Der Taubendirigent

Beim Türken setzte ich mich mit meinem Döner auf eine Holzbank und sah den Tauben zu, wie sie versuchten in diesem Chaos zu überleben. Die kleinen Füßchen der Vögel waren teilweise oder bis zum Stumpf verschrumpelt – als hätte man sie mit einem Feuerzeug verkokelt oder zu lange über grobkörniges Schleifpapier gerieben. Drei Meter weiter schob sich die Autoschnecke durch die abendliche Hitze. Die allgemeine Drehzahl hob an, der blecherne Koloss schlich eine Grünsequenz weiter, dann wurde es wieder still. Die Gesichter der Fahrer sahen alle gleich aus. Die Tauben wollten ein Stück von meinem Döner. Die Fahrer wollten mein Bier.

Ich hatte noch eine Stunde Zeit bevor ich in die Kneipe musste. Ich warf das aufgeweichte Papier mit den Fettspuren in den Müll, griff mir meine Dose und machte mich auf den Weg. Am Ufer blieb ich eine Weile stehen, trank mein Bier aus und besah mir die braune Brühe, die so unbekümmert ihren Weg durch die Stadt machte. Es passierte nichts. Der Kanal blieb Kanal und ich schwitzte leicht. Ich warf die Dose in eine verbeulte Tonne mit Anti-Nazi-Aufklebern und ging arbeiten.

Die Kneipe befand sich in einer Seitenstraße. Außer Sichtweite der U-Bahnstation. Keine Geschäfte in der Nähe. Wer zu uns wollte, der musste uns suchen. Deshalb war der Laden meistens leer. Ich hing den ganzen Abend in der Durchreiche zur Küche und quatschte mit dem Koch aus Frankreich. Denis hieß er. Wir rauchten, verglichen französische Mädchen mit deutschen Mädchen und tranken Bier dazu. So ging das bis um zwei Uhr morgens und dann schloss ich den Laden ab. Ich zählte das wenige Geld in der Kasse, füllte ein paar Papiere aus, nahm mir meinen Lohn und verschwand durch die Hintertür. Denis erledigte den Rest.

Die Besitzerin des Ladens hieß Barbara. Sie hatte viele rote Haare, noch mehr Sommersprossen und trug ständig den Gesichtsausdruck einer Gehetzten. Davon abgesehen war sie Anfang vierzig und ihr scheckheft gepflegter Körper steckte meistens in engen Jeans und karierten Männerhemden.  Sie fickte mit Denis, dem Franzosen aus der Küche. Das war kein Geheimnis.

Manchmal saßen wir zu dritt an einem Tisch. Wir schlossen die Tür ab und hockten im Dunkel. Sie konnte gute Geschichten erzählen. Oft vergaß sie in der Eile die Pointe, aber meistens war es ganz interessantes Zeug. Keiner ihrer Tage glich dem anderen und sie lebte mit erhöhtem Risiko. Ab und zu verschwand sie auf dem Klo, um sich die Nase zu pudern, wie sie es nannte. Nach einer Weile kam sie zurück, lächelte Denis an und gab ihm einen langen, feuchten Kuss.

Der Job war gut. Die Kohle stimmte auch und über das Arbeitsklima konnte ich mich nicht beschweren. Doch es ging mit dem Laden abwärts. Das machte mir Sorgen. Tagelang erschien kein einziger Gast. Barbara strich immer mehr Gerichte von der Speisekarte und ab und zu kam es vor, dass es nicht mal genug Wechselgeld in der Kasse gab, damit ich mir meinen Lohn nehmen konnte. Barbara wurde zusehends nervöser und verschwand immer häufiger zum Nasepudern.

Eines Abends, kurz bevor ich den Laden dichtmachen wollte, kam sie rein. Ich hatte gerade meine letzte Partie MauMau gegen Denis verloren. Das Glöckchen an der Tür bimmelte, Barbara stürzte hinter die Theke und machte sich umgehend an der Kasse zu schaffen. Sie nahm sämtliche Scheine raus, knüllte sie zusammen und steckte sie in die Hosentasche.

“Ich muss die Kohle mitnehmen. Muss morgen die Sachen für die Küche einkaufen.”

“Und wann krieg ich mein Geld?”

