Das Mädchen aus dem Osten kam auf dem Bahnhof an, als es bereits dunkel war. Ich trug ihren riesigen Koffer zu meinem Wagen, warf ihn auf den Rücksitz und dann stiegen wir ein, saßen eine ganze Zeit lang so da und schwiegen. Irgendwann drehte ich schließlich den Schlüssel um und brachte sie und das Koffermonstrum in meine Wohnung. Es hatte aufgehört zu regnen und die Nacht war außergewöhnlich warm für die Jahreszeit.
In regelmäßigen Abständen ging die Beleuchtung des Seitenflügels an und warf ihr rotes Licht auf das Bett, in dem wir die meiste Zeit verbrachten. Die Bewohner des Seitenflügels waren alt und unberechenbar, eine Kaserne voll spinnenbeiniger Verrückter, die ihre Wohnungen über eine Art Galerie erreichten, wie man sie von mehrstöckigen Motels in amerikanischen Spielfilmen kennt. Wenn jemand das Licht angknipste, verwandelte sich diese Galerie in ein makabres Puppentheater. Köpfe mit zerzausten, grau-violetten Frisuren tauchten plötzlich in den Fenstern auf um nachzusehen, was los war, Hände wurden gerungen,Türen geöffnet und wieder zugeschlagen, vereinzelte Rufe in ausgestorbenen Sprachen. Und irgendein Irrer bekam dann immer einen Tobsuchtsanfall wegen des Lichts und der Brüllerei und wir standen auf, hängten uns die Decken über die Schultern und guckten nach, wer diesmal dran war.
Wieder zurück im Bett, mein Kopf auf ihrem Bauch oder Schenkel oder umgekehrt, hoffnungslos verknotete Finger, verschmolzenes Gewebe, eine Flasche Wein in Reichweite. Das Mädchen aus dem Osten erzählte Geschichten über Heizkörper, die sich nicht runterregeln ließen und Sibirische Mietwohnungen in Saunen verwandelten, so dass man bei sechsundzwanzig Grad Minus die Fenster aufreißen musste, um nicht zu verbrennen. Oder Anleitungen, wie man sich am besten in den aufgeschütteten Schnee eingräbt, um anschließend ahnungslose Passanten zu erschrecken. Und während sie sprach, kamen meine Finger bei ihren Nippeln an und ihr Atem ging plötzlich schneller, der Griff wurde fester und der Koffer stand im Flur, wo wir ihn abgestellt hatten und sah dabei zu, wie wir uns gegenseitig auffraßen.
Am nächsten Abend stand ich wieder auf dem Bahnsteig und wartete. Und wieder verbrachte der riesige Koffer die Nacht im Flur. Und das ging jahrelang so weiter, lange Nächte folgten kurzen Nächten und wir wurden nicht müde, nichtmal ein bisschen, und die Haut blieb spektakulär weiß und weich, und die Verrückten dachten sich immer neue Vorführungen für uns aus und die Geschichten, die das Mädchen aus dem Osten erzählte, nahmen auch kein Ende.
Wintermorgen. Es ist kurz vor Sonnenaufgang, ich bin leicht verkatert und muss pissen. Vorsichtig schlage ich das Bettlaken zurück und betrachte für einen Moment ihren nackten Körper, klettere vorsichtig auf die andere Seite um ihr Gesicht sehen zu können und höre plötzlich meinen Herzschlag in der Stirn, und während ich ihr eine Strähne hinter das Ohr schiebe, merke ich, dass ich total am Zittern bin und ihre Augen gehen langsam auf und gucken mich an, von halb hinter dem Kissen und das Zimmer beginnt sich zu drehen und ich kippe da rein, in dieses warme Gefühl und mir ist zum Heulen vor Glück, ich bin völlig überfordert und mache mich da los. Den Blick verschwommen fliege ich natürlich über den Koffer im Flur und gehe fluchend zu Boden. Das Mädchen sitzt jetzt aufrecht im Bett, die Decke vor der Brust und guckt mit weit aufgerissenen Augen rüber.
“Ich glaube es ist Zeit, dass wir das Scheißding auspacken”, sage ich und während ich auf der Kloschüssel hocke und mir das blutende Knie abtupfe, stelle ich fest dass ich ernsthaft verliebt bin.
Steinbart, Januar 2011.




