Helene und der Tänzer

Seit Tagen rauscht der kühle Regen hinter dem Fenster, leise und stetig… die Sprinkleranlage der Stadt… Alarm ist und Alarm bleibt: Menschen in Selbstverteidigungskursen, Isolationshaft in offenen Zellen, exotisch geschminkte Psychologen auf der Flucht vor ihren überhitzten Patienten… ich stehe am Fenster, mit dem Rücken zur Straße, und halte deine Hand.

Das Zimmer schwebt und es ist heiß hier drin, selbst jetzt, mitten in der Nacht… hier drin ist es heiß und still. Nur der gleichmäßig wachsende Atem H’s, die nackt auf dem Bett liegt und sich langsam mit einem Finger vergnügt… den zitternden Blick an die Decke geheftet… H., die dann zu uns rüberguckt und kurz die Pupillen verschwinden läßt, weil ein anderer Finger jetzt den Weg von ihren Nippeln über die Ebene des Bauches in das rosa Fleisch gefunden hat…

Ich helfe dir mit meinem Gürtel, dann hilfst du mir mit deinem Mund, oder mit deiner Hand, wenn du dich neugierig zu H. umdrehst… draußen bewegt sich der Tänzer durch den Regen einer anderen Straße und dann runter in die U-Bahn und mein Schwanz kommt nicht hoch, verdammt nochmal, verirrt sich immer und immer wieder in der Choreografie dieses Alptraums… Was los sei, fragst du und zur Antwort packe ich dein Haar und zerre dich weg.

Hier, was ich anschließend in der Küche notiert habe: [...] du tanzt auf dem Bahnsteig durch die gewöhnliche Stille dieser Stunde, den Magen voll Hass, die Augen voll Weiß, tanzt in den glitschigen Resten eines menschlichen Schädels, tanzt, bis die Sirenen einstimmen und dann rennst du durch dein Lachen [...]

Zurück im Zimmer finde ich euch schlafend unter feuchten Laken. Eine halbe Nacht lang bleibe ich in der Tür stehen,  schockiert vom Ausmaß der Schönheit eurer Körper, eures Schlafes, unberührbar und rein. Dann gehe ich zurück in die Küche, stecke mir eine Zigarette an und schreibe einen Vierzeiler über die Liebe, schreibe ihn direkt auf den Rand der Tageszeitung, neben das unscharfe Standbild des lachenden Tänzers, auf den keine Belohnung ausgesetzt ist.


Steinbart, April 2011.


 

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