In "Notizen".

Die Miserablen

Ein weiterer Traum der hintenraus zu einer Katastrophe wird, beginnt mit einem geraden Rücken. Ich werde hier jetzt nicht die erotischen Einzelheiten auflisten, nur so viel: Die Gastschluckerin hatte in ihrer Kindheit zu viele Schläge auf den Kopf bekommen und trug diesen jetzt in den Händen, zum Schutz vor den Attacken derjenigen, die ihr etwas über das Leben beizubringen gedachten. Sie war überzeugt davon, mit dieser Taktik die beschwanzte Hälfte der Welt ausgetrickst zu haben, blieb jedoch ein abgestürtzter Vogel mit zitterndem Brustkorb und einem planierten Selbstbewußtsein.

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Verzerrung

Mit einer Hose voll Angst hinter dem Publikum, über dem Publikum, fleischgewordene, stotternde Albträume auf der Suche nach neuen Wegen gegen den allgegenwärtigen, elektrischen Durchfall. Medizinische Bauernopfer gegen einen Feind, der seine Bakterien bereits lange vor der ersten Diagnose im Körper der Patienten installiert hat. Jetzt habe ich die Schnauze voll.

Fröhliche Runde weiter hinten. Es fällt mir nicht schwer, mich für ein Tier zu entscheiden als das ich gerne wiedergeboren werden möchte. Selbst bei dem vorherrschenden technischen Entwicklungszyklon wird das  Bartmännchen noch eine ganze Weile lang da unten seine Ruhe haben. Haha, Prost und dann weiterschlendern, in Gesichter starren, die sich vor meinen müden Augen verzerren, dabei angestrengt Stimmen dechiffrieren, die von einem kirre gewordenen Tontechniker an den Rand der Erträglichkeit gedreht wurden. Glitschige Pussies auf einem Tablett serviert – aber in Nächten wie diesen habe ich keinen Schwanz. Die ganze Fleischnummer ist auch nur ein großartiges Ablenkungsmanöver.

Macht die Tür hinter euch zu. Ich bin erschöpft.

Kino Pausenlos

Wir sind alleine und ich eröffne die Sitzung mit der Zungenspitze. Achtel Kraft. Das Fleisch ist warm und vibriert bei der kleinsten Berührung. Ob das hier ein Traum ist, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Hinter dem Fenster der Gesang von exotischen Vögeln, die sich im anbrechenden Tageslicht verstecken. Wie gesagt, könnte ein Traum sein. Zwischenschnitt auf das durchgeschwitze Kissen, auf dem sich ihr Haar mit jedem Atemzug neu arrangiert. Wie ein Ozean.
“Ist dir eigentlich klar, dass du in diesem Moment vollkommen bist?”
“Schhht. Mach weiter…”
Auf dem Tisch im Zimmer nebenan sitzt ein gestrandeter Pirat aus Plastik. Zerzaustes Haar, zerrissenes Hemd und eine Pistole im Gürtel. Er hält seit Ewigkeiten einen grünen Edelstein gegen die dreißig Watt Sonne der Schreibtischlampe. Ich kann mich nicht erinnern, wie er überhaupt zu mir gekommen ist. Er sitzt einfach da, hält seinen Stein hoch und betrachtet ihn skeptisch. Auch jetzt, während das Mädchen in ihren Handrücken beißt.

Portable Pornos

Ich hatte dich nicht, wie PR dich hatte, der über alle Kanäle in deinen glatten Körper eindrang, während ich meine Träume von dir in den Schlaf gesungen habe. Ihr und eure privaten Pornos, portable Pornos für den schnellen Einsatz auf dem öffentlichen Klo. Hoffentlich klingelt das Drecksding nicht wieder mittendrin. Jetzt bringen Sonnenwinde mich um meine Ruhe, Blitzkrieg im Kopf und ich bin nichtmal mehr in der Lage, mir dein Gesicht vorzustellen. Vorhin war es mit der Erschöpfung schon so weit, dass ich an mir runter sah und meine Beine betrachtete als wären sie die Prothesen eines Fremden. Außerdem habe ich seit Tagen nicht mehr gekackt.

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Stadtbrillanten

Auf einer Brücke aus Stahl warte ich auf den nächsten Zug. Drei oder vier Stunden nach Mitternacht und es scheint, als habe sich die gesamte Stadt gegen mich verschworen, Wunden lecken im Nieselregen, nach einer bekloppten Schlacht im Januar 2012, dem Jahr der Apokalypse, Ruhm oder Untergang, Scheiße, und kalt geworden ist es auch.

