Ostkreuz. Der Mann mit dem altmodischen Hut steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite und sucht etwas in seiner Manteltasche als dem kleinen Mädchen das Eis runterfällt und auf einem gefrorenen Haufen aus Schneematsch landet. Der Schneehaufen ist mit einer dunkelgrauen Schicht Dreck überzogen, und sie wollte ihn gerade überqueren, um ebenfalls auf die andere Straßenseite zu gelangen, als das Malheur passiert ist. Sie unterdrückt einen Fluch. Drüben fischt der Mann einen Lederhandschuh aus seiner Tasche, schlägt ihn ein paarmal gegen den Oberschenkel und zieht ihn anschließend an. Das Mädchen hat langes, blondes Haar, die Nase gerümpft und ihre Stirn liegt jetzt in Falten, was bei einem so kleinen Mädchen besonders tragisch aussieht. Sie zögert. Mittlerweile sucht der Mann die andere Manteltasche nach dem zweiten Handschuh ab, findet aber erstmal ein Papiertaschentuch, das er klein zusammenknüllt und dann heimlich fallen läßt. Eine gesichtslose Frau und ein kleiner Hund, der einen kurzen, gestrickten Schal um den Hals trägt, gehen vorbei. Der Hund bleibt an dem Schneeberg stehen, auf dem das Eis liegt wie ein umgestürzter Grabstein in vanillegelb mit Schokoglasur. Dann strafft sich die Leine und der Hund wird mit einem knappen Jaulen fortgerissen. Das Mädchen sieht kurz dem Hund nach, der jetzt mit vorwärts gestreckten Beinen über die schmutzige Mischung aus Schnee und Sand gezerrt wird und trifft eine Entscheidung. Der Mann mit dem Hut findet den zweiten Handschuh und reckt ihn triumphierend in den Himmel.
Als ich ankomme, stinkt die ganze Wohnung nach verbranntem Körper. Mönch sitzt auf dem klebrigen Sofa, halbnackt und mit einem Feuerzeug in der Hand, und brennt sich die Härchen an seinen Armen und Beinen ab. Es knistert und qualmt während er mit zügigen Bewegungen die Flamme über die Haut führt. Ich gehe in die Küche, nehme mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setze mich dazu.
Da ist so viel Platz zwischen diesen Bildern. Man könnte ganzes Universum darin unterbringen.
Steinbart, Februar 2011.




