Auf dem Boden neben einem der Tische im Fernsehraum finde ich einen Notizzettel mit Aufzeichnungen über die deutsche Spinne. Da ich in dieser Klinik alleine bin (abgesehen von der prallen Schwester und diesem verfluchten Schweinepriester, der hier als Doktor der Psychologie praktizieren darf) ist ein Zufall wohl ausgeschlossen. Ich sollte den Wisch finden. Der Zettel ist etwa zehn mal zehn Zentimeter groß und mit winzigen Buchstaben beschrieben. Meinem Urteil nach eine Männerhandschrift, aber bei Druckbuchstaben kann man sich da nie sicher sein. Abgesehen von der Überschrift gibt keine Absätze, ein Wort steht neben dem anderen, bis die Zeile voll ist.
Die deutsche Spinne.
Der Usprung der Spinne geht auf einen unbekannten deutschen Schriftsteller zurück, der das erste Exemplar dieser Spezies während seines Aufenthalts in Passo do Faximal, Uruguay durch einen Zufall entdeckte. Wäre er bekannt gewesen, wäre wahrscheinlich sein Familienname in den späteren Namen der Spinne eingeflossen statt seiner Nationalität. Er entdeckte diese als recht eigentümlich zu bezeichnende Spinne im Jahr 2011, als das Tier quer über seinen Schreibtisch lief während er gerade einen seiner fragwürdigen Texte verfaßte. Kurz vor dem runden Fuß der Schreibtischlampe blieb die Spinne stehen, der deutsche Schriftsteller griff nach einer gebundenen Ausgabe von Kleinzeit und Wumm! knallte das Ding auf den Tisch. Anschließend vergaß er die Spinne und verschwendete weiter seine Zeit. Etwa eine Stunde später hatte sich die Spinne durch sämtliche Seiten und auch beide Buchdeckel gefressen und der deutsche Schriftsteller erschrak, als der dünne Hochglanzeinband plötzlich anfing, sich zu bewegen. Sekunden später tauchte das erste dünne Beinchen in dem frischgefressenen Loch auf. Er zögerte nur kurz und sprang dann auf, um seinen Fotoapparat und weitere Bücher aus dem Schrank zu holen. Schnell machte er mehrere Fotos (die einzigen bis heute existierenden Belege) und begrub das Tier anschließend unter der folgenden Auswahl: Joyce/Ulysses, Ellis/Glamorama, Burroughs/Nova Express, Pelevin/Omon Ra und Bukowski’s The Last Night of the Earth Poems. Ein Buch über dem anderen. Dann setzte er sich in sicherer Entfernung auf die Lehne eines Sessel, steckte sich eine Zigarette an und wartete ab. Mit Einbruch der Dunkelheit war die Spinne durch und saß auf der Spitze eines roten Erdballs, der auf dem Bukowski-Cover abgebildet war. Der deutsche Schriftsteller rannte in die Küche. In einer Schublade fand er einen Briefumschlag und schrieb ein paar Zeilen drauf. Anschließend spulte er den Film in seiner Kamera zurück und warf die Patrone in den Umschlag, den er sorgfältig verklebte. Er verließ das Haus, warf den Umschlag ohne eine Anschrift in den nächsten Briefkasten und verschwand in westlicher Richtung. Ende seiner Geschiche. Eine ältere Dame, die in einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite an ihrem Küchenfenster stand, beobachtete die Flucht und sagte später aus, der deutsche Schriftsteller habe einen sehr verstörten Eindruck gemacht. Die Spinne lebte weiter in dem Haus, ließ sich den Namen “deutsche Spinne” gefallen und in die Familie der Zitterspinnen (Pholcidae) einsortieren. Auf dem Umschlag stand folgendes: “frißt sich durch hunderte jahre sucherei und schmerz ohne eine einzige emotionale regung – läßt sich nicht erschlagen – eine seele aber kein bewußtsein – also frei von hass und auf submikroskopischer ebene über den kosmos verteilt -die acht augen sind vermutlich sämtliche ursachen – der perfekte organismus” (Hier wird deutlich, warum die Karriere dieses Schriftstellers einen Bogen um die etablierten Verlagshäuser, um Bestsellerlisten, Fernsehstudios und die Nachttische der schlafenden Bevölkerung gemacht hat.).
Ich nehme an der Zettel soll eine emotionale Regung in mir hervorrufen. Ich senke also den Kopf, taumele rückwärts bis ich mich auf einen Stuhl fallen lassen kann, stelle die Ellbogen auf die Knie und lasse den Kopf mit der höchstmöglichen Dramatik in die Hände sinken. Der Zettel baumelt erst locker zwischen meinen Finger und segelt dann in Zeitlupe zu Boden, während die Kamera aufzieht und zurückrollt und ich immer kleiner werde in den Weiten des verlassenen Fernsehraumes. Als es dunkel geworden ist, stehe ich langsam auf. Ich bin mit der Schwester zu einem Spaziergang durch den Hof verabredet.
Steinbart, Dezember 2011. Dialog an der Gegensprechanlage.
