1:05 Ortszeit: Herzlichen Glückwunsch zum nuklearen Erstschlag.
2:14 Ortszeit: Ich steige an der Frankfurter Allee aus und unten auf der Straße renne ich in einen jungen Bürger mit Umhängetasche, der nervös über seine Schulter schaut und angestrengt versucht, keine Opfersignale auszustrahlen obwohl es dafür bereits zu spät ist. Die beiden Stiere sind nur noch wenige Schritte hinter ihm als wir uns begegnen. Er wirft mir einen eindringlichen Blick zu, den ich in meinem Zustand aber nicht verwerten kann, und wird dann von den beiden Verfolgern ins Automatenzimmer der Bankfiliale komplimentiert und dazu überredet, das Tageslimit abzuheben. Zurück auf der Straße stehen die drei dann beieinander und freuen sich über das tadellos funktionierende Geschäftsverhältnis. Einer der beiden Bösen zeigt dem jungen Mann nochmal seine Automatikwaffe und es wird beschlossen, in die Wohnung des Opfers zu fahren, die sich zum Glück ganz in der Nähe befindet. Dort angekommen sammelt man gemeinsam die restlichen Bargeldbestände sowie diverse Elektronika ein und schließlich folgt die Verabschiedung, die zwar kurz aber dafür sehr intensiv ist. Aber das geschieht hinter mir.
2:30 Ortszeit: Ich bin die Frankfurter Allee runter, Richtung Alex und dann irgendwo links abgebogen. In diesen trippigen Nächten, wo der sich der eigene Schwanz in einer Unterhose aus Starkstrom krümmt und sich die Gehwege wie glühende Kupferplatten anfühlen, in diesen besonderen Nächten werde ich häufig von meinen eigenen Launen gefickt. Diese Launen sind wie Lochstreifen, HDD Exitus oder leere Notizbücher, sinnlos, gnadenlos und trotzdem Teil des Programms. In welchem Zimmer war ich vorher? Wessen Haare habe ich gebürstet? Ist das hier eine Doppelbelichtung?
2:43 Ortszeit: Erschöpfungsbedingte Rast in einem Hauseingang. Hinter mir geht plötzlich die Tür auf und ich muss aufstehen, um eine junge Frau in einem Federkleid mit dünnen Trägern vorbeizulassen. Sie lächelt mich an. Kein na wie läufts denn so Lächeln, sondern ein leicht verzweifeltes und äußerst geheimnisvolles Lächeln, in das ich mich umgehend verliebe, ich kann gar nicht anders, doch ihr Telefon klingelt und das Gesicht verfinstert sich schlagartig, als wäre ihr die Leitung gekappt worden und im Verlauf des endlosen Gesprächs erfahre ich, dass da oben im Haus ein kleines Drama stattgefunden hat. Ungefähr zwanzig Minuten warte ich auf meine Chance, auf ihre Chance und auf die Chance für den Typen da oben in seiner Bude. Zwanzig Minuten. Dann bin ich raus. Gerade um die Ecke gebogen höre ich noch wie sie ihr Telefon anschreit: “Ich gehe jetzt soviele Männer ficken wie ich finden kann, du Pisser!”. Na klar Madame. Bonsoir Madame.
3:21 Ortszeit: Ich habe mich bis auf wenige Schritte der Präfektur Neukölln genähert. Auf dem Aldi Parkplatz machen dann aber die Beine nicht mehr mit, alles im Arsch, mein Rachen fühlt sich an wie Großmutters Pussy und für ein Glas Wasser würde ich Christ werden, ich schwöre, ein guter Christ zudem. Weiter hinten, über den Kleingärten, droht sich großkotzig das rosa Unheil an und die wenigen Menschen, denen ich auf den letzten Metern begegne, werfen mir mitleidvolle Blicke zu. Aber unter der kaputten Maske, die ich mir zum Start des Tages aufgesetzt habe, bin ich hellwach und übe Rache für die Überlegenheit, die sie so raushängen lassen, lache über den stumpfsinnigen Ausverkauf ihrer eigenen Seelen und ihren beschissenen Fleiß, spucke auf ihre kleinkarierten Vorstellungen und höre erst damit auf, als ich vollbekleidet und zu Tode entspannt aufs Bett falle. Weltuntergang verschoben auf Herbst ist das letzte, woran ich denke.
Steinbart, Juni 2011.