Sie sah mich überrascht an. Dann schwieg sie eine Zeitlang, was recht außergewöhnlich für sie war. Bald fürchtete ich, sie würde mich fragen was ich hinter der Theke zu suchen hätte. Dann schien sie sich zu erinnern.

“Wart mal…”, sagte sie und verschwand in der Küche. Sie kam mit einem winzigen Briefumschlag zurück den sie mir unauffällig in die hohle Hand legte.

“Geht das heut mal so?”

“Koks?”

“Nee, Speed.”

“Na dann…”

Ich steckte das Briefchen in meine Hosentasche, machte die Theke sauber, griff mir noch zwei Flaschen Bier, verabschiedete mich und ging raus in die laue Nacht. Am Kanal setzte ich mich auf meine Bank, ploppte das Bier und steckte mir eine Zigarette an. Mit einer Hand tastete ich vorsichtig nach dem Briefchen. Der Kanal zog dahin.  Keine Flaschenpost, aber auch keine Leichenteile. Nach dem zweiten Bier machte ich mich auf den Weg in eine Diskothek. Ein alternatives Etablissement. Der Türsteher sah mich zweifelhaft an. Ich trug noch immer meine Arbeitskleidung. In meiner ausgebeulten Anzughose und dem weißen Hemd sah ich aus, als wollte ich Rosen verkaufen. Nur dass ich keine Rosen dabei hatte.

Drinnen war es heiß. Der Bass drehte mir den Magen um. Wenige Leute auf der Tanzfläche. Tele-Tubby-Grunge-Kids. Sie tanzten alleine miteinander, jeder in seinem ganz persönlichen Stil, jedenfalls ab dem Hals nach unten. Die Nacken und Köpfe schlugen sie gemeinsam gegen unsichtbare Wände. An der Theke bestellte ich mir ein Bier drehte mich auf dem Hocker um und besah mir das ganze Elend. Es gab ein paar hübsche Mädels. Immerhin.

Weil nichts weiter passierte machte ich meinen Weg zum Klo. Ich holte das Päckchen aus der Tasche und besah mir den Inhalt. Leider hatte ich keine Ahnung, wieviel von dem Zeug eine anständige Portion ergab. Also teilte ich den Puder mit meiner leeren Telefonkarte in zwei Hälften. Auf dem Deckel vom Spülkasten, zwischen den braunen Brandspuren liegengebliebener Zigaretten bastelte ich mir zwei weiße Straßen. Aus einem kleinen Geldschein rollte ich mir einen Strohhalm und das linke Nasenloch versorgte ich mit der einen, das rechte mit der anderen Line. Ich steckte das leere Briefchen, den Schein und die leere Telefonkarte wieder in die Hosentasche, schüttelte den Kopf und ging raus.

Ich hatte keine Ahnung was nun passieren würde. Also ging ich rüber zur Theke und bestellte ein weiteres Bier. Es schien ein guter Abend zu werden. Die Musik wurde besser, die Leute wilder, die Frauen schöner. Ein großbusiges Vollweib Marke nordische Magda sah mich an. Nein, sie glotzte mich an. Ich nahm einen Schluck aus der Flasche, sah ihr Tief in die Augen und widmete mich dann einem etwas zarterem Modell, das direkt neben einem riesigen Boxenturm stand. Eine Ewigkeit hefteten unsere Blicke aneinander. Sie sprach Sex, das Luder und ich war der Cowboy. Jawoll.

In dem Bruchteil einer Sekunde registrierte ich alle Eigenschaften ihres Körpers: Schlankes Gesicht mit vollen Lippen, glänzendes Haar, gut proportioniert, sehr gut sogar um den Arsch herum. Offensichtlich genoss sie es. Sie bog ihren Körper durch um ihren Busen ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit zu schieben hatte damit Erfolg. Ich glaubte ihre Brustwarzen erkennen zu können. Langsam, mit gespreiztem Schritt, den Kopf erhoben wie ein hormonbehandelter Stierkämpfer stolzierte ich auf sie zu. Sie lächelte und der Blick, den sie mir zuwarf war voll Fleisch. Ich konnte ihre feuchte Möse riechen als ich einige Zentimeter vor ihr stehen blieb und ihr tief in die Augen sah. Bogard hätte sich eingeschissen.

“Trinken wir noch was oder wollen wir direkt gehen?”, hörte ich mich fragen.

