Acht Tage

Im zweiten Stock gibt es ganz am Ende des Flures eine Wohnung, die der Hausmeister bewohnte bevor die Sponsoren dieser Klinik anfingen, sämtliche Spuren ihrer Beteiligung an diesem Projekt zu verwischen und der Hausmeister gefeuert wurde. Schuld daran war der Leysen-Skandal Anfang letzten Jahres, bei dem ein Patient aus der Offenen Experimentellen seine Behandlung abbrach, raus in die Welt ging und sich einbildete, sein Leben sei eine neoreale Fehlkonstruktion basierend auf einem korrumpierten Bewußtsein. Er nahm sich vor, die Dinge in seinem Schädel selber in Ordnung zu bringen. Es fing eigentlich ganz harmlos an.

“Bei seiner Entlassung traf er die Entscheidung, nie wieder eine einzige Lüge auszusprechen. Er verließ das Klinikgebäude, schlenderte Richtung U-Bahn und klappte sein Handy auf. Innerhalb von drei Telefonaten hatte er seinen Job und seine Frau verloren.”

Leysen stieg nicht in die U-Bahn. Stattdessen kaufte er sich ein schwarzes Notizbuch, einen Kugelschreiber und eine Armbanduhr und begann einen Trip of Gore & Glory, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Jede volle Stunde blieb er genau da stehen wo er sich gerade befand und schrieb auf, welche Gedanken ihn in den letzten sechzig Minuten beschäftigt hatten. Diese Aufgabe nahm er peinlich genau. Selbst als die Beamten des Sonderkommandos ihn bereits eingekreist hatten, wollte er noch einmal sein Notizbuch rausholen. Später sprach man von Notwehr und einer erhöhten Gefahrenlage. Da Leysen in den drei Tagen von seiner Entlassung bis zu seinem Tod keine einzige Minute geschlafen hatte, ist sein Tagebuch jetzt das mit Abstand wertvollste Schriftstück, dass jemals in einer Asservatenkammer lag. Die Gebote liegen mittlerweile im sechsstelligen Bereich. Unter den Höchstbietenden sollen sich die beiden stärksten Boulevardblätter, das BM.I sowie ein Hauptaktionär der Nachrichtenagentur Reuters befinden. Gerüchte, man kennt das ja.

Wir kommen seit zwei Tagen in die leerstehende Wohnung im zweiten Stock. Die Schwester und ich. Immer abends, nach sieben Uhr. Die Bude ist eigentlich nur ein modifiziertes Krankenzimmer, dem man mithilfe von ein paar Farbtöpfen und einigen Katalogmöbeln seine sterile Visage korrigiert hat. Anderes Bett, andere Stühle, der Fernseher steht auf einer Kommode statt wie eine Spinne in der Ecke zu hängen, es gibt einen Kühlschrank und ein Sofa. Die Schwester macht eine Kerze an und wir setzen uns auf das Bett.
“Wieviele Tage noch?”
“Acht.”
“Und dann kann ich gehen?”
“Dann kannst du gehen.”
“Dann bin ich geheilt.”
“Du mußt sie auch saugen…”
“Was?”
“Abwechselnd… mit der Zunge spielen und dann wieder saugen. Nimm sie richtig in den Mund und… genau…. mmmh…”
Zugugeben, die angewandten Methoden mögen zeitweise etwas bizarr erscheinen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wie viele unserer sogenannten Errungenschaften basieren auf Experimenten, die vor einigen Jahren noch als makabere Scharlatanerie verurteilt wurden? Zweifellos werden hier neue, vielversprechende Behandlungswege eingeschlagen. Aber wir schieben doch auch nur den Regler nach rechts, dieses drecksversaute Luder und ich.


Steinbart, Dezember 2011.


 

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