In meinem derzeit vereisten und verschneiten Hinterhof lebt eine sonderbare Person: So um die sechzig Jahre, Halbglatze und die Hose so hochgezogen, dass es schmerzhaft aussieht. Morgens stellt er eine Tüte unbekannten Inhalts an der Tür zum Hof ab, geht die Stufen zur Kellertür runter, schließt auf, verstaut den Schlüssel in der Tasche und geht hinein. Bevor er tatsächlich den ersten Schritt in den Keller setzt, klopft er sich allerdings mehrfach auf die Jackentasche um zu prüfen, ob er den Schlüssel wirklich eingesteckt hat. Nach wenigen Minuten kommt er zurück, mit seinem Fahrrad, trägt es die Treppenstufen hoch, klappt den Ständer aus und stellt es ab. Dann dreht er sich und geht die Tüte mit unbekanntem Inhalt holen. Wie schon gesagt ist der Hinterhof derzeit vereist und verschneit. Der Ständer sinkt also in den Schnee ein und das Fahrrad fällt um. Bevor er seine Hand nach der Tüte ausstrecken kann, hört er das Scheppern. Der Mann erschreckt sich nicht, ist nichtmal genervt. Er geht zurück und hebt das Fahrrad auf, hält den Lenker auf Armlänge von sich entfernt und läßt den Blick über die blankgeputzten Stahl schweifen, sucht nach Schrammen oder anderen Verletzungen. Dann kniet er sich hin, rüttelt er am Ständer, klappt ihn ein und wieder aus, und stellt das Fahrrad dann wieder hin. Nachdem es zwei weitere Male umgefallen ist (zur Tüte hat er es immernoch nicht geschafft), lehnt er das Fahrrad schließlich an die Hauswand, rüttelt am Lenker um sich zu vergewissern, dass die Installation jetzt hält und holt die Tüte. Die schnallt er dann mit einem Riemen auf dem Gepäckträger fest, schließt die Kellertüre ab und verstaut den Schlüssel in der Jackentasche (klopf, klopf). Er steigt auf, klingelt und fährt vorsichtig vom Hof.
Übrigens kommt er nach wenigen Minuten zurück und die ganze Nummer läuft dann rückwärts. Ich nenne ihn jetzt mal Walter.
Steinbart, Februar 2010.




