In "Notizen".

Ramonas Sensation

Die Grafikerin und Buchgestalterin Ramona Heiligensetzer hat eine zweihundertachtseitige Sensation gebaut, die äußerst schick aussieht, sich genauso gut anfaßt und selbstverständlich lesenswert ist. Ich weiß das alles, denn neben mir steht eines der wenigen Exemplare. Ob es davon mal mehr geben wird hängt unter anderem davon ab wie sehr ihr jetzt zu kreischen anfangt – wir reden digitales Kreischen, auf allen Kanälen. Interessierte Entscheidungsträger aus dem Verlagswesen dürfen sich auch gerne direkt bei Ramona melden.

Porno & Propaganda aus Berlin: Im Buch gibts die besten Texte von Januar 2010 bis Dezember 2011. Übrigens, die Sahnehaube von einem Vorwort entspringt der mezcalverklebten Tastatur Airens, der sich hier und da rumtreibt und dem man unbedingt auch einen Besuch abstatten sollte.

So, ich mache jetzt mal die Bühne frei für Buchgestalt vom Feinsten:

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Zitramon

Resteessen: Eine Auftragsarbeit von 2011 (Betextung einer deutsch-russischen Foto-Love-Story):

“Also das lief so gestern Nacht: ich voll im Club Herzblatt… ziemlich am tanzen und zack, diese beiden Vögelchen aufm Rücksitz meiner Goldkutsche, die hießen irgendwas mit Ma oder Da am Anfang oder so und Drüsen hatten die… wirklich überirdisch… stehen natürlich auf Ledersitze, eh klar, und ich uns so zum shoppen an die Tanke und dann raus aus der Stadt, mit Überschall so und, oh meine Brüder aus der kalten Platte, es wurde ein geiles Fest der Liebe… zu dritt auf der Datscha, laue Nacht… ich voll am Grill und die Weiber voll so am lachen und singen, Mensch diese Vögelchen… ernsthaft, die zwitscherten so Lieder aus deren Heimat… hab ja fast ‘nen Schlaffen gekriegt davon… und gesoffen haben die… als gäbs kein Morgen, und nach den Liedern haben wir die Mieder geniedert, haha, ich wieder, euer Marzahnsky Poet, die Lieder geniedert, haha, das ist gut… naja, ein bisschen getanzt, ein bisschen geschwitzt, was weiß ich… aber denen hab ich mal so richtig Feuer unterm Arsch gemacht, hehe, Masha, Magda, Dasha, was weiß ich Mensch, kann mich doch nicht mehr erinnern, Scheiße meine Brüder, lasst uns hier abhauen. In die Sauna.”

Harte Gezeiten

Bullet-time im Halbdunkel eines anbrechenden Tages. — Könntest du jetzt bitte abhauen? — Kannst du mir nicht wenigstens einmal was nettes sagen? Dass du mich magst oder sowas?

Feiner Staub im Gegenlicht, das durch ein neues Loch ins Zimmer fällt, Schweißgeruch und der Geruch von getrockneten Säften, mein Kopf ist unklar, du startest eine halbe Drehung, dein Blick gleitet in Zeitlupe über den Boden, tausende Bilder pro Sekunde, der Fokus verabschiedet sich von den Staubpartikeln in der Luft, mir bleibt genug Zeit, jedes einzelne zu betrachten, während du langsam in die Schärfe rückst und ein paar Quadratzentimeter deines Körpers unter einem aktuell angesagten Stück Baumwolle verschwinden läßt, fair hergestellt für diese unfaire Szene, Schild und Helm gegen die Flut meines Schweigens, aufgenähte Labels, die Leuchtfeuer deiner Existenz.

Der Weg ist sicher, eine Eskorte überflüssig. Und jetzt mach’s gut.

Der Hut geht rum

Nicht meine Finger. Nicht meine Augen.

Ich habe jetzt einen flattr Knopf auf dieser Seite. Das System flattr ist so schön einfach, dass es in hundertunddrei Sekunden erklärt werden kann (einfach auf den Fernseher klicken). Dieser flattr Knopf ist quasi mein Hut an eurem Gehweg, da dürft ihre gerne ab und zu mal was reinfallen lassen, das gibt Karmapunkte satt und schließlich kriegt ihr mein Solo ja auch für lau. Danke.

No-Glue No-Tools and a Handsfree Cumshot

Ein großer Haufen Scheiße statt mir einfach etwas Geld zu leihen. Fünfundvierzig Minuten lang höre ich mir seine realistischen Einschätzungen an, schiffbrechende Tilgungsraten, selbstbefeuchtende Zinsen, etc etc. Dann lege ich auf und im darauf folgenden Moment intesiver Stille springt der Kühlschrank an. Mein Einsatz war zu hoch. Meine Lüge zu kühn. Mönch wird später sicher noch Präsident werden. Ich bleibe für immer Maulheld.

Vorwärtssalto in den späten Nachmittag. Frühlingsduft wie aus der Dose (Sibirische Birke) vermischt sich mit dem Geruch von heißem, dampfendem Kaffee. Vögel zwitschern in den Bäumen und wohlkonfigurierte Kinder spielen unter der Aufsicht einer Handvoll Handykameras auf der kleinen, quadratischen Wiese in meinem Hinterhof. Das Geräusch eines Kaffeelöffel, der an der Tassenwand entlangklimpert – unbeholfen wie ein Besoffener auf dem Weg ins Bett. Volle Idylle.

