75 BPS

Hinter den Mauern stampft eine Maschine. Tag und Nacht. Der Aufprall eines großen, stumpfen Gegenstandes auf Stahl, mit etwa 75 Schlägen pro Minute. Ich nehme das durch meine Schmerzen hindurch wahr, die ich durch den Schleier schmerzlindernder Rauschmittel wahrnehme. Es könnte auch mein Herzschlag sein, doch ich glaube, es ist eine Maschine. Es hört nie auf.

Der Junge steckt mir kleine Tabletten in den Mund. Dafür muss er nichtmal aufstehen. Tabletten gegen die Schmerzen, die vom unteren Ende meines Körpers herwehen, wie ein tropischer Zyklon. Ich schlucke Wasser aus einer Schnabeltasse, die er mir an die Lippen hält, verschlucke mich. Der Junge nickt zufrieden und wendet sich dann ab, seinem Notebook zu, das auf einem weißen Tisch neben dem Bett steht. Wahrscheinlich bin ich in einem Krankenhaus. Der Junge hat eine Schlafgelegenheit in einem Teil des Raumes, den ich aus meiner Position nicht einsehen kann. Wenn er schnarcht, muss es Nacht sein. Es gibt weder Fenster noch Fernseher und sein Schnarchen ist die einzige Orientierung. Ich werde fast verrückt wenn der Bengel pissen geht.

Mein Körper ist vermutlich ruiniert. Genaues kann ich dazu nicht sagen. Ich liege festgeschnallt in einer Art Schale aus übel riechendem Hartschaum und die lässt mir null Bewegungsspielraum. Ab und zu kommen ein paar muskulöse Menschen und drehen mich umständlich auf die andere Seite und ich versuche dabei angestrengt, irgendein Geräusch zu machen um ihnen zu signalisieren, dass mir das überhaupt nicht gefällt. Leider kommt kein Geräusch aus mir raus. Und so lasse ich sie machen und warte sehnsüchtig auf den Moment, in dem ich vor Schmerzen bewußtlos werde. Wieder wach starre ich dann die weiße Wand an. An der Wand befindet sich eine technische Leiste mit allen möglichen Steckdosen, Schaltern und Kabeln. Einige der Kabel verschwinden unter meiner Decke. Vielleicht verursachen sie die Schmerzen. Aber wie die Dinge im Moment stehen, kann ich mir auch da nicht sicher sein.

Wenn ich auf der guten Seite liege, kann ich den Monitor des Jungen sehen. Ich sehe, welche Webseiten er anschaut und auch, wenn sein rechter Arm anfängt, rythmische Bewegungen zu machen. Der Junge masturbiert bis zu zehn mal zwischen den Schnarchpausen. Und er redet mit sich selber. Und hier beginnt das Protokoll, um das es eigentlich geht.

Eins. Email. Absender Franzi. Attachment DSC0933.jpg. Speicherung des Bildes unter Meine Bilder/Franzi. Stark geschminktes Gesicht, tiefer Ausschnitt. Verzweifelte Hausfrau. Der lange Text schnell überflogen. Laber, laber, laber. Antwort: Vielen Dank für deine Mail. Du machst mich wirklich neugierig. Zeig mir M E H R vor dir. Kuss! Titten, verstehste? TITTEN!!!

Zwei. Facebook. Keine neuen Nachrichten. Zwei Benachrichtigungen. Panalia hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt. Halloho?! Weltmeistertitten! Bestätigung der Anfrage. Panalia eine Nachricht schicken. Du bist… Du hast… Haben wir uns nicht auf der Party von Frank kennengelernt? Du hast… Abbrechen. Oh Baby! Jose hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt. Fick dich. Bestätigung der Anfrage.

Drei. Spiegel. Videoseite. Nachrichten über einen Streik in Spanien, einen Waldbrand in Israel, Vergewaltigungsvorwürfe gegen Wikileaks, dann auf Wikipedia nach Wikileaks suchen, nach dem halben Text Wechsel zu Youporn “Beauty, Big Tits, Anal”, Masturbation, Ejakulation in ein Taschentuch, zurück zu Wikipedia.

Vier. Email. Absender Franzi. Attachment DSC0989.jpg. Speicherung des Bildes unter Meine Bilder/Franzi. Stark geschminktes Gesicht, schlaffe Brüste mit Pfannekuchennippeln. Ihre Nachricht: Du gehst ja ganz schön ran! Oh. Mein. Gott.

Fünf. Facebook. Nichts.

Sechs. Spiegel. Nichts.

Sieben. Youporn. Zurück. Youtube. Ziellos durch die aktuellen Videos geklickt, nie länger als elf Sekunden bei einem hängen geblieben. Einmal kurz gelacht.

Acht. Flashgame. Kleine Monster werden von Türmen erschossen.

Neun. Email. Nichts. Facebook. Nichts. Wikileaks. Server nicht gefunden. Scheisse, die Tabletten!

Ich habe meine Pillen geschluckt. Das Notebook ist jetzt aus. Es ist ziemlich dunkel im Zimmer. Ein schwacher, rötlicher Schein kommt von hinter der Ecke. Von da, wo der Junge schläft. Die Farbe ändert sich manchmal, der Schein wird heller, dann wieder dunkler. Draußen stampft die Maschine mit 75 Schlägen pro Minute. Es könnte auch mein Herzschlag sein, doch ich glaube, es ist eine Maschine.


Steinbart, Dezember 2010.


 

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