Um vier Uhr morgens schäle ich mich wieder aus dem Bett. Zwei Stunden lang habe ich versucht einzuschlafen, dämmerte zwar gelegentlich weg, aber so richtig gut lief das nicht. Also stehe ich auf, öffne das Fenster und atme die schwarze Luft ein. Mit meinem Fernglas sehe ich nach, was es im Fernsehen gibt (ich besitze seit Jahren keinen eigenen Fernseher), dann ziehe ich mich an und mache mich auf den Weg. Während ich allein durch die Straßen schlendere, verliert sich der Geschmack der bitteren Träume aus dem Halbschlaf.
Die Bahn ist voll mit jungen Gefangenen auf der Hofrunde: Mit dem Sterni in der einen und der Stofftüte in der anderen Hand, dem obligatorischen, konspirativen Lächeln auf akurat gestylten Lippen die trotzdem irgendwie casual aussehen sollen, auf dem Weg zur nächsten müden Party oder in ein kaltes Bett.
Willkommen auf der Ringbahn, hundertzwanzig Minuten Horrorshow für nur 2,10 Euro. Ab Entwertung. Ich lasse mich treiben, hebe den Blick, senke den Blick, schwenke den Blick, immer dieselben Visagen. Der verquollene Lärm hunderttausender Worte, geflüstert, gelallt, geschrien und gefleht. Sporadische Wellen sinnlosen Gelächters. Die Stadt rauscht hinter der Scheibe vorbei, immer links, rechts ist tot. Ich denke an die Zeit im Kindersitz unseres ersten Autos, an rotweiß karierte Gardinen, die mich vor der Sonne schützen sollen und daran wie ich versuche, die vorbeiziehenden Bäume zu zählen.
Zwischendrin das Gesicht einer erschöpften Krankenschwester, die einen faustdicken Fantasyroman liest und die heiligen Seiten mit abgenagten Fingernnägeln umblättert. Zwischendrin das gebräunte Gesicht eines Obdachlosen samt Hund, der mich um Kleingeld bittet oder darum, dass ich ihm seine Zeitung abkaufe. Zwischendrin das Gesicht einer jungen Frau, die zwei Kinder auf dem Arm hält, von denen das eine die ganze Zeit schreit, es habe Hunger. Jesus ist auch dabei. Er liest Konsalik.
Ich lehne den Kopf an die Plastikscheibe, genieße die Vibrationen, schließe die Augen. Das Hirn runtergedimmt, trockene Lippen, vorübergehender Aufenthalt im Uterus. Von oben betrachtet, die gezähmte Schlange, ein kontrollierter Komet, dem das Leuchten vergangen ist. Auf dem Weg in einen hoffnungsvolleren Abschnitt unseres Lebens. Nächste Station: Sonnenallee. Ich steige aus und warte, bis die Bahn verschwunden ist. Hinter irgendwelchen Hügeln weit vor der Stadt geht jetzt wohl die Sonne auf. Ich bin müde genug.
Steinbart, Mai 2010.