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Kopf im Eisfach

Ich hänge auf allen Vieren vor dem Kühlschrank. Das Ding ist ausgemergelt, die Lampe kaputt und ich bin pleite. Nicht nur finanziell, sondern auch seelisch, sozusagen. Ein weiches Knie am Boden, trüber Flatterblick aus zugeschwollenen Augen und eine Faust, die nicht mal mehr der Gravitation trotzen kann. Finde keinen halben Euro im Saum meiner Lederjacke, keinen Tropfen Mut in meinem Kreislauf. Meine Schreibe ist zu einem saftlosen Recycling mittelprächtiger Ansätze verkommen. Das eifrige Vartamännchen hat sich leergefickt.

Feierabend für den Ballonverkäufer.

Nach fast drei Wochen ziehe ich den Kopf wieder aus dem Eisfach und stecke neu ab: Ich höre mit dem Saufen auf, mit dem Rauchen, mit allem was klebt. Stemme Hanteln stattdessen und ich werde mir ein buntes Schiff bauen, das mich raus auf den Ozean trägt. Vier Kilometer Finsternis unter dem Kiel schrecken mich weniger ab als diese wattierte Mogelpackung hier. Ein buntes Schiff am Hang mächtiger Wellenberge, weiße Segel vor dunklen Wolken, dreifach destillierte Sätze, geschrieben unter Deck, in tropfnassem Ölzeug, breitbeinig hinter den Kartentisch geklemmt. Und da draußen ist nichts außer jeder Menge Wasser und Himmel. Astreine Atemluft. Ich kann’s kaum erwarten.

Getrippe auf dem Sofa

Die schmerzfreie Zeit. Narkotisierte Ambitionen, stabile Seitenlage. Leise Molltöne aus kleinen Lautsprechern. Musik, die von mir abperlt als wäre ich eine Wachsfigur. Löffelweise bleierne Entspannung (zu den Mahlzeiten). Im Schatten des Kleiderschrankes das alte, quietschende Beatmungsgerät, gesponsored von Floor Otis. Alle Lampen leuchten grün.

Erinnerungen an eine Pulverstraße im Herbst, an aufgeräumte Begierde in leichten Kinderschuhen, den modrigen Geruch von Walnußbäumen. An Betonwelten mit Katzentüren durch die wir rannten, ohne den Kopf einziehen zu müssen. Darf ich sie anfassen?
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Kilo Sinnlichkeit

Ein Planet zirkelt im Halbschlaf seine Bahn ab. Mehr Angebot als Nachfrage. Werte, wohin man schaut. Verwahrlosung des berühmten ICH. Kilo Sinnlichkeit in der Fleischertheke, akrobatischer Sex unter Leuchtstoffröhren. Alles mitgeschrieben und als Anonym weiterverkauft. Zwei nordamerikanische Nippel im Tanga auf der Kreuzung. Von rechts ein lomoeskes Geweihfoto, von links ein russischer Schwertransporter, BÄM! (noch so ein Wort). Sensation! Fleisch! Abspritzen! Naja.

Um cirka fünf am Morgen spiele ich mit dem Gedanken, mich auf Vampirromane oder Fantasy zu verlegen.  Tausendseitige Seitenprojekte, die die Miete einfahren und mich relevant genug für Wikipedia machen. Zappa hats getan, Bukowski auch. [1] neue Nachricht. Um cirka fünf am Morgen stelle ich fest, dass ich zwar nicht die meisten Leser habe, aber dafür die schönsten. Und wenn ich mir angucke, wer in der Bahn die dicken Bücher liest dann bleibe ich doch lieber bei meinem Zeug.

Die Miserablen

Ein weiterer Traum der hintenraus zu einer Katastrophe wird, beginnt mit einem geraden Rücken. Ich werde hier jetzt nicht die erotischen Einzelheiten auflisten, nur so viel: Die Gastschluckerin hatte in ihrer Kindheit zu viele Schläge auf den Kopf bekommen und trug diesen jetzt in den Händen, zum Schutz vor den Attacken derjenigen, die ihr etwas über das Leben beizubringen gedachten. Sie war überzeugt davon, mit dieser Taktik die beschwanzte Hälfte der Welt ausgetrickst zu haben, blieb jedoch ein abgestürtzter Vogel mit zitterndem Brustkorb und einem planierten Selbstbewußtsein.

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Verzerrung

Mit einer Hose voll Angst hinter dem Publikum, über dem Publikum, fleischgewordene, stotternde Albträume auf der Suche nach neuen Wegen gegen den allgegenwärtigen, elektrischen Durchfall. Medizinische Bauernopfer gegen einen Feind, der seine Bakterien bereits lange vor der ersten Diagnose im Körper der Patienten installiert hat. Jetzt habe ich die Schnauze voll.

Fröhliche Runde weiter hinten. Es fällt mir nicht schwer, mich für ein Tier zu entscheiden als das ich gerne wiedergeboren werden möchte. Selbst bei dem vorherrschenden technischen Entwicklungszyklon wird das  Bartmännchen noch eine ganze Weile lang da unten seine Ruhe haben. Haha, Prost und dann weiterschlendern, in Gesichter starren, die sich vor meinen müden Augen verzerren, dabei angestrengt Stimmen dechiffrieren, die von einem kirre gewordenen Tontechniker an den Rand der Erträglichkeit gedreht wurden. Glitschige Pussies auf einem Tablett serviert – aber in Nächten wie diesen habe ich keinen Schwanz. Die ganze Fleischnummer ist auch nur ein großartiges Ablenkungsmanöver.

Macht die Tür hinter euch zu. Ich bin erschöpft.