Golden shower in den rettenden Strohhalm

“Musst du mir immer wieder in den rettenden Strohhalm pissen?”

Ich frage sie zum zweiten mal, lehne den Kopf an die Wand und schiebe die Vorhänge ein Stück zur Seite. Draußen vor den milchigen Scheiben des kleinen Kellerfensters gehen verschwommene Beine durch den Regen, das Glas frißt die Farben. Es ist dunkel hier in dem quadratischen Raum, das einzige Licht geht von ihrem durchsichtigen Slip aus, unter dem die glatte Haut ein phosphoreszierendes, rötliches Schimmern absondert. Jetzt weint sie lautlos auf ihrem Bett, gefangen im gläsernen Drehkreuz eines baufälligen Einkaufszentrums.

Eine Tram fährt vorbei und die Wände schieben sich ein Stück weiter zusammen. Ihr Körper bebt jetzt, krümmt sich in embryonaler Stellung auf dem Laken zusammen – taumelt im Bikini durch Bagdad. Der weiße Stoff durchnäßt von Rotwein, Tränen und anderen Säften und obwohl ihre übersäuerten Muskeln nur eine Armlänge entfernt sind, obwohl ich das Zeug in der Tasche habe – Tageslicht ist abgeriegelt hinter flatternden Plastikbändern auf denen Crime Scene steht. Es besteht kaum Hoffnung auf Rettung der Verschütteten.

Die letzte Tram ist durch. Der Wasserhahn hat aufgehört zu tropfen. Völlige Stille. Ich habe es mir im Ohrensessel bequem gemacht, die Füße auf der Bettkante, und bin eingeschlafen?

“FICKEN willst du? FICKEN? Na komm! FICK!”

Ich knalle rückwärts gegen die Wand und komme hoch wie ein Boxer, der nach Sekundenschlaf im Ring wach wird… lautlos aufgerissene Mäuler rundum, wedelnde Fäuste in der Luft, zehntausend Besserwisser, noch mehr Kilowatt Licht und eine Kamera in der Fresse… dann setzt der Lärm ein. Sie schreit sich in einen Tobsuchtsanfall, jeder Muskel überspannt, Fasern reißen sich von Knochen los, von Fasern los, sie fliegt auf den Rücken, greift blind nach der Tube Gleitmittel auf dem Nachtschrank und zerrt an dem Slip, den sie irgendwie runterkriegt, ihre Brüste beben glänzend im rötlichen Licht, ihr Gesicht zuckt im Schatten dahinter, Stimmbänder aus dem glühenden Stahl frisch gepresster Sägeblätter.

“KOMM SCHON!!! FICK MICH DOCH ENDLICH!!!”

Schmatzende Geräusche während sie das Zeug auf ihre Pussy klatscht, ihr Körper von Krämpfen geschüttelt, sinnlose Zuckungen, millionen elektrischer Impulse, die unkontrolliert quer durch den Raum fliegen und von den Wänden zurückgeprügelt werden. Ich schließe die Augen, schlucke meinen Atem, falle auf die Knie und hebe ihren Körper mit gefrorenen Händen auf.

“Kannst du gehen?”, frage ich sie und sie nickt.

Ich hänge ihr meine Jacke über die Schulter und presse ihren zitternden Körper an mich. Um ihn warmzuhalten – und damit sie nicht sieht dass ich heule. Gemeinsam stolpern wir am dampfenden Kanal entlang durch die Kälte. Crime Scene am Arsch… Grobe Richtung: Sonnenaufgang.


Steinbart, Oktober 2010.


 

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