Das Volk ohne Köpfe. Draußen, vor dem Kellerfenster gehen sie vorbei, schlendern durch die Duftwolken aus Porno und Propaganda, mit verkrusteten Blutbahnen voller synthetischer Drogen, die sie sich ganz legal im Einkaufszentrum besorgt haben, rezept- und risikofrei, drehen die Hälse auf ihrem Torso nach Ärschen und Titten und Tüten um. Dann gehen die Sirenen an und sie stürmen die Angebote, trampeln sich über den Haufen und der Sicherheitsdienst hat alle Hände voll zu tun, um diejenigen in Schach zu halten, die nicht mehr in den Laden passen, die mit Schaum vor dem Mund. Das Volk ohne Köpfe. Allesamt Individualisten, mindestens aufgrund der einzigartigen Kombination von Labels auf ihren Jacken und Hosen und Schuhen.
Vor dem Kellerfenster rennen sie zu ihren Jobs, masturbieren dabei ungeniert mit dem Telefon in der freien Hand und steigen anschließend in ihre mit Demokratie und Siebzig-Zoll-Fernsehern bestückten Tarnkappenbomber, um eine andere Welt der eigenen gleichzumachen. Hier ein besoffener Filmstar, hier ein guter Diktator, hier ein böser Diktator, Retortenmusik und Silikonimplantate dazwischen. Der täglich mißratene Maskenball samt Kollateralschäden. Dröhnende Bässe oder Bomben vom Volk ohne Köpfe für das Volk ohne Köpfe. Lange lebe… ach Scheiße… Und der gekaufte Quotenpunk mit seiner Kolumne fragt nach der Befindlichkeit der jungen Deutschen Literatur, hier, in dieser öden Wüste aus Schmerzmitteln und Makeup, wo die Kakteen Eigentum der Pharmaprinzen und die einzigen Oasen glitzernde Medienpaläste sind, in denen die lackierte Pussy einer Millionärstochter für denselben Preis gehandelt wird wie die Opferzahlen der gerade aktuellen Katastrophe. Wo Narzissmus die angesagte Religion ist und die Querläufer und Verlierer der Veranstaltung erst belächelt und dann ausgesperrt werden, vom Volk ohne Köpfe, selbstregulierend sozusagen. Bis einige von Ihnen als Zombies zurückkommen, mit großkalibrigen Automatikwaffen und einer Scheißwut, die hinterher dann solange in ihre Bestandteile zerlegt wird, bis man jemanden gefunden hat, der sich keinen Redakteur für eine Gegendarstellung kaufen kann. Der Wein ist alle, verdammt nochmal.
Und es wird hell. Schritte vor dem Fenster, jetzt geht es wieder los. Ich bin nicht mal mehr sauer. Ich bleibe einfach hier drin liegen. In diesen ersten, lauwarmen Sonnenstreifen, die sich in krakeliger Geheimschrift über die Laken winden. Bleibe liegen, solange es geht. Ohne Radio und mit meinem Kopf auf deinem Schenkel, eine Zigarette zwischen den Lippen, die Augen geschlossen. Ich strecke meine Hand nach deinem Haar aus. Das Notizbuch fällt vom Bett und bleibt aufgeschlagen liegen. Du hast tollwütige Füchse reingemalt, die mir sehr ähnlich sehen. Auf jede blanke Seite einen. Du Luder.
Steinbart, März 2011.




