Eventpunktmp3

Fünf Uhr fünf. Ich stehe barfuß und im Morgenmantel auf dem Balkon, gucke aus meinem Zeitfenster rüber in pechschwarze Küchen und Wohnzimmer. Es regnet seit drei Tagen und der Asphalt schimmert im Licht des Wärmekraftwerks. Grauer Himmel in urbangelb, lange vor Sonnenaufgang. Die wenigen Autos transportieren Wach- oder Pflegepersonal, ein paar Schichtarbeiter. Ich fühle mich gut um diese Zeit, ganz nüchtern, mit einem Kaffee in der Hand. Ein bisschen zittrig, aber das ist echt.

Mein Zeitfenster ist bis zehn geöffnet. Danach geht die Rendermaschine an. Eventpunktmp3 zum ersten Mal, erste Runde, das Mädchen mit der digitalen NULL klettert ungeschickt aus dem Ring, Gejohle setzt ein, man hat schließlich für Blut bezahlt. Sie haben ungelesene Nachrichten [2]. Die Rendermaschine, die dem eventuell gesundheitsschädlichen Gluckern einen Gesicht gibt und den Tag durch das unregelmäßige Einspielen von Eventpunktmp3 in leicht verdauliche Portionen unterteilt. Ich lerne: Der Softwarehersteller hat sich diese 1672 Millisekunden was kosten lassen. Ein hochdotierter Wettbewerb wurde ausgeschrieben, Einsendungen angehört, aussortiert, belächelt, in den Papierkorb verschoben. Die engere Auswahl wurde dann einem repräsentativen Testpublikum vorgespielt, Reaktionen analysiert, Notizen gemacht. Schließlich landeten die besten Kandidaten vor einem gemischten Experten-Team aus Akustikern, Psychologen, Dompteuren etc. We have a winner! hieß es dann.

Eventpunktmp3. Arbeitsleistung hochgeladen. Vergnügen runtergeladen. Lolita1991 möchte mit Ihnen befreundet sein. Einen Namen geben. Einen Namen nehmen. Siebzehn Zoll Bilddiagonale, die ihre glibberigen Finger nach fahlen Gesichtern ausstrecken. Ihr Download wurde beendet. Klebrige Finger, die Seelen liebkosen oder Blut gefrieren lassen, je nachdem wo man sich gerade rumtreibt. Meistens eine Mischung aus beidem oder allem. Hauptsache, es lärmt ein bisschen.

Die Kälte kriecht mir die nackten Beine hoch und die Stadt holt tief Luft für den Sprint. Der Irre von drüben macht sich wieder an seiner Kuckucksuhr zu schaffen. Unten auf der Straße kratzt ein Paris-Hilton-Clon ihrem Typen die Augen aus dem verschlafenen Schädel. Dann steigen sie gemeinsam in den Sportwagen mit neongelbem Aufkleber an der Heckscheibe. Ambulanter Pflegedienst.


Steinbart, September 2010.


 

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