Geht los, gedehnt: Fuuucking Helll, na klar weiß ich, dass du ein großzügiger Mensch bist. Dass du dem abgerissenen Vier-Saiten-Gitarrero in der U8 keine fünfzig Cent gegeben hast, nicht mal zehn oder zwanzig, lag einfach daran, dass du ernsthaft in dein Buch vertieft warst und überhaupt nichts von seinem Vortrag mitbekommen hast. Voll verpeilt, ich weiß. Ich weiß ja auch, dass du ein sehr cooler und wahnsinnig entspannter Mensch bist. Ziehst in den angesagtesten Kiez der Stadt und hängst dich um kurz nach Mitternacht in die Warteschleife der 112, weil die Party nebenan immernoch nicht vorbei ist. Hörma, das war krass laut, sagst du, an ‘nem Dienstag. Und authentisch bist du auch. Ja. Das vor allem.
Ich sehe dich jetzt fast täglich, dich eifrigen Kreativling. Mit deinem Pappbecher dampfenden Kaffees eilst du busybusy die Straße runter, der Daumen deiner freien Hand hackt die kleine Rangelei zwischen den Türkenjungs vor dem Kulturklub als Status-Update in dein Handy. Dabei fällt dein Scheitel gerade richtig ins Gesicht.
Abgehört im Leuchtturm Wärmekraft Neukölln.
Die Generation Affen Wireless. Sie kommen von Nordwesten die Straßen runter, nehmen einen Häuserblock nach dem anderen und installieren ihre Bars, Clubs und Wohnzimmer, ihre Galerien, Ateliers und Burger-Buden in den erkämpften Ruinen. Sie kommen mit nagelneuen Flohmarktmöbeln und nagelneuer Flohmarktmode und treiben die Mieten hoch, treiben die Ratten auf die Straße. Mutige Pioniere auf handgeschnitzten Fahrrädern, mit iPhones und frisch geborenen Rassehunden. Und wenn das Gelände dann ausreichend desinfiziert, verstyled und abfotografiert ist, hängen sie an den Kanalbrücken rum und schmeißen ihre Club-Mate-Flaschenpost ins Brackwasser. Sie sind die Meister der Signale und haben niemals Langeweile. Niemals.
Karmapunkte für den elektronischen Hirten in Mexiko: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Level up mein Kleiner.
Steinbart, April 2011.




