortliche Denkeinheit, ohne Sicherungskasten. Kein Wille und keine Zeit. Jetzt ist

“Gute Nacht. Falls sie noch was brauchen, klingeln sie ruhig.”, sagt die Schwester und jongliert ihren Körper zur Tür, schaltet das Licht ab und dreht sich noch einmal nach mir um.

Jetzt ist-

Es ist Zeitlupe als der Lichtstreifen schmaler wird. Die Tür fällt zu. Schlafenszeit.


Steinbart, Dezember 2011. Dialog an der Gegensprechanlage.


 

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