Dies ist keine Simulation

Halb fünf morgens, auf der Suche nach Erschöpfung. Hochkonzentrierter Sauerstoff in meinen Lungen, die zusammengekniffenen Augen brennen. Pünktliche Vögel im Hinterhof legen los und das fühlt sich an wie entferntes  Zupfen an der Schnur meines Raumanzuges. Mission Control.

Vor Minuten in einer beliebigen tschechischen Kleinstadt: Ich habe soeben einer braven und bescheidenen Arbeiterfamilie die unschuldige Tochter geraubt, um sie dem Helden, einer perspektivlosen Liebe und einer handvoll Illusionen zu überlassen. Noch vor ihrem nächsten Geburtstag und einige tausend Kilometer entfernt wird sich das Mädchen vor einen mit Braunkohle aus Kanada beladenen Güterzug legen, weil sie sich verschätzt hat, weil Leidenschaft und Schmerz die zusammengewachsenen Köpfe des rundumbeißenden Höllenhundes sind und weil maßloser Konsum von qualitativ hochwertigem Kokain dazu führen kann, dass man die Übersicht verliert, selbst in vermeintlich klaren Momenten. Der Held wird leben, ein in der Mitte durchgebrochener Mann. Mit seinem grauen Gesicht wird er sich einen grauen Job suchen und die ein oder andere blassrosa Freizeitbeschäftigung. Er wird sein Leben strategisch nach dem Fernsehprogramm ausrichten und früher oder später damit anfangen, am offenen Fenster seiner Erdgeschosswohnung zu hocken und vorübergehende Passanten mit Gift und Galle zu bespucken, besonders jüngere Frauen in Gesellschaft jüngerer Männer.

Mission Control. Dies ist keine Simulation, kein Test. Ich bin so wach wie nie zuvor.


Steinbart, Mai 2010.


 

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