Glamourösen Abgang hingelegt auf der Party vorhin, erschlagen von Ambitionen, die auf dem Sofa ihre Bodies aneinanderquetschen oder mit dem Rücken an den Wänden lehnen, an Cocktails nippen oder vorsichtig ihre Flasche Bier Bier (letzte Saison) über den Abend verteilen, ey Alter, na klar, endgeil… Scheiße,  ich kann die nichtmal auseinanderhalten. Und obwohl die Boxen am Anschlag laufen und alle irgendwas zur Musik machen weht ein ziemlich frostiges Windchen durch die Bude – das ist der Tod, denke ich mir – ey Alter, kennen wir, endgeil…

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Notiz zum Ende der Welt

Da ist erstmal das Grau. Eigentlich kein sonderlich böses Grau, kein Weltuntergangsgrau aus dem Kino, mit überzogenen Kontrasten und der dramatischen Vignette. Es ist einfach so, dass die Sonne nicht mehr rauskommt, der Himmel wolkenverhangen ist und das schon seit Wochen. Wir wachen morgens in derselben farblosen Undeutlichkeit auf, in der wir uns ins Bett gelegt haben. Und wir gehen zur Arbeit.

Dann der Sturm. Kein sonderlich böser Sturm, kein Weltuntergangssturm aus dem Kino, mit wackeliger Handkamera und Autos, die mit dem Boden voraus auf uns zufliegen. Es ist einfach so, dass es stürmt. Wir gehen mit dem Heulen ins Bett und wachen mit dem Heulen wieder auf. Dann ziehen wir uns an und gehen zur Arbeit.

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Entlassung

Wintermorgen in dunkel und zu warm, 06:45. Ich habe eine Stunde im Zimmer des Doktors verbracht und bin mir jetzt sicher, dass er solide Nebeneinkünfte hat. Keine Spur von Aufrichtigkeit oder Mitgefühl. Er ist ein bezahlter Agent, ein Stimmungsmacher, wie die meisten Wissenschaftler da draußen.

Zurück im Zimmer bin ich gerade dabei, meine Sachen in die Tasche zu räumen als es an die Tür klopft. Da uns nur sehr wenig Zeit bleibt, bleiben uns nur Fetzen – kleine, vibrierende Filmschnipsel – die Umarmbung bei bereits geöffnetem Kittel, meine Hand in ihrem Haar (weich), Zähne und Lippen (warm), vermutlich steuern wir das Bett an, meine Zunge zart über ihrer Spalte (feucht), dann fester, während ihre Beine sonstwohin zeigen,
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Acht Tage

Im zweiten Stock gibt es ganz am Ende des Flures eine Wohnung, die der Hausmeister bewohnte bevor die Sponsoren dieser Klinik anfingen, sämtliche Spuren ihrer Beteiligung an diesem Projekt zu verwischen und der Hausmeister gefeuert wurde. Schuld daran war der Leysen-Skandal Anfang letzten Jahres, bei dem ein Patient aus der Offenen Experimentellen seine Behandlung abbrach, raus in die Welt ging und sich einbildete, sein Leben sei eine neoreale Fehlkonstruktion basierend auf einem korrumpierten Bewußtsein. Er nahm sich vor, die Dinge in seinem Schädel selber in Ordnung zu bringen. Es fing eigentlich ganz harmlos an.

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Die deutsche Spinne

Auf dem Boden neben einem der Tische im Fernsehraum finde ich einen Notizzettel mit Aufzeichnungen über die deutsche Spinne. Da ich in dieser Klinik alleine bin (abgesehen von der prallen Schwester und diesem verfluchten Schweinepriester, der hier als Doktor der Psychologie praktizieren darf) ist ein Zufall wohl ausgeschlossen. Ich sollte den Wisch finden. Der Zettel ist etwa zehn mal zehn Zentimeter groß und mit winzigen Buchstaben beschrieben. Meinem Urteil nach eine Männerhandschrift, aber bei Druckbuchstaben kann man sich da nie sicher sein. Abgesehen von der Überschrift gibt keine Absätze, ein Wort steht neben dem anderen, bis die Zeile voll ist.

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Therapeutische Sternstunde

Die letzten Tage verliefen ruhig, vorerst keine Arztbesuche mehr. Ich verbringe lange Stunden im Bett, zwischen halb Schlaf und halb Wach. Ein Zustand, der sich nur schwer einsortieren läßt. Jeden Abend gegen 19:00 Uhr kommt die Schwester mit ihrem Rollgestell und klemmt einen Schlauch an den Schmetterling, der schon vor Tagen seinen Stachel in meine Vene gesetzt hat. Vierzig Tropfen aus dem gelben Beutel bis zur lautloses Abwicklung meines Widerstandes, bis ich schließlich niemand mehr bin, formal gescheitert, der letzte Blick des Duellanten in die senkrecht stehende Sonne. Dann beginnt der Horror.

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