Defekt

Ich habe eine Frage an dich, das Mädchen mit den kilometerlangen Beinen und der festen Haut, den strammen Nippeln unter dem strammen Bikini-Top. An dich, das Mädchen mit dem glatten schwarzen Haar, das sich wie die junge Hand eines Novizen auf deine Schulter legt, sanft und gutmütig. An dich, Mädchen ohne Muttermal, ohne Asymmetrie, ohne aus dem Ruder geratene Proportionen. An dich, beschenktes Seidenmädchen, dein weiches Gesicht und deine Lippen, die immer ein bisschen feucht scheinen und sonst wie eine Blüte. An dich, die du souverän auf deinen Zwölf-Zentimeter-Absätzen durch die geflieste Zelle stakst, zu sicher für dein Alter, zu forsch für deine Unschuld und Kreise ziehend um einen Abfluss im Boden.

Ich habe eine Frage an dich, die du dich vornüber beugst und mir einen umfassenden Blick auf deinen Arsch und die versteckte aber funkensprühende Spalte dazwischen gestattest, während du den weißen Hasen vom Boden aufhebst, an den Ohren hältst und anschließend wie ein muffiges Paar Socken vor der Kamera schwenkst, bevor du ihn aus Augenhöhe auf die Fliesen knallen läßt. Die Kamera bleibt bei deinem Glucoselächeln, hilfloses Trappeln unterhalb des Bildausschnitts, und ich noch so: Lass doch das Scheißvieh und mach den Bikini runter, Mensch!

Ich habe eine Frage an dich, die du sechsundzwanzig Minuten und acht Sekunden später durch die im Raum verteilten Gedärme schlenderst, auf rote Fetzen Fell trittst und den Fuß drehst, als würdest du eine Kippe ersticken. An dich, die du mit deinen Schuhspitzen kleine Stückchen lauwarmen Kadavers anstupst, als könnten die wieder aufwachen und einen Fluchtversuch unternehmen. Blut läuft in dünnen Rinnsalen auf den Abfluss zu. Blut an den Wänden. Niemand hatte eine Mordswut im Bauch und das hier ist auch keine explodierte Weinflasche. Deine Hände sind sauber und ruhig, dein Blick klar und direkt. Mit einem angedeuteten Gruß in die Kamera und einem zarten Lächeln wendest du dich ab. Die Zwölf-Zentimeter-Absätze klickern auf den Fliesen. Das Schlachthaus deines Lebens.

Ich habe eine Frage an dich.


Steinbart, März 2011.


 

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