Es dauerte lange, bis sie auf mich scharfgestellt hatte. Offensichtlich hatte sie schon einiges intus. Ich sah darüber hinweg.

“Ich hol dir mal ‘n Taschentuch.”, sagte sie und eierte zum Damenklo.

Das warf mich etwas aus der Bahn. Nach einigen Sekunden war sie wieder da und wischte mir im Gesicht rum.

“Hey…”, machte ich und griff nach ihrer Hand. Dann sah ich, dass das Taschentuch voll Blut war.

“Halt das mal so fesss.”, lallte sie.

Ich hielt mir das durchtränkte Tuch unter die Nase. Es war warm. Was war hier eigentlich los? Ich sah runter auf mein Hemd und stellte fest, dass es vollgeblutet war. Auch meine Hose war voller Blut. Aber mir tat nichts weh. Vorsichtig sah ich mich in dem Laden um. Die Sache musste ziemlich einseitig verlaufen sein. Niemand sonst leckte seine Wunden. Dann klingelte das Glöckchen and der Tür. Oh Gott, was hatte Barbara mir da für einen Scheiß angedreht?! Die Blonde kam mit mehr Taschentüchern zurück. Nach einer Weile bugsierte sie mich aus dem Laden auf die Straße. Dort übernahm ich und steuerte mit ihr auf den Kanal zu. Das war nicht einfach. Sie hatte Schlagseite und verhedderte sich in ihren langen Beinen. Als wir den kleinen Grünstreifen überquerten, blieben ihre Absätze im weichen Boden stecken und sie verlor in einer Tour ihre Schuhe. Irgendwann zog sie die Dinger aus und wir schafften es bis zu einer Bank, auf die wir uns erschöpft fallen ließen. Unsere Arme berührten sich und wir sahen geradeaus.

“Wie heißt du?”, fragte ich.

“Iss das wichtig?”

Sie hatte einen ganzen Stoß Papierhandtücher aus dem Klo mitgenommen und hielt ihn sich vor den Bauch. Ab und zu warf ich ein rotes Tuch in den Kanal und nahm mir ein neues. Die Blutung ließ nach. Unter dem Schein der Laterne betrachtete ich ihr Gesicht. Sie sah älter aus als in dem rot-blau-grünen Licht. Vielleicht war sie Ende zwanzig.

“Hast du Kohle? Dann hol’ ich uns wassu trinken.”

Ich gab ihr einen zwanziger und sie verschwand. Eine Ente kam und probierte ihre Stöckelschuhe. Nach ein paar Minuten war sie mit den Bieren und dem Wechselgeld zurück und ich knackte die Flaschen mit dem Feuerzeug. Eine gab ich ihr rüber. Vor den Toren der Stadt lag ein neuer Morgen. Mir war kalt.

“Hast du Lust, mit mir die Nacht zu verbringen?”, fragte ich.

“Ich bin suu besoffen.”

“Na und?”

“Nee. Wenn ich besoffen bin, mag ich das nich…”

Sie lachte und strich mir mit der flachen Hand über das Gesicht. Wir tranken aus und warfen die Flaschen in die braune Brühe. Ich versuchte sie zu küssen, doch sie wandte sich ab.

“Wo wohns’n du? Ich kann dich mitnehmen. Bin mit ‘m Auto da.”

“Welche Richtung fährste denn?”

Sie beschrieb mir den Weg und wir machten uns auf die Suche nach ihrem Auto. Als ein Taxi vorbeischoss und uns fast über den Haufen fuhr, fluchte sie dem Fahrer hinterher. Nach einer Weile standen wir vor ihrem gelben Renault Kastenwagen. Ein uraltes, rostiges Modell mit einem Schalthebel, der wie ein abgebrochnes Schienbein aus dem Armaturenbrett ragte. Umständlich versuchte sie den Schlüssel aus ihrer Handtasche zu angeln. Dabei kippte sie die Hälfte des Inhalts auf den Teer. Tabletten, Kondome, drei verschiedene Schachteln Zigaretten, Lippenstift, wasweissich. Das alles lag verstreut auf dem Boden, war teilweise unter den Wagen gerollt. Sie fluchte. Ich ging in die Knie und suchte das Zeug wieder zusammen.

“Du kannst nicht mehr fahren. Bist ja viel zu besoffen.”, sagte ich nachdem ich ihr alles wieder in die Handtasche gestopft hatte.

