Der neue Mensch

Das Vieh wird zusammengetrieben. Jeder bekommt seine Nummer, ein junger Automat aus den Vereinigten Staaten von Amerika erledigt die Gravur unter dem Handgelenk in no-time und mit einer individuellen Note. Das tut ein bisschen weh, aber wir haben Sensationen gegen den Schmerz. Nur keine Angst. Unabhängigen Studien zufolge geht der neue Mensch sehr freiwillig ins Ghetto, lachend und mit einer Plastiktüte voller Exkremente. Wir sind weit gekommen. Oh ja.

Die Zäune führen keinen Strom mehr, die Türme stehen leer, blinde Zielfernrohre, es wird nicht mehr geschossen. Das moderne Konzentrationslager ist vollklimatisiert und hat einen kolossalen Flatscreen in jeder Baracke. Es gibt Pringles und Cola und Sofas und Dildos und lustige Zerrspiegel mit Fernsehshow-Overlay, für jeden was dabei. Das Wachpersonal hütet das Kokain, das Heroin, LSD und Opium, hütet die Illusion der Erkenntnis und die unbezahlbaren Frauenkörper, hütet die rezeptfreien Gifte und Gegengifte, den technologischen Fortschritt. Aber immer freundlich, nah dran am Kunden.

Selbstverwaltete Bordelle in denen auch das Unmöglichste geht, Therapiezentren für Paranoide, für Depressive, für Katzenliebhaber und Kinderschänder, für Revolutionäre und Freizeitsportler. Die Struktur ist weitestgehend dynamisch und passt sich dem Markt an. Unser Serviceteam ist zur Stelle, wenn Symptome nicht zugeordnet werden können und bei Problemfällen sind wir in der Lage, zu jeder Lösung einen Gegenentwurf zu veröffentlichen. Unser Arm ist lang.

Mönch ruft um 04:32 an. Er sagt, er sei gerade aus einem schrecklichen Traum aufgewacht. Ich höre ihm zu, höre mir die ganze Geschichte an (Endlose Tunnelsysteme, Flucht vor einem unsichtbaren Gegner, Monsterwellen aus Menschenkörpern, usw.) und versuche ab und zu ein Geräusch zu machen, damit er weiß, dass ich nicht aufgelegt habe.

“In meinen Träumen”, sagt er anschließend, “bin ich oft an denselben Orten. Kitschige Küstendörfer, die ich im wachen Zustand nie gesehen habe. In meinen Träumen kenne ich die engen Straßen, die Plätze mit den Feigenbäumen in der Mitte und den Weg zum Strand. Als hätte ich mein ganzes Leben dort verbracht.”


Steinbart, April 2011.


 

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