“Dann fährs eben du.”

Ich schloss die Kiste auf und quetschte mich hinter den Lenker. Der Wagen war lächerlich klein und niemals für Europäer gebaut worden. Allenfalls für Italiener. Ich trat die Kupplung durch und ließ den Motor an. Alles klar. Dann kam das Problem mit dem Schalthebel.

“Der ersse is nach hinten raus.”, lallte sie.

“Was?”

“Der ersse Gang is nich vorne lings. Is hinten lings. Der sweite is vorne.”

Ich entschied, dass es letztenendes egal sei, ob ich im ersten oder zweiten Gang anfahre. Doch der Rückwärtsgang machte mir wirklichen Ärger. Vor uns parkte ein recht neues Model und ich war mir sicher, dass irgendwo über uns ein Typ in seinem Fenster hockte, die Ellenbogen auf ein besticktes Kissen gestützt und auf sein neues Auto runtersah. Die eine Hand am Arsch und die andere am Telefonhörer. Nur für den Fall. Nach zehn Minuten Kurbelei hatte ich den Wagen aus der Parklücke und wir rollten im dritten Gang über die Stadtautobahn. Jedesmal, wenn ich in den vierten schalten wollte, erwischte ich den Rückwärtsgang. Also ließ ich das bleiben.

Sie lotste uns durch die Stadt. Den Bezirk hatte ich noch nie gesehen und langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Und die Blonde baute zusehens ab. Immer öfter beobachtete ich im Augenwinkel, wie ihr der Kopf auf das Kinn oder gegen die Scheibe fiel. Ich weckte sie an jeder Kreuzung und wie ein Automat gab sie ihre Anweisungen. Hier rechts, links, und so weiter.

Vor einem riesigen Plattenbau hielt ich an. Sie stieg aus, steckte nochmal den Kopf zur Tür rein und ich konnte ihr ein wenig in den Ausschnitt schauen.

“Dann mach’s ma gut.”, sagte sie und schlug die Tür zu.

Ich blieb in dem Wagen sitzen. Ich machte den Motor aus. In meiner Hosentasche fand ich eine Schachtel Zigaretten. Softpack. Völlig hinüber. Ich fand eine, die nicht durchgebrochen war und steckte sie mir an. Plötzlich war der Ausschnitt wieder in der Tür.

“Den Wagen kannse mitnehmen.”, sagte sie und schlug die Tür zu. Ich sah ihr nach und fragte mich, wo wir ihre Schuhe verloren hatten. Ich rauchte auf, warf die Schleuder wieder an und versuchte, den Weg nach Hause zu finden. Als ich in meine Straße einbog, zappelte die Tanknadel kurz vor Ende Reserve. Ich fuhr an meiner Wohnung vorbei, bog rechts ab, dann nochmal links und parkte den Wagen ein Stück hinter dem Polizeipräsidium. Ich schloss die Türen ab, kontrollierte nochmal ob das Licht aus war und ging zurück. Neben der vergitterten Tür war eine Klingel angebracht. Ich drückte drauf. Ein kleines Fenster neben mir ging auf. Ich musste mich vorbeugen, um hineinsehen zu können. Im Loch erschien ein dicker Bauch in Polizeiuniform.
“Was gibt’s?”, fragte der Bauch.

“Da draußen steht so ein gelber Kastenwagen. Auf dem Dach lagen die Schlüssel hier. Ich dachte, jeden Tag eine gute…”, ich brach ab und hielt die Schlüssel in das Loch. Verkrustetes Blut an meinen Fingern. Der Bauch zog sich einen Handschuh an und nahm die Schlüssel. Dann verschwand der Bauch. Ein runder, frisch rasierter Kopf erschien und glotzte mich an. Erst mein Gesicht, dann mein blutgetränktes Hemd. Daran hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.

“Danke.”, sagte der Bulle, “Alles Ok mit Ihnen?”

“Sicher.”

Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und wartete bis er mich fertigbetrachtet hatte.

“Sonst noch was?”, fragte er nach einer Weile.

“Nee”, sagte ich, “schönen Tag noch.”

Das Fenster ging zu und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Langsam schritt ich in eine große Versammlung zehamputierter Tauben. Als ich mittendrin war, hob ich die Arme und schlug wild mit den Flügeln. Was für ein Theater!

(2003)


Steinbart, Februar 2010.


 

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